Luigi Preiti steigt in Gioia Tauro in Kalabrien in den Zug nach Rom. Während der Fahrt kontrollieren Bahnpolizisten den 49-Jährigen, reine Routine. Preiti, erzählen später die Polizisten, habe ruhig und gelassen gewirkt. Sie ahnten nichts von dem, was er vorhatte.

Preiti übernachtet in einem Hotel in Rom. Am Sonntagmorgen verstaut er eine Pistole und einige Dutzend Schuss Munition in einem Rucksack. Er geht zum Amtssitz des Ministerpräsidenten, dem Chigi Palast. Etwa einen Kilometer entfernt treffen sich die Minister der neuen Regierung Enrico Letta. Die Vereidigung beim Staatspräsidenten steht an.

Preiti erreicht den Palast. Er zieht seine Waffe, schreit zweimal "Tötet mich!" und feuert sechs Mal auf die Wachen. Zwei Polizisten und eine Fußgängerin werden verletzt.

Bereitwillig und detailreich hat Preiti dies alles nach seiner Festnahme erzählt. Anders als vermutet gibt es keine Anzeichen einer psychischen Erkrankung bei ihm. "Er ist eher verzweifelt", sagt der Staatsanwalt nach der Vernehmung.

Seine Tat soll Preiti bereits vor zwanzig Tagen geplant haben. Doch die Motive dafür liegen noch tiefer in der Vergangenheit. Bis vor drei Jahren lebte der gebürtige Kalabrier aus Rosarno in einer Kleinstadt in Piemont. Dorthin war er als Jugendlicher gezogen, auf der Suche nach Arbeit. Er gründete eine kleine Baufirma, fand eine Frau, wurde Vater eines Kindes.

Etwas Sensationelles tun

Doch die Geschäfte laufen offenbar schlecht, sein Leben bricht zusammen. Nachbarn sprechen von Spielsucht. Zuerst trennt sich Preiti von seiner Frau. Dann geht die Firma kaputt. Vor etwa zwei Jahren zog er zurück nach Kalabrien. Er wohnt wieder bei seinen Eltern und verdient Geld mit Kleinreparaturen. Seine Exfrau und sein Kind bekommt er nur selten zu sehen. So beschließt er, "etwas Sensationelles zu machen", wie er den Ermittlern sagte. Er will die Politiker, "die sich kaum um einfache Menschen kümmern", bestrafen.

Preiti ist nach allem, was man weiß, ein Einzeltäter, der anscheinend unter einer schweren psychischen Belastung litt. Doch seine Tat reißt die bröckelnde Struktur der italienischen Demokratie weiter auf. Er ist mittleren Alters, zornig, arbeits- und perspektivlos. Viele Italiener können sich mit dem gescheiterten Bauunternehmer identifizieren. Die Polizei spricht bereits von einem erhöhten Nachahmungsrisiko und verstärkte den Geleitschutz für Politiker.

Zwar scheinen Preitis Probleme zum Großteil aus eigenen Fehlentscheidungen zu resultieren. Doch das Schicksal des Kalabriers ist typisch: Ausgerechnet die Region Piemont, die früher viele Migranten aus dem Süden anzog, ist ein Brennpunkt für die Krise der kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Nach Angaben seiner Eltern suchte Preiti landesweit Arbeit – vergeblich. Denn für einen fast 50-Jährigen sind die Jobchancen sehr gering.

Solidarität von Polizisten

Auch gründete sich auf Facebook bereits eine Luigi-Preiti-Gruppe mit hunderten Anhängern. Hunderte Twitter-Nutzer verurteilen den Anschlag zwar, nehmen aber auch den Täter in Schutz. "Sobald die Krise alle erwischen wird, werden wir alle Luigi Preiti sein", schreibt einer. Sogar Kollegen der schwer verwundeten Polizisten zeigen Mitleid: "Es ist eine Tat der Verzweiflung, ein Krieg unter Armen. Die Politiker wissen nicht, wie man mit 800 Euro im Monat lebt", sagte ein Polizist der italienischen Huffington Post.

Auch die Spitzen der Großen Koalition aus PD, PDL und Bürgerwahl sind uneins. Während einige PD-Abgeordnete den Anschlag als tragische Folge einer angespannten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage sehen, wiesen ihre PDL-Kollegen auf die Gefahren von "Hasspropaganda" hin. Gemeint ist der Anführer der "Fünf Sterne Bewegung", Beppe Grillo, der schon lange mit einem Aufstand gegen die Politiker drohte. Grillo selbst beteuerte nach der Tat, seine Bewegung sei absolut gewaltlos.

Keine Komplizen, kein Plan

Nach zwei Monaten politischem Chaos sollte die neue Regierung die Lage in Italien entspannen. Doch Preitis Anschlag erstickte diese Hoffnung. Gleichzeitig werden Erinnerungen an die Vergangenheit wach: Kommentatoren ziehen Parallelen zum Terrorismus der siebziger Jahre. Auch damals gab es eine schwere Wirtschaftskrise. Auch damals versuchten zwei verfeindete große Parteien – die christdemokratische DC und die Kommunistische Partei – sich näherzukommen. Aus der Krise entstanden die terroristischen "Roten Brigaden" – deren Mitglieder 86 Menschen ermordeten.

Dennoch ist Preitis Tat keine politische Tat. Denn der Mann hatte bisherigen Erkenntnissen nach weder Komplizen noch einen Plan. Er verkündete auch keine Botschaft. Sein Manifest sind wohl nur seine beiden Worte, ausgerufen, bevor er den Abzug betätigte: "Tötet mich, tötet mich." Eine tragische Botschaft, die viele von der Krise gepeinigte Unternehmer und Arbeitslose allzu gut verstehen.