Luigi PreitiWas trieb den Verzweiflungstäter von Rom an?

Ein gescheiterter Handwerker reist in die Hauptstadt, zieht vor dem Regierungspalast eine Pistole und feuert. Seither rätselt Italien über sein Motiv. Von Fabio Ghelli von 

Luigi Preiti steigt in Gioia Tauro in Kalabrien in den Zug nach Rom. Während der Fahrt kontrollieren Bahnpolizisten den 49-Jährigen, reine Routine. Preiti, erzählen später die Polizisten, habe ruhig und gelassen gewirkt. Sie ahnten nichts von dem, was er vorhatte.

Preiti übernachtet in einem Hotel in Rom. Am Sonntagmorgen verstaut er eine Pistole und einige Dutzend Schuss Munition in einem Rucksack. Er geht zum Amtssitz des Ministerpräsidenten, dem Chigi Palast. Etwa einen Kilometer entfernt treffen sich die Minister der neuen Regierung Enrico Letta. Die Vereidigung beim Staatspräsidenten steht an.

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Preiti erreicht den Palast. Er zieht seine Waffe, schreit zweimal "Tötet mich!" und feuert sechs Mal auf die Wachen. Zwei Polizisten und eine Fußgängerin werden verletzt.

Bereitwillig und detailreich hat Preiti dies alles nach seiner Festnahme erzählt. Anders als vermutet gibt es keine Anzeichen einer psychischen Erkrankung bei ihm. "Er ist eher verzweifelt", sagt der Staatsanwalt nach der Vernehmung.


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Seine Tat soll Preiti bereits vor zwanzig Tagen geplant haben. Doch die Motive dafür liegen noch tiefer in der Vergangenheit. Bis vor drei Jahren lebte der gebürtige Kalabrier aus Rosarno in einer Kleinstadt in Piemont. Dorthin war er als Jugendlicher gezogen, auf der Suche nach Arbeit. Er gründete eine kleine Baufirma, fand eine Frau, wurde Vater eines Kindes.

Etwas Sensationelles tun

Doch die Geschäfte laufen offenbar schlecht, sein Leben bricht zusammen. Nachbarn sprechen von Spielsucht. Zuerst trennt sich Preiti von seiner Frau. Dann geht die Firma kaputt. Vor etwa zwei Jahren zog er zurück nach Kalabrien. Er wohnt wieder bei seinen Eltern und verdient Geld mit Kleinreparaturen. Seine Exfrau und sein Kind bekommt er nur selten zu sehen. So beschließt er, "etwas Sensationelles zu machen", wie er den Ermittlern sagte. Er will die Politiker, "die sich kaum um einfache Menschen kümmern", bestrafen.

Preiti ist nach allem, was man weiß, ein Einzeltäter, der anscheinend unter einer schweren psychischen Belastung litt. Doch seine Tat reißt die bröckelnde Struktur der italienischen Demokratie weiter auf. Er ist mittleren Alters, zornig, arbeits- und perspektivlos. Viele Italiener können sich mit dem gescheiterten Bauunternehmer identifizieren. Die Polizei spricht bereits von einem erhöhten Nachahmungsrisiko und verstärkte den Geleitschutz für Politiker.

Zwar scheinen Preitis Probleme zum Großteil aus eigenen Fehlentscheidungen zu resultieren. Doch das Schicksal des Kalabriers ist typisch: Ausgerechnet die Region Piemont, die früher viele Migranten aus dem Süden anzog, ist ein Brennpunkt für die Krise der kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Nach Angaben seiner Eltern suchte Preiti landesweit Arbeit – vergeblich. Denn für einen fast 50-Jährigen sind die Jobchancen sehr gering.

Solidarität von Polizisten

Auch gründete sich auf Facebook bereits eine Luigi-Preiti-Gruppe mit hunderten Anhängern. Hunderte Twitter-Nutzer verurteilen den Anschlag zwar, nehmen aber auch den Täter in Schutz. "Sobald die Krise alle erwischen wird, werden wir alle Luigi Preiti sein", schreibt einer. Sogar Kollegen der schwer verwundeten Polizisten zeigen Mitleid: "Es ist eine Tat der Verzweiflung, ein Krieg unter Armen. Die Politiker wissen nicht, wie man mit 800 Euro im Monat lebt", sagte ein Polizist der italienischen Huffington Post.

Auch die Spitzen der Großen Koalition aus PD, PDL und Bürgerwahl sind uneins. Während einige PD-Abgeordnete den Anschlag als tragische Folge einer angespannten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage sehen, wiesen ihre PDL-Kollegen auf die Gefahren von "Hasspropaganda" hin. Gemeint ist der Anführer der "Fünf Sterne Bewegung", Beppe Grillo, der schon lange mit einem Aufstand gegen die Politiker drohte. Grillo selbst beteuerte nach der Tat, seine Bewegung sei absolut gewaltlos.

Keine Komplizen, kein Plan

Nach zwei Monaten politischem Chaos sollte die neue Regierung die Lage in Italien entspannen. Doch Preitis Anschlag erstickte diese Hoffnung. Gleichzeitig werden Erinnerungen an die Vergangenheit wach: Kommentatoren ziehen Parallelen zum Terrorismus der siebziger Jahre. Auch damals gab es eine schwere Wirtschaftskrise. Auch damals versuchten zwei verfeindete große Parteien – die christdemokratische DC und die Kommunistische Partei – sich näherzukommen. Aus der Krise entstanden die terroristischen "Roten Brigaden" – deren Mitglieder 86 Menschen ermordeten.

Dennoch ist Preitis Tat keine politische Tat. Denn der Mann hatte bisherigen Erkenntnissen nach weder Komplizen noch einen Plan. Er verkündete auch keine Botschaft. Sein Manifest sind wohl nur seine beiden Worte, ausgerufen, bevor er den Abzug betätigte: "Tötet mich, tötet mich." Eine tragische Botschaft, die viele von der Krise gepeinigte Unternehmer und Arbeitslose allzu gut verstehen.

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Leserkommentare
  1. Aus gescheiterten, psychisch schwer gestörten Menschen werden zwar selten, aber immer wieder Amokläufer. Auch in diesem Fall handelt es sich um einen "normalen" Amoklauf. Eine kranke Seele versucht, für das persöhnliche Scheitern, Rache zu nehmen.

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    • msknow
    • 29. April 2013 9:33 Uhr

    So wird die Welt schön übersichtlich...
    Was soll das erklären? Warum wir nichts tun müssen? Dass wir nicht verantwortlich sind für unseren Nachbarn?

    Es sind die Lebensverhältnisse, die zum Mord und Selbstmord drängen, das kommt doch deutlich aus dem Artikel hervor. Wenn man Ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht würden Sie wahrscheinlich, so wie es klingt, sofort einen neuen Job haben, es mit links wegstecken und unbeschadet weiter machen?!

    Das möchte ich ehrlich gesagt sehen ...!

  2. Die Frage die sich mir stellt, ist warum so etwas nicht häufiger vorkommt.

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    12 Leserempfehlungen
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    Weil normale Menschen in einer Demokratie ihre politischen Stellungnahme im Rahmen einer Wahl zum Ausdruck bringen und die Mehrheitsentscheidung akzeptieren.

    • Kiira
    • 29. April 2013 8:07 Uhr

    Die ständige Suche nach dem "Motiv" für irgendwelche tödlichen Attacken nervt langsam. Zumal das Motiv bei solchen Leuten selten der Grund für ihr Handeln ist.

    Der Grund liegt in einer psychischen Disposition, die es den Tätern (temporär) unmöglich macht zu erkennen, dass alle möglichen Motive eben gerade KEINE ausreichende Begründung für die antizipierte Mordtat darstellen.

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    • Afa81
    • 29. April 2013 9:08 Uhr

    "Die ständige Suche nach dem "Motiv" für irgendwelche tödlichen Attacken nervt langsam. Zumal das Motiv bei solchen Leuten selten der Grund für ihr Handeln ist."

    Naja, man muss das Thema doch nun für seine Motive und Ansichten ausschlachten...
    Das "wahre" Motiv stand bei den meisten doch schon fest als sie lasen, dass es sich beim Täter um einen Arbeitslosen handelte.

  3. #1 "gescheitert"?
    Ist das der richtige Begriff, wenn jemand aus wirtschaftlichen Gründen des Arbeitgebers entlassen wird?
    Das war der Versuch eines erweiterten Suizids.
    Die meisten Suizide geschehen unbemerkt und so wird ihnen keine politische Dimension attestiert. Die wird auch hier bestritten, weil es kein Manifest gibt. Allerdings sprechen Ort und Zeitpunkt für sich.
    Das Elend einer breiten Bevölkerung aufgrund eines kapitalistischen Wirtschaftssystem ist politisch, begründet und gewollt.

    10 Leserempfehlungen
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    Jemand der aus reiner Perspektivlosigkeit mal eben 6 Schüsse auf Menschen abgibt (ja, Polizisten sind auch Menschen) erntet Verständnis!?

    Das man von 800€ im Monat in Europa kein "lebenswertes" Leben führen kann ist schlichtweg ein Luxusproblem.
    Man vergleicht sich mit seinem (teils deutlich reicherem) Umfeld, stellt dann fest das man um einiges schlechter dran ist und fängt an sein eigenes Leben(swerk) in Frage zu stellen

    Prekäre Lebenssituationen gibt es wirklich. Beispielsweise in Kenia, dort arbeiten Menschen 60-80 std. die Woche und schaffen es trotzdem kaum ihre Familie zu ernähren. Luxus? Aussichtslos, aber eine beeindruckende Lebensmotivation herrscht dort trotzdem. Teils deutlich stärker als in Europa.
    Woran liegt das?

    Vielleicht ist gerade der psychische Aspekt des Luxusproblems (zu hohe Erwartungen an das eigene Leben zu haben) Ausschlag gebend für die Verzweiflung der Amokläufer.
    Durch perfekte Lebensideologien die uns die Medien als Vorbilder geben fällt es schwer das "tatsächliche Leben" zu realisieren.
    Der American Dream wird nicht immer wahr und als Jugendlicher muss man irgendwann einsehen, dass man später nicht automatisch reich wird, nur weil man es im Fernsehen gesehen hat.

    Mit 800€ kann man sich am Leben erhalten.
    Demnach scheint der soziale Vergleich & Selbstabwertung, Ursprung der Aggression zu sein.
    Es ist ok gegen ungerechte Lohnverteilung zu demonstrieren, aber ein Amoklauf lässt sich dadurch bei bestem Willen nicht rechtfertigen.

  4. Weil normale Menschen in einer Demokratie ihre politischen Stellungnahme im Rahmen einer Wahl zum Ausdruck bringen und die Mehrheitsentscheidung akzeptieren.

    2 Leserempfehlungen
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    Kommentar 37:

    http://www.zeit.de/politi...

    Wie schön Für Sie, das Sie die Gedankengänge anderer Menschen Wissen. Übrigens, Millionen Menschen sind Arbeitslos - alles gescheiterte Existenzen?

    Sie haben sicherlich eine Wahlempfehlung, welche Partei das Kreditgeldsystem reformiert, Volkswirtschaftlich schädliche Zockerei bei der Geldanlage verbieten, und wirkliche Ideen hat die Umverteilung von Arm nach Reich, Volkswirtschaftlich auszuhebeln!

    Menschen sind allerhand Fehlinformationen Aufgesessen. Und wenn Sie gewählt haben, wird anderes von der Politik Umgesetzt, als was vor den Wahlen angekündigt worden ist.

    Hoffentlich bleiben Sie auch in Zukunft normal für die Politiker, damit sich auch ja nix ändert!

    • Afa81
    • 29. April 2013 9:13 Uhr

    "Hoffentlich bleiben Sie auch in Zukunft normal für die Politiker, damit sich auch ja nix ändert!"

    Radikal verändert was, da haben Sie recht. Dann vereinen sich die Bürger hinter dem schützenden Staat und gewähren ihm das Recht, unser Privatleben einzuschränken - siehe RAF. Das einzige was die erreicht hatten war, dass die Privatsphäre der Menschen eingeschränkt wurde, wie seit dem dritten Reich nicht mehr. Danke dafür, an unsere revolutionären Befreier.

    Und: Welches Verhalten ändert denn was, also nachweislich und unterm Strich?

    und wenn Demokratie abgebaut wird, wenn Leben zerstört werden und sich ein Berlusconi (und dessen Äquivalente) am Ende darüber lustig macht - dann ist es doch verständlich (und bitte verwechseln Sie nicht "verstehen" mit "rechtfertigen"), wenn Menschen Rache nehmen wollen.

    Letztlich haben wir hier doch leicht reden. Wir wissen noch nicht, was genau die Auslöser waren, aber nehmen wir mal ein hypothetisches Beispiel: Wenn ich mir vorstelle, daß die Früchte lebenslanger Arbeit aufgrund politischer Korruption auf einmal weg sind; wenn ich mir vorstelle, wie Menschen in meiner Umgebung an mangelnder medizinischer Versorgung sterben (herrgott, in Griechenland sterben wieder Menschen an Malaria) - ist dann nicht eine wahnsinnige Wut verständlich?

    Die Mittel des Schützen waren sicher die falschen (sogar doppelt, denn es traf auch noch die falschen) - aber hier aus einem Elfenbeinturm die Nase zu rümpfen, ist nicht hilfreich.

  5. Kommentar 37:

    http://www.zeit.de/politi...

    Wie schön Für Sie, das Sie die Gedankengänge anderer Menschen Wissen. Übrigens, Millionen Menschen sind Arbeitslos - alles gescheiterte Existenzen?

    Sie haben sicherlich eine Wahlempfehlung, welche Partei das Kreditgeldsystem reformiert, Volkswirtschaftlich schädliche Zockerei bei der Geldanlage verbieten, und wirkliche Ideen hat die Umverteilung von Arm nach Reich, Volkswirtschaftlich auszuhebeln!

    Menschen sind allerhand Fehlinformationen Aufgesessen. Und wenn Sie gewählt haben, wird anderes von der Politik Umgesetzt, als was vor den Wahlen angekündigt worden ist.

    Hoffentlich bleiben Sie auch in Zukunft normal für die Politiker, damit sich auch ja nix ändert!

    3 Leserempfehlungen
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    Wenn ich Sie richtig verstehe, dürften "Arbeitslose" mit einer Waffe Politiker ganz normal erschießen.

    Demokratie kann man lernen!

    "...die Geschäfte laufen offenbar schlecht, sein Leben bricht zusammen. Nachbarn sprechen von Spielsucht. Zuerst trennt sich Preiti von seiner Frau. Dann geht die Firma kaputt..."

    Vielleicht haben Sie den Artikel nicht vollständig gelesen.

  6. ...dass der Mann lebend festgenommen wurde , obwohl er mit einer Pistole auf Polizisten schoß. In US-Amerika wäre das ein "Suicide by Cop" (http://de.wikipedia.org/w... ) gewesen. Respekt an die Italienische Polizei dafür, so kühlen Kopf bewahrt zu haben.

    Und genau wie #2 habe ich eine Vorstellung vom Motiv. Eben auf der ZO Startseite z.b. direkt untereinander :"Was trieb den Verzweiflungstäter von Rom an?" und darunter die Meldungen aus Griechenland, wo 15.000 Verwaltungsbeamte entlassen werden sollen und man über die Europolitiker und ihren Sparkurs schimpft.

    Das Motiv kann ja unabhängig davon bestehen ob Preiti recht hat mit seinem Zorn oder nicht. Selbst wenn er das Ergebnis persönliche Fehler für Fehler der Politik hält - sein Motiv äußert er ja selbst:"Er will die Politiker [...] bestrafen."

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  7. Wenn ich Sie richtig verstehe, dürften "Arbeitslose" mit einer Waffe Politiker ganz normal erschießen.

    Demokratie kann man lernen!

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    Antwort auf "Nur für Sie."
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    • msknow
    • 29. April 2013 9:43 Uhr

    "Demokratie kann man lernen"
    Was verstehen sie unter lernen? Demokatie als Schulfach?
    Wir lernen immer: unser Gehirn kann und tut nichts anderes. Und es lernt elementar aus eigenen Erfahrungen.
    Wenn man sieht, dass Steuerparadiese eingerichtet werden. Politiker nach einem öffentlichen Amt in gemütliche, gut bezahlte Beraterjobs wandern, Gesetze in Lobbyforen entstehen... Dann sind das Erfahrungen, gegen die die "gelehrte" Theorie keine Chance hat. Wieviel ist der real existierende Kapitalismus wert gegenüber dem real existierenden Sozialismus?
    Das Problem mit der Demokratie ist, dass wir als Kinder sie nicht leben. Wir wachsen mit dem Begriff auf, aber Mutter und Vater bestimmen, dann bestimmt der Lehrer, dann bestimmt der Chef. Unsere Lebenswirklichkeit ist zutiefst undemokratisch.
    Und genau das ist der Grund, warum gerade Politiker so eine hohe moralische Indikation haben müssen. Sie sind der Staat.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Anschlag | Enrico Letta | Facebook | Kommunistische Partei | Spielsucht | Italien
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