KinderstudieVon wegen reich und unglücklich

Deutsche Kinder werden immer trauriger, so zumindest interpretiert die Öffentlichkeit eine neue Unicef-Studie. Das ist aber grundfalsch, ärgert sich Martin Spiewak. von 

Deutsche Jugendliche sind "reich, aber unglücklich", titelte die Süddeutsche Zeitung gestern – und viele andere Zeitungen und Onlineportale (auch ZEIT ONLINE) mit ihr.

Bild präsentierte aus Expertenmund die Ursachen für die miese Stimmungslage: Dass deutsche Jugendliche in einem internationalen Ranking zur Lebenszufriedenheit nur Platz 22 belegen, daran haben wahlweise schuld: Computerspiele (der Hirnforscher Manfred Spitzer), die Erziehungsunfähigkeit deutscher Eltern (der Jugendpsychiater Michael Winterhoff) oder die Ausstattung der Schule (der Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann). Die Kommentatoren deutscher Tageszeitungen fügten dem Katastrophenbild die Erklärungen "Alleinerziehende", "standardisierte Leistungsvergleiche" oder "fehlende Mitbestimmung für Kinder" hinzu.

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Der Befund stammt von Unicef. In regelmäßigen Abständen präsentiert die Kinderhilfsorganisation einen Bericht zur Lage der Kinder in den Industrieländern. Für Deutschland hat der Report 2013 erst einmal viel Gutes zu vermelden: In der Bildung sind unsere Schüler in die Spitzengruppe aufgerückt (Platz 3); in keinem anderen der 28 Länder hat sich der Anteil der Raucher in den vergangen Jahren so reduziert wie hierzulande; selbst in der Schweiz prügeln sich Jugendliche häufiger als bei uns – in der Disziplin "Friedfertigkeit" führt Deutschland die Unicef-Tabellen mit großem Abstand an.

Gesünder und trauriger

Doch wem nützt es, wenn die deutsche Jugend zwar fleißig lernt und immer gesünder wird, aber traurig ist? In keiner anderen Industrienation nämlich, darauf weist Unicef Deutschland hin, sei die Kluft zwischen den äußeren Lebensumständen und der Lebenszufriedenheit so groß wie in Deutschland. "Ein erschreckendes Zeugnis, das uns nachdenklich machen muss", urteilt Hans Bertram, Deutschlands bekanntester Familienforscher und Mitglied des Deutschen Komitees für Unicef.

Wie also kommt es, dass "es unseren Kindern so gut geht wie nie", sie sich aber trotzdem "miserabel fühlen" (SZ)? Vielleicht hilft es, einen Blick in die Studie selbst zu werfen. Mancher Experte hatte dazu "leider" keine Zeit, wie der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann auf Nachfrage mitteilt. Es hätte sich gelohnt. Denn der einschlägigen Tabelle der Untersuchung kann man entnehmen, dass gar nicht alle Jugendlichen so unzufrieden sind. Es ist nicht einmal eine Mehrheit. Oder ein Drittel, oder ein Viertel.

Es sind 15,8 Prozent.

84,2 Prozent der Mädchen und Jungen haben auf einer Befindlichkeitsskala von eins bis zehn einen Positivwert zwischen sechs und zehn angekreuzt. Der Wert ist eigentlich überraschend hoch. Die Befragten sind schließlich in der Pubertät. Da fühlt man sich doch oft ziemlich mies. Bei uns ist es nur jeder siebte, eigentlich eine gute Nachricht.

Leserkommentare
  1. 1. Danke!

    Wie wohltuend es doch ist, nach den ganzen typisch deutschen Weltuntergangs-Schlagzeilen mal eine sachliche Analyse zu lesen!

    Genau das dachte ich auch: 84 Prozent der Jugendlichen geht es gut – was soll daran schon wieder schlecht sein? So einen Wert kann wohl kaum eine ältere Gruppierung aufweisen.

    24 Leserempfehlungen
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    • Moni77
    • 12. April 2013 17:50 Uhr

    Viele Kinder und Jugendliche könne leider nicht mehr die Kindheit leben, wie wir es eins konnten. Die Menschheit lebt durch und durch im Stress und für nichts bleibt mehr Zeit.
    Ich persönlich bin ratlos und resigniert ... [...]
    Aber gibts es denn wirklich keine Lösung dafür? Es geht bergab ...

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie in den Kommentarbereichen auf jegliche Form von Werbung. Auf Ihr privates Blog können Sie in Ihrem Profil einen Hinweis platzieren. Danke, die Redaktion/jk

    Ich schließe mich Ihrem "Danke" an! Es ist übrigens derselbe deutsche Perfektionismus, der uns in einer Studie mit 100 guten Zahlen nach der einen nicht ganz so guten suchen lässt, der auch bewirkt, dass bei uns die Kinder, wenn sie nach dem Wohlbefinden gefragt werden, eben einen Tacken häufiger eine der "negativen" Antworten wählen lässt.

    Jag

    • flyyy
    • 12. April 2013 19:09 Uhr

    Wieviel Kinder und Jugendliche wurden denn befragt: 20; 100; 200??
    Wie aussagekräftig ist das ganze überhaupt?

    • mieeg
    • 12. April 2013 15:51 Uhr

    eine "Studie des XY-International-XY-Alles-Besser-Wissenden" mit all den falschen Auskünften und aus den Fingern gesogenen Daten über wer weiß was und wer weiß wen - Irgendein wissenschaftlicher Standard wird dabei wissentlich oder unwissentlich geradezu vermieden. Da wundert es wohl niemanden, daß viele Menschen bei jeder neuen oder aufgewärmten "Studie" nur an die vielen Millionen Euro denken, die diese Leute in irgendeinem Institut oder in irgendeinem Büropalast oder sonstwo so verbraten.

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    Nicht die Studie war schlecht. Die Studie war schlicht und einfach sachlich. Lediglich die Aufbereitung und Darstellung ihrer Ergebnisse in den deutschen Medien war eine Farce. Ihre Kritik ist also deplaziert, sollte sich vielmehr gegen die Mehrzahl der deutschen Medien richten, die sich an immer neuen Zuspitzungen aufgeilt. Der nüchterne Blick auf die Daten offenbart dies.

    • ralfT
    • 12. April 2013 15:52 Uhr

    Gut recherchiert statt abgeschrieben. Schön, dass es Journalisten gibt die Statistiken auch tatsächlich anschauen.
    Interessant auch, wie die Kette der Daten-"Aufbereitung" sich darstellt. Ob die Autoren der publikumswirksamen Studie überhaupt noch einen Bezug zu den Originaldaten hatten?
    "Die Originaldaten aus dem HBSC-Report habe man bei Unicef nicht einsehen dürfen" - oha.

    19 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 12. April 2013 15:56 Uhr

    Zit.: "Die Katastrophenmeldungen ("Unglückliche deutsche Jugendliche") bezogen sich alle auf eine einzige Zahl. Diese Zahl ist ein statistisches Artefakt, eine Nullaussage. Aber sie hörte sich irgendwie plausibel an: für Journalisten unter Zeitdruck, plappernde Professoren und eine auf Spenden angewiesene Hilfsorganisation."

    Das ist Usus auch bei genehmen Ergebnissen bezüglich Katastrophenmeldungen. Und nicht nur bei den auf Spenden Angewiesenen. Subventionen tuns auch.

    3 Leserempfehlungen
  2. 5. Danke

    Warum wird so eine "Nullaussage" überhaupt an die große Glocke gehängt?
    Zum Klicks sammeln?

    2 Leserempfehlungen
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    • flyyy
    • 12. April 2013 19:12 Uhr

    Das Frage ich mich bei allen Studien/Statistiken. Vor allem bei der Arbeitslosenstatistik!

  3. die keinem so recht was sagen oder nützen?
    Kein Wunder, dass solche Organisationen kein gutes standing haben, bei den Menschen die den Mist direkt oder indirekt bezahlen dürfen.

    Eine Leserempfehlung
  4. noch überlegt, dass "Studien" von solcher Aussagekraft oft auch als Basis für politische Entscheidungen dienen....huuui..

    Am besten hat mir an dem Artikel die Beschreibung der Erhebungsmethode gefallen- fundiert sieht anders aus,

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    • wauz
    • 14. April 2013 16:08 Uhr

    Wie man schon beim Armutsbericht der Bundesregierung gesehen hat, hilft es nichts, wenn Wissenschaftler gute Arbeit leisten, aber andere die Deutungshoheit besitzen. Es werden ja kaum noch Studien veröffentlicht, sondern Ergebnisberichte, in denen, unabhängig von der Datenbasis und seriöser Interpretation, das drinsteht, was der Auftraggeber gerne haben möchte.
    Auch die berühmte PISA-Studie wurde fleißig fehlinterpretiert. Anstatt der richtigen Schlussfolgerung, unser deutsches Schulsystem funktioniert nur noch unter bestimmten Bedingungen und in bestimmten Soziotopen, hat man eine unhaltbare Behautung daraus gemacht, Bayerns Schulsystem wäre gut und Bremens schlecht.
    Die Methodik dieser Studie erfährt man in diesem Artikel nicht. Eines muss man aber ganz klar sagen: jede Studie, die die soziale Topographie, die Milieu-herkunft, ausblendet, führt zu verzerrten Ergebnissen. Die Lebenswirklichkeiten der Milieus sind in Deutschland und Großbritannien z.B. krass unterschiedlich. Von einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" kann seit Thatcher und Kohl/Schröder keine Rede mehr sein. (Wenn es sie denn je gegeben hat).
    Ich sage mal, so aus der hand, aber mit soziologischem Augenmaß, in den EU-Kernländern haben ein Fünftel der Bevölkerung weder als Jugendliche noch als Erwachsene irgendeine Chance auf ein glückliches Leben. Anderswo ist es noch schlimmer und die Tendenz ist nicht erfreulich.

  5. es beklagen sich nur mehr Schüler.
    Und am Ende ist das statistisch irrelevant.

    Eine Leserempfehlung

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