Islamkonferenz : Abschiedsbesuch beim bösen Onkel Friedrich

Mit dem heutigen Treffen hat die Islamkonferenz ihren Tiefpunkt erreicht. Das liegt an Innenminister Friedrich, aber auch an den Islamverbänden selbst. Von Lenz Jacobsen

Einer der wichtigsten Gäste kommt schon seit einem Jahr nicht mehr. Einen anderen hat der Hausherr im Streit rausgeschmissen. Zwei weitere setzen sich zwar noch an den Tisch, aber nur widerwillig. Wie bei der Familienfeier eines verhassten Onkels. Nein, eine fröhliche, optimistische Veranstaltung ist die Deutsche Islamkonferenz am heutigen Dienstag bei Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sicher nicht. Vier der wichtigsten deutschen Islamverbände sperren sich mehr oder weniger gegen das Diskussionsforum, bei dem es doch hauptsächlich um sie gehen soll.

Vom offenen Dialog zwischen muslimischen Verbänden und deutschem Staat ist fast nichts mehr übrig. Das heutige Treffen ist ein Tiefpunkt in der achtjährigen Geschichte der Islamkonferenz, und vielleicht ist es auch ihr Ende. Niemand weiß, ob es nach der Bundestagswahl im Herbst überhaupt weitergeht.

Deshalb ist es Zeit für eine Bilanz: Ist die Islamkonferenz gescheitert? Oder hat sie sich selbst überflüssig gemacht? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass es immer schwieriger wurde in den vergangenen Jahren?

"Der Islam gehört zu Deutschland"

Die Autorin Sineb El Masrar ist seit 2009 Mitglied des Gremiums, als eine von zehn "muslimischen Einzelpersonen", die keine Verbände repräsentieren. Die 32-Jährige redet über die Islamkonferenz schon in der Vergangenheitsform. "Sie war sehr wichtig, weil sie unsere Themen endlich auf die Agenda gesetzt hat, und zwar auf höchster politischer Ebene", sagt sie. Islamischer Religionsunterricht,  die Probleme von Kopftuchträgerinnen auf dem Arbeitsmarkt, ganz grundsätzlich die große Lücke zwischen den Muslimen in Deutschland und der sogenannten christlichen Mehrheitsgesellschaft: All das wurde endlich öffentlich diskutiert.

Zu verdanken ist das auch Wolfgang Schäuble. Der hatte die Konferenz 2006 gegründet und von Anfang an ihre symbolische Bedeutung verstanden: "Der Islam gehört zu Deutschland", sagte er damals. Das klang nach gleichberechtigtem Dialog, nach Ernstnehmen.

Natürlich knallte es dann bei den Treffen immer wieder ganz gewaltig. Das Hauptziel war es eigentlich, den Islam irgendwann offiziell zur Religionsgemeinschaft in Deutschland zu erklären. Das hätte einerseits den Moscheen und den Muslimen vieles leichter gemacht und andererseits dem Staat endlich einen einheitlichen Ansprechpartner verschafft. 

Kaum weiter als vor acht Jahren

Doch daraus ist bis heute nichts geworden. Vor allem, weil der Islam einfach nicht so einheitlich ist, wie die deutsche Regierung ihn gern hätte. Eine hierarchisch-zentralistische Organisation wie sie beispielsweise in der katholischen Kirche üblich ist, ist ihm völlig fremd. Er bestand schon immer aus verschiedenen Strömungen, aus kleineren Gruppen mit unterschiedlichen religiösen Ansichten, die sich auf keinen Fall unter ein Dach zwingen lassen wollen. Sie haben zwar 2007 eine Art Dachverband gegründet, den Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland (KRM), doch der ist bis heute noch nicht einmal als Verein eingetragen und spielt in der Praxis keine Rolle.

Für El Masrar sind die offiziellen Organisationen selbst schuld daran, dass sie heute kaum weiter sind als vor acht Jahren. Es sei vor allem Aufgabe der Verbände, den Islam in Deutschland zu organisieren. "Das kann nicht der Staat für sie übernehmen", sagt El Masrar. "Wer mitgestalten will, darf sich nicht einfach bockig zurückziehen."

Das Ziel der Bundesregierung war, die Muslime in die geordneten deutschen Strukturen einbinden, die Islamverbände aber wollten eigenständig bleiben und lieber über Diskriminierung von deutscher Seite reden.

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Kommentare

287 Kommentare Seite 1 von 32 Kommentieren

... verwirrend ...

"...Ich würde mal behaupten, dass ...
alles was einen deutschen Pass hat zu Deutschland gehört. Sei es jetzt Christentum, Buddhismus, Islam oder irgendeine Naturreligion...:"

--- himmmm .... "Religionen" können eigenständige Staatsbürger sein und haben einen Pass/Ausweis ?? Auf welchen Namen sind diese Pässe ausgestellt und welche Bilder sind da wohl eingeklebt?"
Fragen über Fragen ... ;-)

Was ist eigentlich so ungenießbar an den Feststellungen "Muslime gehören zu Deutschland" + "Religion ist Privatsache" ... ???