Missbrauch : "Der Zeitgeist hat Pädosexuellen geholfen"

Die sexuelle Revolution war ein Trittbrett für Pädosexuelle, sagt der Therapeut Jürgen Lemke im Gespräch über Kindesmissbrauch und den Fall Daniel Cohn-Bendit.

ZEIT ONLINE:Daniel Cohn-Bendit wird aktuell eingeholt von seinen Schilderungen in seinem Buch Der große Basar aus dem Jahr 1975, in dem er schwärmerisch sexuelle Begegnungen mit Kleinkindern in einem Frankfurter Kinderladen schildert, in dem er tätig war. Cohn-Bendit hat diese Zeilen immer wieder abgetan als "schlechte Literatur", "Provokation" oder als "Schrift ihrer Zeit". Von was für einer Zeit ist die Rede?

Jürgen Lemke: Von einer Zeit, in der alles hinterfragt wurde, gerade auch sexuelle Tabus, und in der manche übers Ziel hinausgeschossen sind. Die negative Begleiterscheinung der sexuellen Befreiung war, dass Pädosexuelle sie als Trittbrett nutzten, um für ihre Interessen zu werben. Der Zeitgeist hat ihnen geholfen.

ZEIT ONLINE: Es ging etwa darum, sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern zu legalisieren. Auch bei den Grünen gab es Gruppen, die dafür energisch eintraten. Pädosexuelle Aktivisten veröffentlichten Texte in der taz, zitty und Pflasterstrand. Es gab in mehreren Städten Kommunen, in denen Pädosexuelle mit Kindern zusammenlebten, oft Ausreißerkinder von der Straße.

Jürgen Lemke
©Wolfgang Werner Lucius/Ullstein

Jahrgang 1943, ist Diplom-Sozialpädagoge und Psychotherapeut. Er arbeitet seit 1991 bei der Berliner Beratungsstelle "Kind im Zentrum" (KiZ) und ist dort sowohl in der Opfer- als auch Tätertherapie tätig. Lemke schrieb mit Andreas Marquardt dessen Lebensgeschichte auf in dem Buch "Härte - Mein Weg aus dem Teufelskreis der Gewalt" (Ullstein)

Lemke: Heute ist vieles davon glücklicherweise nicht mehr denkbar. Es gibt viel Aufklärungsarbeit, Kampagnen, Schutzkonzepte. Aber in der Opferarbeit haben wir die Nachwehen noch die neunziger Jahre hindurch gespürt. Wir bekamen ständig zu hören, wir seien rückständig. Seit 1968 wehe doch ein anderer Wind, nämlich der, dass Kinder ein Recht auf sexuelle Beziehungen zu Erwachsenen hätten.

ZEIT ONLINE: Von wem kamen diese Aussagen?

Lemke: Aus fast allen gesellschaftlichen Schichten. Die Gesellschaft war in ihrer Haltung gegenüber Pädosexuellen nicht sehr klar. Gerade gebildete Menschen aus dem links-alternativen Milieu waren der Auffassung, dass Kinder so aus schwierigen Verhältnissen rausgeholt und gefördert werden. Es hieß oft: Was wollt Ihr denn eigentlich? Für viele waren Pädosexuelle eher Menschen, die Kinder förderten, statt ihnen zu schaden. Unsere Position war schon damals: Wenn Kinder sich auf Sexualität mit Erwachsenen einlassen, dann nur auf Druck von erwachsener Seite.

ZEIT ONLINE: Es gibt Berichte über Eltern, die von sexuellen Beziehungen zwischen ihren eigenen Kindern und Lehrern oder Erziehern wussten und diese mitunter sogar befürworteten.

Lemke: Ich weiß von einer Frau, deren Sohn ihr schwerste Vorwürfe gemacht hat, dass sie ihn regelrecht in die Arme eines Lehrers getrieben habe. Nach dem Motto: "Der will dich doch nur unterstützen, der will nur dein Bestes, hab dich nicht so." Natürlich hat der Lehrer ihn bevorzugt, das machte die Mutter stolz. Der Junge aber wurde schwer missbraucht. Die Mutter war auch ein Opfer des sogenannten Zeitgeistes. Sie wollte eine "progressive Mutter" sein, wie sie aus ihrem Umfeld in Berlin-Kreuzberg eben kannte.

ZEIT ONLINE: "Sei doch nicht so spießig"…

Lemke: Das ist ein Totschlagargument. Es wurde so getan, als sei das doch alles nicht so schlimm. Wer sich gegen den Zeitgeist wandte, wurde kaltgestellt. Das sehen wir auch an einzelnen Lehrern, etwa an der Odenwaldschule, die sich schon damals gegen den Missbrauch auflehnten.

ZEIT ONLINE: Claudia Roth hat jetzt gesagt, sie unterstütze die Aufarbeitung von pädosexuellen Strömungen aus der Anfangszeit der Grünen. Es wird gerne so dargestellt, als hätte es in den achtziger Jahren ein paar Verwirrte gegeben und als sei das Ganze ziemlich schnell erledigt gewesen.

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Kommentare

322 Kommentare Seite 1 von 29 Kommentieren

@ 50:

Könnten Sie die Freundlichkeit besitzen und den Lesern hier weitere Informationen über die dahinterstehenden Strukturen geben?

Ich würde hier bspw. ein gewisses Elitedenken als gemeinsamen Faktor sehen, das man sowohl bei katholischen Internaten als auch Odenwaldschule findet. Zur Bereitschaft zum Vertuschen trägt sicher bei, dass in beiden Fällen der Eindruck bestanden, dass ein Eingestehen von Fehlern sofort vom weltanschaulichen Gegner zum Angriff auf die katholische Religion bzw. auf die Idee der Reformschule genutzt würde. Dann ist in beiden Fällen ein sehr enges Verhältnis von Lehrern und Schülern vorhanden gewesen, was sicher auch Missbrauch begünstigte. In beiden Fällen wurde der Missbrauch auch häufig von Personen verübt, die innerhalb ihrer Gruppe ein sehr hohes Ansehen genossen und deren Handlungen deshalb weniger hinterfragt wurden. Sicher gibt es noch mehr Ähnlichkeiten, aber gerade diese Frage wird ja eher wenig bearbeitet.