NSU-Prozess : Ein wohlfrisierter Nazi

Die Bilder der lächelnden Beate Zschäpe verwirren die Öffentlichkeit. Dass die NSU-Frau ein Mensch ist und kein Monster, ist eine nötige Zumutung für uns.
Von den Titelseiten sieht sie uns an, wohlfrisiert: Die NSU-Angeklagte Beate Zschäpe © ZEIT ONLINE

Dieser Blazer! Diese Bluse, der Modeschmuck, die Schminke! Und, vor allem: dieses Lächeln! Ist es nicht sogar eine Spur arrogant?

Die bemerkenswertesten Erkenntnisse am ersten NSU-Verhandlungstag lieferten zweifellos die Bilder von Beate Zschäpe und die irritierte Reaktion der Öffentlichkeit.

Von allen Titelseiten blickt sie uns heute an und entspricht nicht dem Bild, das wir uns von ihr gemacht haben. Eine vermeintliche rechtsradikale Mordhelferin im Business-Dress. Ein wohlfrisierter Nazi. "Der Teufel hat sich schick gemacht" titelt die Bild-Zeitung und bringt damit die große Lücke zum Ausdruck: zwischen dem, was wir, und sei es nur unterbewusst, erwartet und für passend gehalten haben, und dem, was wir jetzt tatsächlich sehen.

Kein Hakenkreuz auf der Stirn

Nur eine Hand voll Bilder gab es bis zum gestrigen Prozessauftakt von Beate Zschäpe. Auf fast allen sah sie mindestens streng aus, wenn nicht böse. Nett und sympathisch jedenfalls nicht. Die Haare hatte sie zum Zopf zurückgebunden oder sie hingen ihr fettig ins blasse Gesicht. Die neueren Bilder hatten bereits die strenge Optik von Häftlingsfotos. Die waren den Medien besonders lieb.

Doch Beate Zschäpe hat uns nicht den Gefallen getan, mit einem Hakenkreuz auf der Stirn den Gerichtssaal zu betreten. Wer Monströses macht, darf nicht adrett aussehen, flüsterte uns das Unterbewusstsein zu, das es uns gerne so einfach wie möglich macht. Die Bilder der lächelnden, schicken Angeklagten stoßen uns so vor den Kopf, weil sie uns schlagartig bewusst machen, dass sie kein unmenschliches Monster ist. Sondern ein Mensch.

Die sieht ja aus wie wir!

Die vorherigen Bilder waren bequem für uns Betrachter, weil sie besser zu ihren schrecklichen Taten passten. Wenn das Äußere dem Inneren, den Handlungen einer Person, nichts entgegensetzt, dann haben wir nichts, woran wir uns stören müssen, worüber wir nachdenken müssen. So konnten wir Zschäpe zum Monster machen. Ein Wesen, das uns so fremd ist, dass wir meinen, es nicht mit menschlichen Kategorien verstehen zu können und uns also auch nicht erklären zu müssen.

Deshalb ist unser Schreck über die Bilder der gestylten, schicken Angeklagten der Schreck über unsere eigenen Stereotype. Die sieht ja aus wie wir! Das ist eine Zumutung. Aber es geht nicht anders. Darum ist es keine unverantwortliche Stilisierung, wenn Zschäpe nun die Titelseiten dominiert.

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Kommentare

209 Kommentare Seite 1 von 32 Kommentieren

Hoffen wir das Beste...

Ich stimme Ihnen zu.
Erst seit einigen Tage hier dabei, freue ich mich doch sehr über das woanders oft vermißte Niveau, jedoch finde ich es wie Sie schade, das der Unterschied zur gedruckten ZEIT schnell offenbar wird.
Trotzdem mache ich der Zeit hier ein Kompliment dahingehend, dass sie sich nicht so sehr hat vom Mainstream vereinnahmen lassen, wie mittlerweile fast alle anderen Medien.
Hoffen wir das Beste für die Zukunft...

Sie haben offensichtlich nicht verstanden...

was der Artikel eigentlich behandelt, sondern sind allein auf die provokative Überschrift hereingefallen ohne anscheinend tiefer über den Inhalt nachzudenken.

Ich kann mich dem Artikel nur anschließen. Wer Personen mit derartigem Hintergrund als pures Monster abstempelt entmenschlicht und verhindert damit jegliche produktive Diskussion über sie, was leider nur zu oft in den Medien geschehen ist. Der Täter wird zum Einzelfall, ein Irrer mit kranken Verstand. Es wird verdrängt, dass solche Menschen nicht als "Monster" geboren werden sondern bestimmte Umstände bzw. ein gewisser Entwicklungsprozess sie zu ihren Handlungen geführt haben. So war Jena in den 90ern eine von Plattenbauten dominierte Stadt mit hoher Perspektivlosigkeit insbesondere für Jugendliche und damit ein äußerst guter Nährboden für Rechtsradikalismus (als Vergleich: sie Mecklenburg-Vorpommern). Und genau darauf macht dieser Artikel letztendlich aufmerksam: die mitunter von den Medien erzeugten Klischees werden durch etwas so banales wie Zschäpes Kleidung zumindest etwas angebrochen. Sie ist nicht wahnsinnig sondern ein Mensch wie jeder andere.
Dabei möchte ich die Geschehnisse bzw. Taten des NSU keinesfalls herunter spielen und erst Recht nicht die Täter von ihrer Verantwortung freisprechen. Jedoch sollte man sich dessen klar sein, dass eine so einfache Verurteilung wie hier in keinem Falle zielführend ist: nämlich zukünftig derartige Geschehnisse zu verhindern.

Verlogenheit

Dieser Artikel war genau richtig und traf voll ins "Herz" deutscher Verlogenheit.
Es wird Zeit, dass wir wieder auf den Boden der Tatsachen und der Realität zurückkommen. Aus unserer Mitte waren Menschen zu einer Tat fähig, die wir am liebsten verdrängen möchten (das hat es schon gegeben und wird es immer wieder geben, deshalb ist es auch Sache der Gerichte die Schuld der Angeklagten zweifelsfrei und nach rechtsstaatlichen Regeln zu beweisen, die moralische Verurteilung haben wir ja schon tausendfach hinter uns. Auch das hatten wir schon einmal, millionenfach!