Wir Amis / US-Kolumne : Frauen sollten sich bei Barbie entschuldigen

Barbie wird von den Frauen verunglimpft. Dabei hat sie die frauenfreundliche Welt, in der wir heute leben, erst möglich gemacht, behauptet Eric T. Hansen.

Ja, ich spreche von einer Puppe. Das übliche Dogma lautet: Barbie verführe Mädchen zu unrealistischen Figurvorstellungen, womöglich auch zu Magersucht. Sie reduziere die Frau zu einer häuslichen und sexuellen Dienerin des Patriarchats.

Diese These wurde in den 1970er Jahren formuliert und wird bis heute unreflektiert nachgeplappert. Dieser Tage wieder verstärkt, denn am Donnerstag eröffnet in Berlin das Barbie-Dreamhouse, ein begehbares Barbie-Werbeprojekt.

Ich aber widerspreche. Die kleine Barbara hat zwar unser in der Tat unrealistisches Schönheitsideal nie unterlaufen – wir bewundern ja seit dem Mittelalter schlanke Frauen. Aber mit ihr hat zum ersten Mal eine Puppe den Mädchen eine Alternative zum Muttersein geboten.

Eric T. Hansen

© [M] Ralf IlgenfritzEric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Die Standardpuppe ist schließlich ein niedlicher und hilfloser Gummisäugling, dem das Mädchen die Windeln wechseln und den es füttern muss. Als Erziehungsinstrument dient dieses Ding nur einem Zweck: das Mädchen, lange bevor es technisch dazu in der Lage ist, auf ihre künftige Aufgabe als Gebärmaschine vorzubereiten. Bis in die sechziger Jahre war diese Puppe fast die einzige, die den Mädchen zur Auswahl stand.

Barbie ziehen die Mädchen nicht deshalb an, weil sie hilflos ist, sondern weil sie Spaß an Mode hat. Barbie backt Kuchen, aber füttert nicht ihr Baby damit, sondern lädt Freundinnen zum Tee ein: Die erste Frauen-Sit-ins (Frauenselbsthilfegruppen) der Welt fanden im Barbie-Häuschen statt. Es gibt einen Ken in ihrem Leben. Aber Ken ist nicht der Chef, sondern ein Anhängsel, der auffällig viel Spaß an neuen und ausgefallenen Klamotten hat und sehr gerne Tee mit den anderen Mädels trinkt.

Barbie ist alles, was eine emanzipierte Frau sein muss: erwachsen, ungebunden, selbstbewusst und eigenständig, finanziell und sexuell unabhängig. Umstandskleider gibt es für Barbie nicht, es gibt auch kein Barbie-Baby mit Barbie-Krippe und Barbie-Milchfläschchen. Wer sitzt hinter dem Lenkrad beim Ausflug im Barbie-Mobil? Nicht Ken.

Die protestantisch angehauchte 68er-Generation fand weiterhin verwerflich, dass Barbie den Mädchen Eitelkeit und Egozentrismus beibringe: pfui! Im Gegensatz zur Mutterschaftspuppe lehrt Barbie sie nämlich, dass sich alles um sie dreht. Als Mann und Mitglied des Patriarchats finde auch ich das mehr als bedenklich: Die Welt soll sich bitteschön um uns Männer drehen!

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