NSU-ProzessZschäpe lächelt, ihre Anwälte sind zufrieden

Noch bevor die Anklage verlesen ist, schaffen es die Anwälte der Angeklagten, den eigentlichen Prozessbeginn zu verschieben. von 

Beate Zschäpe mit ihren Anwälten beim Oberlandesgericht München

Beate Zschäpe mit ihren Anwälten beim Oberlandesgericht München  |  © Joerg Koch/Pool/Getty Images

Da ist dieses Lächeln, für ein paar Sekunden, das rätselhaft wirkt. Beate Zschäpe versteckt sich nicht hinter einem Aktenordner wie ihr Mitangeklagter Ralf Wohlleben oder unter einer Kapuze wie Carsten S., der zwei Reihen hinter ihr auf der Anklagebank sitzt. Bewacht, aber ohne Fesseln betritt sie kurz vor zehn Uhr den Sitzungssaal A101 im Münchner Oberlandesgericht.

Das Lächeln brennt sich ins Gedächtnis. Aber: Es ist kein herzliches Lächeln. Wie ein sarkastischer Kommentar über den Rummel um ihre Person. Zschäpe dreht sich, lehnt sich mit dem Rücken zu den Fotografen gegen einen Stuhl. Ihr Gesicht wirkt weicher, jugendlicher als auf den Bildern, die die Polizei während der Ermittlungen veröffentlicht hatte. Sie trägt keine Brille und hat ein elegantes Jackett übergestreift.

Anzeige

Der Auftritt einer Frau, die in den kommenden Monaten (oder Jahren) der Verhandlung zu allen Vorwürfen schweigen will – im größten Prozess, der in Deutschland jemals gegen rechten Terrorismus geführt wurde. Herbeigesehnt von den Hinterbliebenen der Opfer und den Verletzten, kurzzeitig gestoppt vom Bundesverfassungsgericht, trotz zahlreicher Ermittlungspannen auf den Weg gebracht. Außer Zschäpe sind Ralf Wohlleben, Carsten S., André E. und Holger G. angeklagt, entweder wegen Beihilfe zum Mord oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Die rund 80 Nebenkläger und ihre Anwälte sind von der Zuschauertribüne aus nur über Kameraprojektionen zu sehen.

Die Fassade der Beate Zschäpe

Zschäpes Auftritt ist für viele Beobachter die größte Überraschung an diesem Tag. Auf der Anklagebank, so könnte man denken, sitzt eine Geschäftsfrau, eine, die durchaus auch in der Kanzlei ihrer Verteidiger arbeiten könnte. Ihre Gesten wirken offen. Wenn sie mit ihren Verteidigern redet, lacht sie häufig.

Unwillkürlich denkt man über ihre Fassade nach. Die Fassade, die ihr offenbar dabei half, den mutmaßlichen Mördern von neun Türken, einem Griechen und einer deutschen Polizisten im Untergrund den Rücken freizuhalten. Die Fassade, hinter der sich die extremistische Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" verbarg.

Deren Taten sollen nun umfassend juristisch aufgearbeitet werden, egal, wie lange es dauert. Der dafür Zuständige sitzt etwa vier Meter von Zschäpe entfernt: der Vorsitzende des 6. Strafsenats, Manfred Götzl, eingefasst von vier weiteren Richtern und drei Beisitzern. Götzl gilt als hartnäckig und autoritär. Alle Verhandlungspausen überzieht er mindestens um eine Viertelstunde. Wann was in seinem Saal passiert, bestimmt er.

Allerdings nicht, wann die Anklageschrift verlesen wird. Denn zuvor kommt es zu dem "Antragsgewitter", das Tags zuvor der Nebenkläger-Verteidiger Sebastian Scharmer angekündigt hatte.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt, bitte beteiligen Sie sich mit Argumenten. Danke, die Redaktion/se

    Eine Leserempfehlung
    • matbhm
    • 06. Mai 2013 19:53 Uhr

    ... bestens. Immerhin hat erstaunlicherweise keiner die Besetzungsrüge erhoben, womit ich fest gerechnet hatte (eigentlich der klassische Einstieg in solche Verfahren).

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wenn die Besetzung jkorrekt ist, dann macht man sich damit lächerlich.

    Man darf unterstellen das der Vorsitzenden diesen "Kleinkram" vorher geklärt hat.

  2. Jahrhundertprozess, Jahrtausendprozess, alles "stilisiert" zu einem boulevardesken "was hat sie gesagt, getan, was trägt sie?".

    Ich finde das nur noch ekelhaft, wie die Presse, auch die "linke" damit umgeht.

    Man muss schon froh sein, dass auch noch in diesem Jahr BT-Wahl ist, sonst wäre die mediale Flut noch größer. Als ob die NSU-Morde nicht schon grotesk genug waren.

    33 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Vibert
    • 06. Mai 2013 20:02 Uhr

    ist an den NSU Morden "grotesk". Geht's noch?

    .. Ihr Motto: "Von den Affen lernen…"

    .. finden Sie das nicht etwas übertrieben ..?

    Es ist - leider - ein Jahrhundertprozess für deutsche Verhältnisse.
    Das gab es hier auch noch nicht, dass eine rechtsextreme Gruppe mordend und raubend durch Deutschland gezogen ist bzw. sein soll. Und die Sicherheitsbehörden jahrelang mit falschen Ermittlungsansätzen gearbeitet haben. Kommt noch die deutsche Geschichte hinzu.

    Da sind die Erwartungen an das Gerichtsverfahren hoch und jedes noch so kleine Detail wird aufgesogen und bewertet. In ein paar Wochen dürfte sich die Lage "entspannter" darstellen.

    • stimme
    • 06. Mai 2013 19:56 Uhr

    Hat die ZEIT jetzt doch einen Platz im Gericht bekommen? Oder stammen die Informationen aus 2. Hand?

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt ja noch Besucherplätze ...

    Angesichts der "Empörungs Origien" aus vielen Teilen der 4. Gewalt
    mach ich mir Sorgen, dass dieser Prozess
    Sympathien für den braunen Kot bringen könnte.
    so wie Anno 1924

    Jedes Gewaltopfer ist eines zuviel !
    Die Berichterstattung ist nicht ausgewogen.
    Über den Prozess über Johnny K. und über weitere "Einzelfälle" findet man kein Wort in den Mainstream Medien.

    Stattdessen berichtet man monatelang über eine Mörderbande
    die Deutsche mit Migrationshintergrund getötet hat.

    Das eine auch Polizistin izu den Opfern gehörte,
    was auch als direkter Angriff gegen den Staat gewertet werden kann.
    liest man ebenso wenig.

    Stattdessen melden sich Funktionäre zu Wort, die angesichts gewisser "Mängel" im türkischen Gesetzbuch und Polizeiapperat lieber erst mal einmal schweigen sollten.

    http://www.youtube.com/wa...

    Stattdessen FODERN sie, dass nach JEDEM Brand bei dem Menschen mit Migarationshintergrund zu Schaden kommen, erstmal ein generelles Ermitllungsverfahren gegen Deutsche-Rechtsradikale als Brandursache.
    -Was in ihren Augen KEIN Rassismus ist-

    Es wird mit zweierlei Maß gemessen.
    Leute wie Iman Idriz, (welcher vom Verfassungsschutz (aufmerksam?) beobachtet wird) halten große Triaden gegen den Staat.
    http://livingscoop.com/wa...

    Und ein großer Teil der Medien stimmt die gleiche Melodie ein

    http://www.focus.de/magaz...

    So schafft man Sympatisantentum an den Rändern!

  3. Es gibt ja noch Besucherplätze ...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Platz im Gericht"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das ist nicht einmal sarkastisch, ich habe auch freie Besucherplätze gesehen.
    Journalisten kann nicht verwehrt werden sich dort als Bürger niederzulassen und anschließend über das Verfahren zu berichten. So hätte man es von Anfang an machen müssen, ich weiss gar nicht warum Journalisten überhaupt "Reservierungen" bekommen. Der normale Plebs muss auch am Verhandlungstag anstehen. So wird ein Schuh draus, aus dieser ganzen selbstmitleidigen Nabelschau der Medien die man wochenlang ertragen musste.

    • Vibert
    • 06. Mai 2013 20:02 Uhr

    ist an den NSU Morden "grotesk". Geht's noch?

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich glaube bei Ihnen geht einiges nicht.

    Dass eine Bande durch Deutschland zieht und im Namen des Führers Leute ermordet, um sich dann entweder feigerweise selbst zu erschießen oder so ein Podium von allen Medien zu bekommen ist mindestens grotesk.

    Sie können dafür ein anderes Wort benutzen, wenn Sie schon kein Textverständnis mitbringen.

  4. seit heute morgen, was frau Z. trägt und ob ihr lächeln zum outfit paßt oder doch nicht zu ihrer stellung als angeklagt ... und frage mich: bin ich im mittelalter gelandet? oder noch früher? oder ganz woanders?

    auch deshalb ging mir durch den kopf, dass journalistinnen der Brigitte vielleicht mehr gewicht aufs sachlich-inhaltliche legen könnten...

    22 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    hätten wir wenigstens noch erfahren, mit welchen Schminktricks die Angeklagte es hinbekommen hat, soviel "weicher und jugendlicher" auszusehen.

    • ratxi
    • 06. Mai 2013 20:51 Uhr

    Es ist eben ein immenser Druck, etwas schreiben zu müssen.
    Da man aber nichts konkretes hat, braucht es eben Lückenfüller.
    Der geneigte Medienkonsument giert schliesslich danach.
    Er ist rast- und ruhelos, er kann nicht warten.
    Er braucht JETZT SOFORT ALLE Informationen.
    Es muss, er will, er wird sich seine Meinung bilden,
    aus dem, was man ihm vorsetzt...

    Kleider machen Leute, das weiß inzwischen jeder. Abgesehen von den Boulevardmedien und ihren Lesern, die zwar täglich darauf hereinfallen, es aber immer noch nicht erkannt haben. Heute auch Zeit, FAZ etc. Als wollten sie den Beweis antreten, dass es gut war im Losverfahren überregionale "Qualitätsmedien" nicht gesondert zu betrachten.
    Eine Angeklagte im schicken Outfit wirkt unschuldiger, als wenn sie in orange mit Nummer vorgeführt würde.
    Von den Reaktionen bin ich einigermaßen...überrascht. Hat man das aus Norwegen einfach nicht mitbekommen oder sind die mit dem Breivik-Prozess tatsächlich souveräner umgegangen; ihren Rechtsstaat verstehend, verteidigend und akzeptierend? Ich habe den Eindruck, dass Frau Z. hierzulande schon lange hängen würde, wenn man dem Mob die Chance gegeben hätte. Ich denke dieses selektive Rechtsstaatsbekenntnis ist ein echtes Problem für unsere Gesellschaft.

  5. wenn die Besetzung jkorrekt ist, dann macht man sich damit lächerlich.

    Man darf unterstellen das der Vorsitzenden diesen "Kleinkram" vorher geklärt hat.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Eigentlich alles ..."

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Beate Zschäpe | Manfred Götzl | NSU-Prozess | Richter
Service