Da ist dieses Lächeln, für ein paar Sekunden, das rätselhaft wirkt. Beate Zschäpe versteckt sich nicht hinter einem Aktenordner wie ihr Mitangeklagter Ralf Wohlleben oder unter einer Kapuze wie Carsten S., der zwei Reihen hinter ihr auf der Anklagebank sitzt. Bewacht, aber ohne Fesseln betritt sie kurz vor zehn Uhr den Sitzungssaal A101 im Münchner Oberlandesgericht.

Das Lächeln brennt sich ins Gedächtnis. Aber: Es ist kein herzliches Lächeln. Wie ein sarkastischer Kommentar über den Rummel um ihre Person. Zschäpe dreht sich, lehnt sich mit dem Rücken zu den Fotografen gegen einen Stuhl. Ihr Gesicht wirkt weicher, jugendlicher als auf den Bildern, die die Polizei während der Ermittlungen veröffentlicht hatte. Sie trägt keine Brille und hat ein elegantes Jackett übergestreift.

Der Auftritt einer Frau, die in den kommenden Monaten (oder Jahren) der Verhandlung zu allen Vorwürfen schweigen will – im größten Prozess, der in Deutschland jemals gegen rechten Terrorismus geführt wurde. Herbeigesehnt von den Hinterbliebenen der Opfer und den Verletzten, kurzzeitig gestoppt vom Bundesverfassungsgericht, trotz zahlreicher Ermittlungspannen auf den Weg gebracht. Außer Zschäpe sind Ralf Wohlleben, Carsten S., André E. und Holger G. angeklagt, entweder wegen Beihilfe zum Mord oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Die rund 80 Nebenkläger und ihre Anwälte sind von der Zuschauertribüne aus nur über Kameraprojektionen zu sehen.

Die Fassade der Beate Zschäpe

Zschäpes Auftritt ist für viele Beobachter die größte Überraschung an diesem Tag. Auf der Anklagebank, so könnte man denken, sitzt eine Geschäftsfrau, eine, die durchaus auch in der Kanzlei ihrer Verteidiger arbeiten könnte. Ihre Gesten wirken offen. Wenn sie mit ihren Verteidigern redet, lacht sie häufig.

Unwillkürlich denkt man über ihre Fassade nach. Die Fassade, die ihr offenbar dabei half, den mutmaßlichen Mördern von neun Türken, einem Griechen und einer deutschen Polizisten im Untergrund den Rücken freizuhalten. Die Fassade, hinter der sich die extremistische Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" verbarg.

Deren Taten sollen nun umfassend juristisch aufgearbeitet werden, egal, wie lange es dauert. Der dafür Zuständige sitzt etwa vier Meter von Zschäpe entfernt: der Vorsitzende des 6. Strafsenats, Manfred Götzl, eingefasst von vier weiteren Richtern und drei Beisitzern. Götzl gilt als hartnäckig und autoritär. Alle Verhandlungspausen überzieht er mindestens um eine Viertelstunde. Wann was in seinem Saal passiert, bestimmt er.

Allerdings nicht, wann die Anklageschrift verlesen wird. Denn zuvor kommt es zu dem "Antragsgewitter", das Tags zuvor der Nebenkläger-Verteidiger Sebastian Scharmer angekündigt hatte.