BurschenschaftenZündeln am Rande der Meinungsfreiheit

Die Deutsche Burschenschaft ist auf einen ultrarechten Kern geschrumpft, der extreme Positionen bezieht. Liberale Aussteiger versuchen einen Neuanfang. von 

Burschenschafter während des jährlichen Treffens an der Wartburg in Eisenach

Burschenschafter während des jährlichen Treffens an der Wartburg in Eisenach  |  © Thomas Lohnes/Getty Images

Alljährlich Ende Mai gleicht sich das Bild: Im Schein der Fackeln ziehen Burschenschafter am Fuße der Wartburg auf, das Deutschlandlied auf den Lippen und das Farbenband ihrer Verbindung an der Uniform. Die Prozession ist ein Manifest: Bündnis und Netzwerk wollen die Burschen sein, füreinander lebenslang einstehen, deutsches Brauchtum und konservative Werte pflegen.

Mit diesen Maximen unterscheiden sich diese Studentenverbindungen kaum von Schützenvereinen und anderen Traditionspflegern. Wäre da nicht der stete Drang des Dachverbandes Deutsche Burschenschaft hin zum politisch rechten Rand: Seit der Flucht von fast zwei Dutzend liberalen Burschenschaften erstarken in der auf knapp 100 Mitgliedsbünde geschrumpften Organisation die ultrakonservativen Kräfte. Weitgehend gesellschaftlicher Kontrolle entzogen, frönen sie nicht nur der Deutschtümelei. Unter Berufung auf die Meinungsfreiheit provozieren sie mit rechtsradikalen Positionen, ähnlich denen der NPD.

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Jüngster Beleg dafür sind mehrere Beschlüsse des Verbandstreffens 2013 in Eisenach. In den Anträgen ging es um Neutralität, Abstammung sowie "Antigermanismus und Deutschenfeindlichkeit" – Themen, die auch auf einem NPD-Parteitag auf der Tagesordnung stehen könnten. Eingebracht hatten sie mehrere, aus Verfassungsschutzberichten bekannte Burschenschaften:

  • Die Hamburger Burschenschaft Germania – sie führt die ultrakonservative Splittergruppe Burschenschaftliche Gemeinschaft mit Verbindungen zu NPD und Kameradschaften – ließ proklamatorisch über ein Bekenntnis zur Meinungsfreiheit abstimmen, die sie nicht gewährleistet sieht.
  • In einem weiteren Beschluss beschnitt der Dachverband selbst die Meinungsfreiheit: Er verbot seinen Mitgliedern, mit dem burschenschaftskritischen Blog der Initiative Burschenschafter gegen Neonazis zusammenzuarbeiten, die Rechtsextremismus anprangert.
  • Ebenso beantragte die vom Verfassungsschutz beobachtete Burschenschaft Germania, sämtliche politische Parteien gleich zu behandeln und ihnen gegenüber Neutralität zu wahren. Eine Distanzierung von der NPD oder von Pro NRW fehlt in dem Beschluss.
  • Die ultrakonservative Danubia München kam mit der Forderung durch, dass Strafverfolger künftig verbale oder gewalttätige Angriffe auf Deutsche in gleicher Weise ahnden sollten wie solche "gegen Juden" oder Muslime. Wie Verbandssprecher Walter Tributsch erläutert, appelliere man an die Bundesregierung, ein Institut zu gründen, das "eine Analyse der Gleichberechtigung" erarbeiten solle.
  • Abgestimmt wurde auch über einen Antrag, Studierenden nichtdeutscher Abstammung künftig die Mitgliedschaft zu verwehren.

Lediglich der letzte Antrag blieb ohne Mehrheit. Zu vielen Burschen war wohl noch der Eklat im Gedächtnis, den ein ähnlicher Versuch einer Bonner Burschenschaft 2011 nach sich zog: Der damals als "Arier-Antrag" bekannt gewordene Beschluss löste eine Austrittswelle aus, die sich bis heute fortsetzt.

"Liberaler als jüdische Organisation"

Auch vor dem diesjährigen Burschentreffen gab es heftige Diskussionen, weil Verbandssprecher Tributsch die Eintrittskriterien auf Spiegel Online mit den Worten verteidigt hatte, die Burschenschaft sei "liberaler als jüdische Organisationen". Als Beleg führte er den Wiener Sportverein Hakoah an,  der "nur Juden" aufnehme. Die Aufregung über seinen absurden Vergleich kann der Wiener Tributsch nach wie vor nicht verstehen: "Es ist die Realität", legte er im Gespräch am Rande des Burschentags nach.

Tilman Steffen
Tilman Steffen

Tilman Steffen ist Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Das Plenum in Eisenach entschärfte den Beschluss so, dass künftig ein Bekenntnis der Mitgliedschaftsanwärter zum deutschen Volk ausreicht. Dennoch gelangte der umstrittene Abstammungsbegriff in die Satzung des Dachverbandes: Dort ist jetzt definiert, wer zum deutschen Volk gehört. Der Wortlaut ist an das Bundesvertriebenengesetz angelehnt, in dem Abstammung ein Kriterium ist.

Doch auch der abgespeckte Beschluss ist nur ein Symbol, weil ohne Wirkung: Für die Aufnahme neuer Mitglieder können die einzelnen Burschenschaften nach wie vor eigene, schärfere Regeln festlegen. Michael Paulwitz, Chefredakteur des Verbandsblattes Burschenschaftliche Blätter und Autor der rechtskonservativen Wochenzeitung Junge Freiheit, sagt: "Man schaut sich den einzelnen Bewerber an. Das macht ja jeder Verein so."

Leserkommentare
  1. Früher waren Burschenschaften progressive Kräfte, heute sind die meisten ein bizarrer Verein verkappter Neonazis.

    Was eigentlich gebildete Leute - Studenten - hier veranstalten...gruselig.

    11 Leserempfehlungen
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    Woher wissen Sie, dass alle Burschenschaftler verkappte Neonazis sind? Woher haben Sie diese verallgemeinernden Kenntnisse? Haben Sie übernatürliche Kräfte? Haben Sie sich bei allen Burschenschaften recherchierend umgesehen?
    Wenn nicht, dann ist Ihr Kommentar Polemik.

    Ich stimme Ihnen vollständig zu. - Der zweite Absatz Ihres Kommentars zeigt, dass Sie noch hohe (moralische und sonstige) Erwartungen an "eigentlich gebildete" Personen, an die sog. "Eliten" haben. Mir sind die nach langen Jahren Umgang mit diesem Personenkreis mittlerweile vollständig abhanden gekommen.

  2. Wer wurde schon mal von einem dieser Burschenschaftler belästigt?
    Ich denke, da gibts andere Prioritäten.

    30 Leserempfehlungen
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    <<< Wer wurde schon mal von einem dieser Burschenschaftler belästigt?
    Ich denke, da gibts andere Prioritäten. <<<

    Bitte bedenken Sie, dass die Burschenschaftler irgendwann mal keine einflusslosen Studenten mehr sind, sich in den bürgerlichen Parteien einnisten, Staatsanwälte oder Richter werden, in die Privatwirtschaft gehen, dort netzwerken und Karriere machen und irgendwann mit 40, 50 bilden diese reaktionär-gesinnten Gestalten einen Teil des herrschenden Establishments.

    Ich kann Ähnliches berichten: Ich wurde in meinem ganzen Leben noch von keinem Ausländer oder Moslem belästigt.

    • Vibert
    • 27. Mai 2013 23:04 Uhr

    Z.B. NPD-Verbot ja/nein? Der NSU Prozess?
    Wenn ich daran denke, dass diese "Studenten" für Führungspositionen in unserer Gesellschaft geschult wurden und werden, wird mir speiübel.

    es handelt sich um Stimmungsmache, ich kenne auch keinen der die NPD wählt.

    • Nulty
    • 28. Mai 2013 0:11 Uhr

    ...ist vielleicht ein etwas hartes Wort, aber meine persönliche Feldforschung während 5 Jahren nachts Taxifahren hat eindeutig ergeben: Farbe tragende Verbindungsstudenten haben im Durchschnitt die schlechtesten Manieren von allen relevanten Fahrgastgruppen. Ob die nur das viele Trinken so schlecht vertragen, oder ob sie sich einfach für was Besseres halten - ich kann es nicht sagen.

    • Suryo
    • 28. Mai 2013 12:47 Uhr

    Doof halt, daß solche Leute das Ziel haben, pseudoelitäre Netzuwerke zu bilden ubnd sich gegenseitig in schöne, hohe Positionen zu hieven (mal ehrlich: was, außer Saufen, sollte denn sonst heutzutage noch die Existenzberechtigung dieser Vereine sein?). Und doof, wenn das klappt und dann in Wirtschaft, Politik und Verwaltung Leute sitzen, die glauben, daß reinblütige und recht(s)gläubige Deutsche zu bevorzugen seien. Es ist nun mal nicht im Interesse der Gesellschaft, wenn es zum Erreichen von gewissen Positionen und beruflichen Vorteilen reicht, "Neu-Teutonia sei's Panier!" (H. Mann, "Der Untertan") zu schnarren.

  3. Die Deutsche Burschenschaft versteht sich ja als Dachverband mit einem politisch-gesellschaftlichen Auftrag. Aber sie schafft sich mit ihrer verblüffend schlechten Öffentlichkeitsarbeit selber eine höchst schlechte Außenwirkung, sodass sie nicht nur ihren eigenen Anliegen, sondern auch dem Ansehen sämtlicher Studentenverbindungen schadet. Dazu gehört zum Beispiel das Vokabular, das an den Tag gelegt wird - als würde man gar nicht damit rechnen, dass die ganzen Anträge öffentlich werden.
    Mir wäre es vollkommen egal, nein sogar recht, wenn sich da irgendein Neonaziverein selbst zerlegen würde. Aber die angesprochenen Herren ziehen die jahrhunderte alte Tradition der Burschschaft und des Verbindungswesens in den Schmutz. Das ist traurig, und ich frage mich, wie man das aufhalten kann.

    5 Leserempfehlungen
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    die Öffentlichkeitsarbeit ist mehr als unglücklich, wenn nicht sogar dilettantisch.

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass insbesondere Mitglieder, die besonders engagiert hinter einer Idee stehen (in diesem Falle eine gesellschaftlich inakzeptable), gezielt in die Führungspositionen der einzelnen Korporationen und Dachverbände streben. Diese Ämter sind mit sehr hohem zeitlichen Aufwand verbunden, daher sind häufig die Inhaber besonders stark von ihren Ideen überzeugt und wenig nachgiebig bzw. kompromissbereit, was sich dann in derartig fragwürdigen Positionen äußert.

    Manch liberal Gesinnter wird dann schlichtweg nicht mehr bereit sein, sich nerven- und zeitaufreibenden Diskussionen, Anträgen und Stellungnahmen hinzugeben und überlässt dann den "besonders Engagierten" das Feld.

    Ich weiß, dass diese Einstellung keineswegs lobenswert ist, aber sie ist leider an vielen Stellen Realität.

    Ebenfalls soll mein Beitrag derartige Äußerungen keineswegs relativieren oder verharmlosen (ich bin als Korporierter enttäuscht und sauer, dass solche Debatten in der DB überhaupt geführt werden).

    Sofern die DB keine klare Stellung bezieht und gleichzeitig immer mehr (liberale) Burschenschaft den Dachverband verlassen, darf sich keiner aus der DB über Bezeichnungen wie "nationalistisch" oder "ultrakonservativ" wundern oder ärgern.

    Entweder geht man dann nicht entschlossen genug gegen solche Strömungen vor oder es träfen dann solche Bezeichnungen schlichtweg zu.

  4. Ich glaube was die Burschenschaftler machen ist die Sache der Burschenschaftler. Genauso wie ihre Meinung. Ich seh da keinen Anlass für diesen Artikel, vor allem weil ich den Einfluss dieser Gruppen für recht gering halte. Und selbst wenn er größer wäre: Wie würde das dann diese Gruppierung besser oder schlechter machen als andere mit sogar radikaleren Zielen (speziell auf die linken bezogen) ?
    Und woher kommt eigentlich der Begriff "Deutschtümmelei", und was soll schlimm daran sein?

    7 Leserempfehlungen
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    • kennym
    • 28. Mai 2013 6:44 Uhr

    5"Genauso wie ihre Meinung. Ich seh da keinen Anlass für diesen Artikel, vor allem weil ich den Einfluss dieser Gruppen für recht gering halte."

    Habe den Artikel zweimal gelesen und frage mich auch,was das soll,die Menschen treffen sich doch friedlich und tun niemandem was, oder konnten Sie nachweisen,dass Verbrechen begangen/vorbereitet werden oä??
    man kann es auch übertreiben mit der Stummungsmache.

  5. Auch heute können Burschenschaften oder andere Verbindungsarten noch progressive und soziale Rollen besetzen, wie z.B. bei der Einführung in die akademische Welt für Leute, die aus Nichtakademikerfamilien kommen. Ich kenne viele Aktive, die dort Anschluss gefunden haben, nachdem sie zunächst völlig überfordert waren als erster Akademiker in der Familie. Bleibt zu hoffen, dass die liberalen "Aussteiger" sich der Verantwortung bewusst sind/werden und damit den rückwärtsgewandten Verbänden auch zeigen, dass der Zug für stumpfe Deutschtümelei, Geschichtsklitterung und ähnliches abgefahren ist.

    Eine Leserempfehlung
  6. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie konstruktive Debattenbeiträge. Danke, die Redaktion/ds

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  • Schlagworte NPD | Brauchtum | Extremismus | Eisenach | Wartburg
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