ClevelandVon einem Gefängnis ins nächste

Drei junge Frauen wurden mitten in Cleveland jahrelang gequält. Jetzt sind sie frei, in Ruhe gelassen werden sie dennoch nicht. Von M. Klingst von 

Ein Polizist vor dem Haus, in dem die drei entführten Frauen jahrelang festgehalten wurden

Ein Polizist vor dem Haus, in dem die drei entführten Frauen jahrelang festgehalten wurden  |  © Bill Pugliano/Getty Images

Seit zwei Tagen berichten Amerikas Nachrichtensender rund um die Uhr über einen Kriminalfall, bei dem man in menschliche, um nicht zu sagen: unmenschliche Abgründe schaut. Ein Jahrzehnt lang hat der 52-jährige Ariel Castro aus Cleveland, Ohio, drei Frauen in seinem Haus gefangen gehalten und immer wieder vergewaltigt.

Castro lebte nicht abgeschieden auf einer Farm, nein, das Ein-Familien-Haus liegt auf der Westseite Clevelands, in einer ziemlich heruntergekommenen Straße. Doch die Bebauung ist eng, es gibt zahlreiche Nachbarn, auch eine Kirche um die Ecke.

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Die Leute beschreiben Castro als einen freundlichen Mann, der allein wohnte und immer höflich grüßte. Er fuhr viele Jahre einen Schulbus. Er hat neun Geschwister, seine Mutter und zwei Brüder sah er regelmäßig. Castro, dessen Familie einst aus Puerto Rico eingewandert war, spielte in einer Band Kontrabass und war in der Musikszene als talentiert und lustig bekannt.

Doch er hatte auch schon immer eine andere, eine brutale Seite. Er ist ein Mann mit zwei Gesichtern. Seine ehemalige und inzwischen verstorbene Frau trennte sich von ihm, weil er sie prügelte und blutig schlug. Er brach ihr die Rippen und kugelte ihre Schultergelenke aus. Zu seinem Sohn und seiner Tochter aus dieser Ehe hatte er nur sporadisch Kontakt.

Einem seiner drei Opfer, der 27-jährigen Amanda Berry, gelang es endlich Anfang dieser Woche aus ihrer Gefangenschaft auszubrechen. Als ihr Peiniger in der Stadt unterwegs war, schlug sie durch eine halboffene verriegelte Haustür Alarm. Ein Nachbar half ihr, aus dem Verließ zu entkommen. Die Polizei befreite unverzüglich auch die anderen beiden Frauen. 

Ungeborene Babys getötet

Unweigerlich fühlt man sich an ähnliche furchtbare Verbrechen erinnert. An Natascha Kampusch, die von ihrem Vergewaltiger acht Jahre lang in seinem Haus östlich von Wien eingesperrt wurde. An Elisabeth Fritzl, die in einem Keller im österreichischen Amstetten 24 Jahre lang von ihrem Vater als Sexsklavin gehalten wurde. Oder an Jaycee Lee Dugard, die als Elfjährige in Kalifornien entführt und 18 Jahre lang gefangen gehalten und vergewaltigt wurde.

Sie gebar in diesen Jahren zwei Kinder, wie auch Amanda Berry aus Cleveland in der Gefangenschaft vor sechs Jahren ein Kind zur Welt brachte. Vier Jahre, nachdem Ariel Castro die damals 17-Jährige auf dem Nachhauseweg von ihrer Arbeit bei McDonalds in sein Auto gelockt hatte.

Genauso hatte er im August 2002, ein knappes Jahr zuvor, auch die damals 21-jährige Michelle Knight in seine Gewalt gebracht. Und ein Jahr später, im April 2003, die erst 14-jährige Gina DeJesus, die damals beste Freundin seiner Tochter.

Anscheinend wurde auch Michelle Knight fünfmal schwanger. Doch Castro ließ sie hungern und schlug sie immer wieder in den Bauch, bis sie jedes Mal eine Fehlgeburt erlitt. Jetzt droht ihm neben Freiheitsberaubung und Vergewaltigung deswegen auch die Anklage wegen Mordes. In Ohio kann das mit der Todesstrafe geahndet werden.

Nach allem, was man bisher weiß, erlitten die drei Frauen ein grauenhaftes Martyrium, das sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Die ersten Jahre wurden sie anscheinend in den Keller gesperrt und mit Ketten an die Wand gefesselt. Nach der Geburt von Berrys Tochter verlegte sie Castro nach oben, in getrennte Zimmer. Das Essen wurde durch eine Öffnung gereicht.

Es heißt, zweimal hätte Castro die drei Frauen aus dem Haus durch den Garten in die Garage geführt. Angeblich jedes Mal, wenn er Besuch erwartete, den er nach Kräften zu vermeiden suchte. Jedes Mal mussten die Frauen bei diesem Gang Perücken und Sonnenbrillen tragen. 

Hätte Castro früher gefasst werden können?

Doch nur sehr selten kam jemand ins Haus. Castro lud so gut wie niemanden ein, wohl auch nicht die zwei Brüder, zu denen er den engsten Kontakt hatte und die für einen kurzen Moment mitverhaftet, aber alsbald mangels Verdachts wieder freigelassen wurden.

Das Haus verließ Castro meist nur durch die Hintertür. Polizei und FBI prüfen jetzt, ob er vielleicht auch andere Entführungen und Gewaltverbrechen verübt hat.

Die vielen Fragen, die sich jetzt unweigerlich aufdrängen, sind erdrückend. Aber sie werden wohl nie vollständig beantwortet werden können. Und schon gar nicht zur vollen Zufriedenheit. Die Abgründe sind zu tief. Niemand wird Castros dunkles Wesen wirklich aufhellen können.

Aber warum haben die Nachbarn anscheinend nie etwas mitbekommen? Warum nicht einmal Castros Familie, seine zwei Brüder, seine Musikkumpane? Warum hat die Polizei keine Spur gefunden? 2004, als alle drei Frauen bereits im Haus auf der 2207 Seymour Avenue Nummer 2207 eingesperrt waren, standen Polizisten aus einem anderen Anlass bereits an seiner Tür.  

Leserkommentare
    • Lefty
    • 10. Mai 2013 12:59 Uhr

    Sehr gut geschrieben,Herr Klingst,danke.

    2 Leserempfehlungen
  1. ...zeigt sich immer dann, wenn die Sensationsgier größer ist als der Respekt vor den Opfern.

    Schämen sollte man sich.

    5 Leserempfehlungen
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    ... heißt doch auch, dass auch DIE ZEIT von dieser bösen, bösen Sensationsgier der Medien profitiert.
    Es ist ohne Frage wichtig, dass die Welt über solche Scheußlichkeiten informiert wird, aber mit Textabschnitten wie dem nachfolgenden wird von dieser Anhänglichkeit einiger Reporter nur profitiert:

    >>An diesem Donnerstag, dem zweiten Tag ihrer Freiheit, ging die inzwischen 23-jährige Gina DeJesus für einen kurzen Moment in den Garten, erzählt ihre Tante. Sie freute sich, frische Luft atmen und die Vögel zwitschern hören zu können. Bis über ihr der Hubschrauber eines Fernsehsenders kreiste. Es ist fast so, sagt die Tante, als gerate Gina von einem Gefängnis ins andere.<<

    • SdV
    • 10. Mai 2013 13:55 Uhr

    ...zeigt sich immer dann, wenn die Sensationsgier größer ist als der Respekt vor den Opfern. Da konsumiert man erst liebend gerne solche Berichte, um dann mit vorbildlicher Abscheu erfüllte, moralinsaure Kommentare über die ach so bösen Medien drunter zu setzen (die freilich selber den Anstoß dazu liefern, wenn sie zwar berichten, aber sich im gleichen Moment dafür selber geißeln. Das wirkt weniger masochistisch als vielmehr unaufrichtig.).

    Wenn Sie finden, dass sich jemand schämen sollte, dann fangen Sie doch bei sich selber an. Verzichten Sie einfach auf das Lesen dieser Berichte - hier bei der ZEIT finden Sie sicherlich vieles andere, was Sie interessiert. Und wofür Sie sich nicht genieren müssen, wenn Sie sich selber bei der Lektüre ertappen.

    ..da fragt man sich, in welcher Kristallkugel du gesehen hast, dass ich diesen Bericht ,,liebend gerne" gelesen habe. Reichen deine hellseherischen Kräfte bis in die USA? Dann wäre der ganze Medienrummel ja bums, du kannst mit deinen Kräften ja direkt ins Haus sehen und quasi live vor Ort berichten. Nicht? Dann verzichte doch bitte auf solche Unterstellungen, dankeschön.

    Ferner: Ja, ich habe diesen Bericht gelesen, allerdings nicht, weil ich unbedingt wissen wollte, was es von dem Opfer so neues gibt. Genauso wenig liest man einen Bericht über einen Bürgerkrieg oder Hurrikanopfer automatisch aus Sensationslust.

    Die Medien hingegen haben in diesem Fall nur einen einzigen Grund, zu berichten: Sensatonsgeilheit. Insofern kannst du hier getrost darauf verzichten, Leser dieses Artikels mit in den Dreck zu ziehen.

    • o15
    • 10. Mai 2013 13:20 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf die Relativierung von Gewaltakten. Danke, die Redaktion/jk

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    • Oli.M
    • 10. Mai 2013 15:27 Uhr

    Aufgrund Ihres Kommentars schließe ich, dass Sie ein radikaler Abtreibungsgegner sind.
    Das ist Ihr gutes Recht - wir leben in einem freiem Land.

    Aber Ihr Vergleich einer freiwilligen Abtreibung in einer Klinik mit legalem Hintergrund, mit diesen bestialischen Misshandlungen deren Ziel es waren, eine Fehlgeburt einzuleiten ist unerhört.

    Ich würde mir wünschen, dass hier die Redaktion ein bisschen sensibler mit liest und zensiert.

  2. ... heißt doch auch, dass auch DIE ZEIT von dieser bösen, bösen Sensationsgier der Medien profitiert.
    Es ist ohne Frage wichtig, dass die Welt über solche Scheußlichkeiten informiert wird, aber mit Textabschnitten wie dem nachfolgenden wird von dieser Anhänglichkeit einiger Reporter nur profitiert:

    >>An diesem Donnerstag, dem zweiten Tag ihrer Freiheit, ging die inzwischen 23-jährige Gina DeJesus für einen kurzen Moment in den Garten, erzählt ihre Tante. Sie freute sich, frische Luft atmen und die Vögel zwitschern hören zu können. Bis über ihr der Hubschrauber eines Fernsehsenders kreiste. Es ist fast so, sagt die Tante, als gerate Gina von einem Gefängnis ins andere.<<

    3 Leserempfehlungen
    • vyras
    • 10. Mai 2013 13:36 Uhr

    "Aber sie werden wohl nie vollständig beantwortet werden können. Und schon gar nicht zur vollen Zufriedenheit. Die Abgründe sind zu tief. Niemand wird Castros dunkles Wesen wirklich aufhellen können."

    Sehr poetisch geschrieben, und bemerkenswert, dass wenige Tage nach Aufdeckung dieser Vorkommnisse schon ein abschließendes Fazit möglich ist, was, und aus welchen Motiven heraus, dort wirklich geschehen ist. Zu einem Zeitpunkt, an dem das Meiste noch unklar ist.

    Mit anderen Worten: Ich bevorzuge eine sachlichere, nüchterne Art des Journalismus, weniger einen Stil, der das Bedürfnis nach Gruselgeschichten bedienen will.

    8 Leserempfehlungen
    • SdV
    • 10. Mai 2013 13:55 Uhr

    ...zeigt sich immer dann, wenn die Sensationsgier größer ist als der Respekt vor den Opfern. Da konsumiert man erst liebend gerne solche Berichte, um dann mit vorbildlicher Abscheu erfüllte, moralinsaure Kommentare über die ach so bösen Medien drunter zu setzen (die freilich selber den Anstoß dazu liefern, wenn sie zwar berichten, aber sich im gleichen Moment dafür selber geißeln. Das wirkt weniger masochistisch als vielmehr unaufrichtig.).

    Wenn Sie finden, dass sich jemand schämen sollte, dann fangen Sie doch bei sich selber an. Verzichten Sie einfach auf das Lesen dieser Berichte - hier bei der ZEIT finden Sie sicherlich vieles andere, was Sie interessiert. Und wofür Sie sich nicht genieren müssen, wenn Sie sich selber bei der Lektüre ertappen.

    7 Leserempfehlungen
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    6."Wenn Sie finden, dass sich jemand schämen sollte, dann fangen Sie doch bei sich selber an. ...Und wofür Sie sich nicht genieren müssen, wenn Sie sich selber bei der Lektüre ertappen."

    ich möchte anmerken,ich finde die Kritik auch sehr berechtigt,die Tatsachen sind so schaurig und gruselig,man muß das nicht noch als Gruselgeschichte aufbereiten und ausmalen,echt nicht,die Fakten reichen komplett.

    • 15thMD
    • 10. Mai 2013 15:42 Uhr

    Dieser Artikel auf Befragungen der Nachbarn und Polizeiberichten sowie eigener Recherche.
    Ich weiß nicht, wie die anderen Berichte der ZEIT zu dem Thema ausgesehen haben, das ist der erste, den ich lese. Aber ich kann hier keinerlei Probleme für die Opfer erkennen. Das geschilderte Problem (Zitat unten) tritt nicht durch solche Artikel wie diesen auf, sondern durch eben die Medien, die ohne Skrupel Opfer belagern (Oder solche "Artikel" veröffentlichen: http://www.bildblog.de/48...) um in den Abend"nachrichten" skandalöses Bildmaterial präsentieren zu können.

    "An diesem Donnerstag, dem zweiten Tag ihrer Freiheit, ging die inzwischen 23-jährige Gina DeJesus für einen kurzen Moment in den Garten, erzählt ihre Tante. Sie freute sich, frische Luft atmen und die Vögel zwitschern hören zu können. Bis über ihr der Hubschrauber eines Fernsehsenders kreiste. Es ist fast so, sagt die Tante, als gerate Gina von einem Gefängnis ins andere."

  3. hat nach meiner Kenntnis ausgesagt und in ihrem Buch wiederholt, dass sie nicht sexuell missbraucht wurde, sondern vielmehr als Sklavin gehalten wurde. Meine Quelle ist das Buch 3096 Tage von Natascha Kampusch.Daher halte ich es für sachlich unkorrekt ihren Entführer als Vergewaltiger zu bezeichnen. Leibe Redaktion, bitte prüfen und korrigieren.

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    7. "Natascha Kampusch
    hat nach meiner Kenntnis ausgesagt und in ihrem Buch wiederholt, dass sie nicht sexuell missbraucht wurde, sondern vielmehr als Sklavin gehalten wurde."

    nein,Sie täuschen sich leider,Kampusch hat alles in dieser Richtung im Buch nur weggelassen,wie sie mehrfach betonte,im Film erscheint das alles ,sie hat in allen Interviews zu dem Film dazu Stellung genommen und auch warum si e im Buch alles dazu wegließ.Schauen Sei sich die Interviews dazu an mit ihr und sehen Sie sich den Film an.(schwer zu ertragen)
    P.S.Warum dachten Sie eigentlich,warum hat der P.die Kampusch so lange eingekerkert hat?!

  4. 7. "Natascha Kampusch
    hat nach meiner Kenntnis ausgesagt und in ihrem Buch wiederholt, dass sie nicht sexuell missbraucht wurde, sondern vielmehr als Sklavin gehalten wurde."

    nein,Sie täuschen sich leider,Kampusch hat alles in dieser Richtung im Buch nur weggelassen,wie sie mehrfach betonte,im Film erscheint das alles ,sie hat in allen Interviews zu dem Film dazu Stellung genommen und auch warum si e im Buch alles dazu wegließ.Schauen Sei sich die Interviews dazu an mit ihr und sehen Sie sich den Film an.(schwer zu ertragen)
    P.S.Warum dachten Sie eigentlich,warum hat der P.die Kampusch so lange eingekerkert hat?!

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Natascha Kampusch"
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    Das wusste ich nicht, so kann man sich irren.

    Ich habe meine Meinung aufgrund einer ihrer frühen Aussagen nach ihrem Entkommen gebildet, in welcher sie sagte, sie hätte nichts bezüglich sexuellem missbrauch in der Öffentlichkeit bestätigt, somit seien derartige Behauptungen die Erfindung von Sensationsmedien.

    In ihrem Buch hat sich dieser Eindruck für mich weiter bestätigt.
    Ich zitiere ungefähr aus dem Gedächtnis einen Auszug aus dem Buch vom Tag ihrer Entführung:
    NK: "Werde ich jetzt missbraucht?"
    WP: "Soetwas würde ich niemals tun."
    Oder jahre später:
    NK: "Warum hast du mich eigentlich entführt?"
    WP: "Ich wollte schon immer eine Sklavin."

    Ich hatte den Eindruck, dem Täter ging es um Dominanz und die Macht einen Menschen zu beherrschen und zu erniedrigen, nicht um sexuellen Missbrauch.

    Scheinbar habe ich mich da geirrt, vielen Dank für den Hinweis.

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  • Schlagworte FBI | Fidel Castro | Natascha Kampusch | Polizei | Cleveland | Amstetten
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