Deutschland diskutiert wieder einmal heftig über die Familienpolitik. Sollen Homo- und Hetero-Ehen rechtlich gleichgestellt werden? Soll das Ehegattensplitting durch ein Familiensplitting ersetzt werden? Ist die klassische Familie heute überhaupt noch zeitgemäß?

Dazu passt, was das Statistische Bundesamt anlässlich des Internationalen Familientages dieser Tage vermeldete. Danach lebte 2011 nur noch knapp die Hälfte (49 Prozent) der Bevölkerung in Deutschland in Familien. 15 Jahre zuvor waren es noch 57 Prozent. Besonders stark ist der Rückgang in Ostdeutschland. Wohnten dort 1996 noch in 58 Prozent der Haushalte Mütter und/oder Väter mit Kindern zusammen, sind es jetzt nur noch 42 Prozent. Ähnlich gering ist der Familienanteil in den Großstädten. Rund 60 Prozent der Bewohner von Berlin oder Hamburg wohnen allein ohne Kinder oder Eltern. 

Ist die Familie also ein Auslaufmodell? Stirbt Deutschland aus, weil bald niemand mehr Kinder haben möchte? Solche Schreckensszenarien sind zumindest übertrieben. Denn der sinkende Anteil der Familienhaushalte hat – neben der niedrigen Geburtenrate – vor allem demografische und soziale Gründe.

Länger leben ohne Kinder

Erstens: Die Menschen leben immer länger. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, verbringen Eltern häufig noch 30, 40 Jahre allein, mit ihrem Partner oder am Ende im Seniorenheim, aber nicht unbedingt jenseits ihrer Familie. Nur wohnen sie eben nicht mehr mit ihren Kindern zusammen. Die leben für sich, haben vielleicht irgendwann eigene Kinder, die ihre Großeltern besuchen und von denen sie manchmal oder regelmäßig betreut werden. Die Familie existiert also weiter, nur eben nicht mehr wie in früheren Zeiten unter einem Dach.

Zweitens: Frauen und Männer bekommen ihre Kinder heute später und bilden daher auch erst später Familien. Viele Ehen und Beziehungen scheitern zudem. Zurück bleiben Väter und Mütter ohne ihre Kinder, die bei der früheren Partnerin oder dem früheren Partner leben. Oder die Eltern teilen sich das Sorgerecht. Gezählt werden solche Alleinerziehenden aber nur einmal.  

Drittens: Die Mobilität hat deutlich zugenommen. Kinder ziehen zum Studieren oder Arbeiten weg; ein Elternteil wohnt möglicherweise die Woche über in einer anderen Stadt, weil es nur dort einen Job gefunden hat. Familien werden dadurch räumlich getrennt, aber sie lösen sich deshalb nicht automatisch auf.  

Dieser Trend gilt vor allem in Ostdeutschland. Viele Dörfer und kleinere Städte dort entvölkern sich. Vor allem die Jungen ziehen weg. 1996, wenige Jahre nach der Einheit, hatte Mecklenburg-Vorpommern noch mit 63 Prozent den höchsten Familienanteil. Inzwischen ist er um ein Drittel auf 42 Prozent gesunken. Ähnlich ist es in Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die Menschen dort entscheiden sich nicht unbedingt gegen die Familie, sie finden nur in vielen Fällen keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz in der Nähe.