Leben mit Kindern : Adieu Familie!

Weniger als die Hälfte der Deutschen lebt noch mit ihren Eltern oder Kindern zusammen. Kein Grund zur Sorge, sondern ein Zeichen des Zeit, findet Ludwig Greven.
Eine junge Familie auf dem Wave-Gotik-Treffen 2013 in Leipzig © Marco Prosch/Getty Images

Deutschland diskutiert wieder einmal heftig über die Familienpolitik. Sollen Homo- und Hetero-Ehen rechtlich gleichgestellt werden? Soll das Ehegattensplitting durch ein Familiensplitting ersetzt werden? Ist die klassische Familie heute überhaupt noch zeitgemäß?

Dazu passt, was das Statistische Bundesamt anlässlich des Internationalen Familientages dieser Tage vermeldete. Danach lebte 2011 nur noch knapp die Hälfte (49 Prozent) der Bevölkerung in Deutschland in Familien. 15 Jahre zuvor waren es noch 57 Prozent. Besonders stark ist der Rückgang in Ostdeutschland. Wohnten dort 1996 noch in 58 Prozent der Haushalte Mütter und/oder Väter mit Kindern zusammen, sind es jetzt nur noch 42 Prozent. Ähnlich gering ist der Familienanteil in den Großstädten. Rund 60 Prozent der Bewohner von Berlin oder Hamburg wohnen allein ohne Kinder oder Eltern. 

Ist die Familie also ein Auslaufmodell? Stirbt Deutschland aus, weil bald niemand mehr Kinder haben möchte? Solche Schreckensszenarien sind zumindest übertrieben. Denn der sinkende Anteil der Familienhaushalte hat – neben der niedrigen Geburtenrate – vor allem demografische und soziale Gründe.

Länger leben ohne Kinder

Erstens: Die Menschen leben immer länger. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, verbringen Eltern häufig noch 30, 40 Jahre allein, mit ihrem Partner oder am Ende im Seniorenheim, aber nicht unbedingt jenseits ihrer Familie. Nur wohnen sie eben nicht mehr mit ihren Kindern zusammen. Die leben für sich, haben vielleicht irgendwann eigene Kinder, die ihre Großeltern besuchen und von denen sie manchmal oder regelmäßig betreut werden. Die Familie existiert also weiter, nur eben nicht mehr wie in früheren Zeiten unter einem Dach.

Ludwig Greven

ist Politik-Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Zweitens: Frauen und Männer bekommen ihre Kinder heute später und bilden daher auch erst später Familien. Viele Ehen und Beziehungen scheitern zudem. Zurück bleiben Väter und Mütter ohne ihre Kinder, die bei der früheren Partnerin oder dem früheren Partner leben. Oder die Eltern teilen sich das Sorgerecht. Gezählt werden solche Alleinerziehenden aber nur einmal.  

Drittens: Die Mobilität hat deutlich zugenommen. Kinder ziehen zum Studieren oder Arbeiten weg; ein Elternteil wohnt möglicherweise die Woche über in einer anderen Stadt, weil es nur dort einen Job gefunden hat. Familien werden dadurch räumlich getrennt, aber sie lösen sich deshalb nicht automatisch auf.  

Dieser Trend gilt vor allem in Ostdeutschland. Viele Dörfer und kleinere Städte dort entvölkern sich. Vor allem die Jungen ziehen weg. 1996, wenige Jahre nach der Einheit, hatte Mecklenburg-Vorpommern noch mit 63 Prozent den höchsten Familienanteil. Inzwischen ist er um ein Drittel auf 42 Prozent gesunken. Ähnlich ist es in Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die Menschen dort entscheiden sich nicht unbedingt gegen die Familie, sie finden nur in vielen Fällen keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz in der Nähe.

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Kommentare

92 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Ehe vs Steuer

Ich finde, dass die Ehe, welche Funktion sie auch mal gehabt haben mag, inzwischen nur noch als das gesehen werden sollte, was sie ist: Ein gegenseitiges Versprechen, zusammenzuleben und füreinander da zu sein. Und da ist es eben meiner Meinung nach wieder egal, ob es Hetereos oder Homos sind oder ob sie Kinder haben oder nicht.

Was die Steuern angeht: Wenn man mal wirklich gerecht sein soll, ist es doch so, dass jeder Mensche, ob verheiratet oder nicht, ob Kind oder Erwachsener, Ressourcen unserer Gesellschaft verbraucht. Ja, auch und gerade Kinder! Und wenn man gerecht sein will, sollte für jeden Steuern gezahlt werden. Eine (völlig willkürliche) Bevorzugung von Leuten, die zum Standesamt gerannt sind gegenüber Menschen, die einfach so zusammen leben, ist nicht zu rechtfertigen (ich bin verheiratet, um da gleich persönliche Interessen auszuschließen). Und warum Eltern große steuerliche Vorteile dafür bekommen, dass sie sich ihren Wunschtraum vom eigenen Kind (oder mehreren) erfüllt haben, kann ich auch nicht einsehen.

Also: Ehegattenplitting und Kinderfreibetrag ade!

PS: Gesellschaftliche Gerechtigkeit bedeutet natürlich auch, dass ALLE gleichermaßen in Rentenversicherungen, Sozialversicherungen und Krankenkassen einzahlen. Also ebenfalls: Weg mit Deckelung von Krankenkassenbeiträgen und der Bevorzugung von Unternehmen (insbesondere Großunternehmen) und auch Politikern.

@Avicenna2010

> wenn wir als Eltern heute den Generationsvertrag einseitig
> kündigen, dann ist nicht klar, wer unserer Aller Altersversorgung
> nachkommen wird, wenn wir mal an die Reihe sind.

Oha, das ist aber Denken aus der vorindustriellen Zeit, oder? Als ob wir heute noch so viele Arbeiter benötigen wie vor 200 Jahren, die für die älteren Generationen aufkommen müssen. Schauen Sie sich nur die Jugendarbeitslosigkeit in einigen Ländern an! Kinder im Spätkapitalismus sind vorrangig Kostenfaktoren (s. Artikel). Und was sie an Schulen, Kindergärten etc. einsparen, bleibt mehr für die Renten. Zudem ist die Umverteilung generell in Schieflage, wenn es wenige alte Reiche und Superreiche gibt und zunehmend Arme.

Antwort auf 46

In Thüringen gibt es das Betreuungsgeld schon ein paar Jahre. Dort wurde allerdings mehrheitlich die Kita dem Betreuuungsgeld vorgezogen. Was nicht verwunderlich ist, da das Elterngeld noch 60% vom letzten Netto beträgt, das Betreuungsgeld, welches man dann ab dem 13. Monat bekommt , nur noch 100€.
Am Ende bleibt die Frage, kann man es sich finaziell leisten statt Kita das Betreuungsgeld zu nehmen.

Finanzielle Absicherung

Der finanzielle Anreiz ist nicht zu vernachlässigen, denn Kinder kosten nun mal Geld und dies sollte der Staat fördern, denn unsere Kinder sind die Steuerzahler der Zukunft und und die Zukunft unseres Landes.

Es gibt kostenlose Schulen und Unis, wir schaffen es aber nicht kostenlose Kindergartenplätze zu schaffen. Es gibt einen Steuervorteil wenn man heiratet - zumindest wenn ein Partner nichts oder weniger verdient, werde ich Vater ohne zu heiraten und trage nun die Verantwortung für das Kind bekomme ich keine steuerlichen Vorteile. Lasse ich mich scheiden und muss Unterhalt für die Kinder bezahlen, dann werde ich in die Steuerklasse 1 zurückgestuft.

Es gibt da sehr viel Benachteiligungen für Familien. Man sollte einfach die Eltern, die einer geregelten Arbeit nachgehen steuerlich mehr fördern. Dies würde auch den Anreiz steigern, dass Eltern die arbeiten Kinder bekommen und schließt damit aus, dass man Kinder nur aufgrund von Transferzahllungen in die Welt setzt.

Wir haben ein Kind und wir zahlen beide Steuern als wären wir Singles. Es gib für ein arbeitendes Ehepaar keine steuerlichen Vorteil - im Gegenteil.

So kann das ja nicht laufen.

Finanzielle Familienleistungen

Frauen und Männer bekommen Kinder in aller Regel wohl nicht, weil sie sich eine Geldleistungen dafür erwarten. In Deutschland zahlt der Staat soviel an Unterstützung für Familien wie in kaum einem anderen Land. Untersuchungen zeigen jedoch, dass Betreuungseinrichtungen wie Kitas oder Ganztagsschulen für Eltern wichtiger sind als Finanzleistungen. In Frankreich zB, wo Kinder von kleinauf ganztags versorgt werden, ist die Geburtenrate deutlich höher.

Wo steckt sie denn die üppige Unterstützung?

„In Deutschland zahlt der Staat so viel an Unterstützung für Familien wie in kaum einem anderen Land.“
Wir sind eine sechsköpfige Familie. Außer Kindergeld, welches noch nicht einmal 1/3 der tatsächlichen Kosten, die ein Kind verursacht, ausmacht, bekommen wir nichts. Wo steckt sie denn die üppige Unterstützung? Welche Untersuchung besagt, dass Eltern Ganztagsschulen und Kitas fordern? Ich kenne nur diese Untersuchung, in der die Eltern sich mehr Zeit mit ihren Kindern wünschen. Und in Frankreich ist die Geburtenrate vielleicht auch deshalb höher, weil die Steuererleichterungen für Familien höher sind!

Ich bekam Ende der Siebziger/Anfang der Achtziger

50 DM Kindergeld, welches in dem halben Jahr, in dem ich Sozialhilfe bezog, auf diese angerechnet wurde, also wegfiel. Ich habe gejobbt, ohne in die Rentenversicherung einzuzahlen (schon damals gab es 'geringfügige Beschäftigungen'). Als mein Sohn acht Jahre alt war, bekam ich einen Hortplatz für ihn, und erst da konnte ich Vollzeit arbeiten und einzahlen. Die zu erwartende Minirente wird nicht einmal für die Miete reichen, also hoffe ich, dass es in fünf Jahren noch freie Sozialwohnungen geben wird. Bitte nicht falsch verstehen: die Zeit, die ich mit meinem Kind verbracht habe – bei Halbtagsunterbringung in einem privat und selbst organisierten Kindergarten – möchte ich nicht missen. Aber die Altersarmut war in dem Moment, als ich meinen Sohn zur Welt brachte, schon vorprogrammiert. Die Rentenbeiträge waren einfach zu gering.

@ 92:

Frauen und Männer bekommen Kinder in aller Regel wohl nicht, weil sie sich eine Geldleistungen dafür erwarten.
Das ist ohnehin schon eine völlig falsche Sichtweise auf das Problem. Selbstverständlich liegt die Motivation zum Kinder bekommen nicht in irgendwelchen Unterstützungsleistungen. Auch mit Familienleistungen bedeuten Kinder immer eine Einschränkung des Lebensstandards. Aber die Famillienleistungen können eben dafür sorgen, das die Einschränkungen des Lebensstandards durch Kinder nicht ganz so groß sind. Viele Kinder bekommen in Deutschland zwei Gruppen:
Hartz-IV-Empfänger und Reiche
In beiden Fällen Gruppen in denen Kinder kaum eine Einschränkung des Lebensstandards bedeuten. Bei der Hartz-IV-Empfängern, weil sich die Sozialleistungen automatisch so erhöhen, dass der gleiche niedrige Lebensstandard auch mit Kindern beibehalten werden kann und bei Reichen, weil so viel Geld vorhanden ist, das auch mit den Kindern kaum Einschränkungen nötig sind. Für die große Mittelschicht und untere Oberschicht bedeutet Kinder aber derzeit eine große Einschränkung des Lebensstandards.
Und natürlich ist Kinderbetreuung sehr wichtig, das bedeutet aber nicht das sie die Familien die Kinderbetreuung brauchen, gegen die Ausspielen können, die ihre Kleinkinder lieber selber betreuen wollen.

@ 9:

Es gibt genug menschlichen Nachwuchs, global gesehen, auch wenn man den natürlich nicht für unsere Renten heranziehen kann, was ja hier die größte Sorge zu sein scheint.
Das moralische Problem ist, das die kinderlosen Gesellschaften genau das versuchen. Der klügste und fleißigste Nachwuchs aus den anderen Ländern wird abgeworben, wo durch die bevölkerungsreichen Entwicklungsländer auf keinen grünen Zweig kommen. Die restlichen Bevölkerung schuftet zu winzigen Löhnen um Waren herzustellen, die man dann weit unter Wert in die kaptialstarken aber kinderarmen Länder verkaufen kann.