Schienen des Güterbahnhofes von Auschwitz-Birkenau (Archivbild) © dpa

Die Polizei hat einen früheren Aufseher des Konzentrationslagers Auschwitz festgenommen. Der 93-Jährige steht nach Angaben der Staatsanwaltschaft Stuttgart unter dringendem Tatverdacht, von Herbst 1941 bis zur Auflösung des Lagers im Frühjahr 1945 Morde im Konzentrationslager unterstützt zu haben. Eine Anklage gegen den Mann aus Aalen wegen Beihilfe zum Mord werde vorbereitet.  

Er gehörte dem Totenkopf-Sturmbann an, der Wachmannschaft des Konzentrationslagers. Später arbeitete er für die dortige SS-Standortverwaltung als Koch für die Truppe. Sein Name steht auf der Liste der zehn meistgesuchten Nazi-Verbrecher. Die Welt am Sonntag hatte Ende April mit dem Mann gesprochen. Auf die Frage, ob er in Auschwitz gewesen sei, sagte er: "Ja, als Koch, die ganze Zeit."

Der gebürtige Litauer wanderte 1956 in die USA aus, nach Chicago. Dort arbeitete er nach Medienberichten bei der Gitarrenfirma Harmony. Im Jahr 1982 wurde er ausgewiesen, weil er den USA seine SS-Vergangenheit verschwiegen hatte. Seit seiner Einreise nach Deutschland im Jahr 1983 wohnte er in Aalen.     

Die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg hatte im vergangenen Jahr zwei wichtige Vorermittlungsverfahren abgeschlossen. Sie gab diese weiter an die zuständigen Staatsanwaltschaften nach Weiden in Nordbayern und nach Stuttgart. In beiden Fällen handelt es sich um frühere Aufseher im Konzentrationslager Auschwitz. Ihnen wird vorgeworfen, Beihilfe zur Ermordung von mehreren Hunderttausend Menschen geleistet zu haben, überwiegend Juden.

Neue Situation durch Demjanjuk-Urteil

Seit dem Prozess gegen den KZ-Aufseher John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord in Tausenden von Fällen hat die NS-Stelle mehr Möglichkeiten, NS-Verbrecher vor Gericht zu bringen: Die Ermittlungsbehörden waren bis zu dem Richterspruch davon ausgegangen, dass bei NS-Delikten für eine Verurteilung eine Individualschuld nachgewiesen werden muss. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Für das Landgericht München genügte eine Tätigkeit in einem Vernichtungslager, um Demjanjuk schuldig zu sprechen. Der Ukrainer wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt.  

Der Leiter der NS-Stelle, Kurt Schrimm, ging zuletzt davon aus, dass sich möglicherweise 50 mutmaßliche KZ-Aufseher aus den Vernichtungslagern Auschwitz und Auschwitz-Birkenau noch in diesem Jahr wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht verantworten müssen.