Holocaust : Polizei nimmt 93-jährigen Auschwitz-Aufseher fest

68 Jahre nach der Auflösung des Nazi-Vernichtungslagers Auschwitz gehen die Behörden gegen einen früheren Aufpasser vor. Er soll wegen Beihilfe zum Mord angeklagt werden.
Schienen des Güterbahnhofes von Auschwitz-Birkenau (Archivbild) © dpa

Die Polizei hat einen früheren Aufseher des Konzentrationslagers Auschwitz festgenommen. Der 93-Jährige steht nach Angaben der Staatsanwaltschaft Stuttgart unter dringendem Tatverdacht, von Herbst 1941 bis zur Auflösung des Lagers im Frühjahr 1945 Morde im Konzentrationslager unterstützt zu haben. Eine Anklage gegen den Mann aus Aalen wegen Beihilfe zum Mord werde vorbereitet.  

Er gehörte dem Totenkopf-Sturmbann an, der Wachmannschaft des Konzentrationslagers. Später arbeitete er für die dortige SS-Standortverwaltung als Koch für die Truppe. Sein Name steht auf der Liste der zehn meistgesuchten Nazi-Verbrecher. Die Welt am Sonntag hatte Ende April mit dem Mann gesprochen. Auf die Frage, ob er in Auschwitz gewesen sei, sagte er: "Ja, als Koch, die ganze Zeit."

Der gebürtige Litauer wanderte 1956 in die USA aus, nach Chicago. Dort arbeitete er nach Medienberichten bei der Gitarrenfirma Harmony. Im Jahr 1982 wurde er ausgewiesen, weil er den USA seine SS-Vergangenheit verschwiegen hatte. Seit seiner Einreise nach Deutschland im Jahr 1983 wohnte er in Aalen.     

Die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg hatte im vergangenen Jahr zwei wichtige Vorermittlungsverfahren abgeschlossen. Sie gab diese weiter an die zuständigen Staatsanwaltschaften nach Weiden in Nordbayern und nach Stuttgart. In beiden Fällen handelt es sich um frühere Aufseher im Konzentrationslager Auschwitz. Ihnen wird vorgeworfen, Beihilfe zur Ermordung von mehreren Hunderttausend Menschen geleistet zu haben, überwiegend Juden.

Neue Situation durch Demjanjuk-Urteil

Seit dem Prozess gegen den KZ-Aufseher John Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord in Tausenden von Fällen hat die NS-Stelle mehr Möglichkeiten, NS-Verbrecher vor Gericht zu bringen: Die Ermittlungsbehörden waren bis zu dem Richterspruch davon ausgegangen, dass bei NS-Delikten für eine Verurteilung eine Individualschuld nachgewiesen werden muss. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Für das Landgericht München genügte eine Tätigkeit in einem Vernichtungslager, um Demjanjuk schuldig zu sprechen. Der Ukrainer wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt.  

Der Leiter der NS-Stelle, Kurt Schrimm, ging zuletzt davon aus, dass sich möglicherweise 50 mutmaßliche KZ-Aufseher aus den Vernichtungslagern Auschwitz und Auschwitz-Birkenau noch in diesem Jahr wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht verantworten müssen.

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Kommentare

408 Kommentare Seite 1 von 24 Kommentieren

Na denn:

"Wäre es wirklich unmenschlich, ihn wenigsten symbolisch noch einmal für den Rest seines Lebens in Haft zu nehmen?"

Ich habe nie behauptet es wäre unmenschlich, sondern sinnfrei - das Symbol liesse ich mir eingehen, wenn ich nicht genau wüsste, dass dieses Symbol weltweit so gut wie niemanden kümmert - wenn es um Symbolik ginge, würde ich ihn aber Israel ausliefern, bzw. Nachfahren von Opfern befragen was zu tun ist.

"Ironischerweise sind es ja sonst gerade die Rechten und Nazisympathisanten, die auf eine harte und unnachgiebige Strafjustiz pochen. Aber bei ihresgleichen bestehen sie dann auf Milde."

Hierfür fehlt mir der Einblick in die rechte Szene, ich persönlich sehe den Sinn von Bestrafung fast ausschließlich in Schutz, Resozialisierung und va. Abschreckung. Diese sehe ich hier nichtmehr, tendiere aber in anderen Fällen zu härterer Abschreckung, und würde z.B. bei den Dingen die gerade in München vor sich gehen auch zu sehr mittelalterlichen Methoden greifen, bzw. auch häufiger für Todesstrafe plädieren.

"hier geht es um einen mutmaßlichen Massenmörder - wieviel Geld müsster dieser Ihrer Meinung denn zahlen, bis seine Schuld getilgt ist?"

Hier musste ich schon leicht schmunzeln - wieviel Jahrhunderte Gefängnis fänden sie denn dann richtig?
Es ist inzwischen sinnlos, und das zeigt sich an ihrer Frage am deutlichsten...

Genau deswegen

gibt es in der Justiz Begriffe wie heimtücke und mordlust, die die Strafen in die Höhe treiben - es geht um Resozialisierung und Schutz der Gesellschaft.

Wenn mir morgen einer "einen Stein an den Kopf knallt" und diese Person dafür einsitzt und danach derartiges nicht wieder tut sind sie sicher - darum geht es.

So gibt es ja auch z.B. Notwehrexzess, der straffrei ist, weil zwar uU ein Mord geschieht, aber die Gesellschaft keiner weiteren Bedrohung ausgesetzt ist...

Wenn sichergestellt wäre

das es kein zweites Mal passiert, und auch bezüglich anderer Straftaten kein fehlendes Unrechtsbewusstsein vorliegt könnte man ihn natürlich freilassen, wenn dies für andere nicht den Abschreckungseffekt untergräbt - es geht darum eine Gesellschaft zu organisieren, nicht darum sich an Menschen zu rächen.

Dafür, dass der Abschreckungseffekt wegfällt müssten wir aber vermutlich die drei letzten Menschen im Land sein... sonst ja ^^

.......

"Und woher wollen Sie wissen, dass in hunderttausenden anderen Fällen, in der mit Abschreckung als Auslegung für das Strafmaß argumentiert wird, es dort eine Wirkung erzielt, hier aber nicht? Erkennen Sie den Widerspruch?"

Schlicht deshalb, weil die Situation des Herrn nichtmehr verschlechtert wird / werden kann... Ausserdem zeigt mir so ein Fall va. das man sich erfolgreich 70 Jahre um die Justiz drücken kann - m.E.n. nicht sonderlich abschreckend...

"Und das würde Ihrer Meinung nach nicht auf Racheakte hinauslaufen?"

Mag sein, dass es auf Rache hinausläuft, wenn allerdings die Alternative zwischen Rache und Rache gegeben ist, dann doch bitte wenigstens von jemandem der noch halbwegs einen Anlass dazu hat. Was ist denn sonst die tiefe Aussage, wenn sich die BRD an Altnazis rächt? Für mich sieht das nach einem Bauernopfer aus um von irgendwas relevantem abzulenken, entweder der breiten Schuld aller der damaligen Zeit, oder von etwas aktuellem - z.B. dem NSU-Prozess...

Zum Punkto Todesstrafe sehen sie sich nochmal an, worauf ich da geantwortet habe, es ging lediglich darum, welches Spektrum harte Strafen fordert...

Haben sie diesen Satz immer noch nicht gelesen?

"Dafür, dass der Abschreckungseffekt wegfällt müssten wir aber vermutlich die drei letzten Menschen im Land sein... "

Ich kann ihn für sie höchstens umformulieren: Erst wenn es keine Gesellschaft mehr gäbe, wäre der Abschreckungseffekt sinnlos.

Ausserdem ging es hier eben nicht um den Fall, sondern um das Bsp. mit dem Stein. Die Debatte kann nur funktionieren, wenn sie lesen und verstehen, worauf sie Antworten...oder ggf. nachfragen...

wirklich?

"Vielleicht eine Bestrafung für die Beihilfe zum Mord in einigen tausend Fällen?"

sollte der mann wirklich nur koch gewesen sein, dann sollten die gerichte bitte so konsequent sein und jeden deutschen bundesbürger sofort verhaften lassen, denn dann sind in meinen augen alle anderen mit gleicher schuld beladen, da sie den deportierungen tag ein tag aus tatenlos zugeschaut haben.

Abschreckung bedeutet

das Menschen abgeschreckt werden - und das sehe ich in diesem Fall nicht gegeben, und dies würde ich als menschliche Beurteilung bezeichnen.

Mein Punkt ist einfach, wenn ich es runterbreche, wird bei einer Verurteilung dem Täter geschadet, dem Steuerzahler geschadet - nur geholfen wird niemandem.

Und da denke ich dem Gesetz nachzugehen, ohne seinen Sinn zu durchdenken, nicht so zu handeln, dass ein bestmögliches Ergebnis herauskommt sondern Verantwortung auf einen Paragraphen abzuwälzen ist viel näher an dem was uns die braune Suppe eingebrockt hat, als es wäre den Mann unangetastet im Heim zu lassen und offen zuzugeben, dass man es schon vor Jahrzehnten verbockt hat...

Ich sagte hier nicht

man solle ihn nicht bestrafen, sondern nur, dass das deutsche Recht keine sinnvolle Möglichkeit dazu bietet.
Ich habe Zivildienst geleistet, und schätze das meine Ansicht zum Alter wohl daher kommt - und ja, ich bin mir sicher ein 93 Jähriger hat nichts mehr zu verlieren was im die deutsche Justiz nehmen kann - nichtmal seine Freiheit!
Wo so eine Grenze liegt müsste im Einzelfall bewertet werden, aber bei 93 ist sie sicherlich überschritten - sowas geht doch beim Jugendstrafrecht ebenfalls, warum wäre es hier für sie problematisch?

Logik außer Acht gelassen?

"Das Jugendstrafrecht beruht auf der Annahme, daß Jugendliche noch nicht vollkommen fähig sind, ihre Taten zu verstehen und keine volle Verantwortung dafür übernehmen können. Das gilt wohl kaum für einen 96jährigen."

Rechnen Sie doch mal bitte für mich (am besten schriftlich, damit Sie das selbst nachvollziehen können) zurück, wie alt war der Herr zur Zeit dieser Verbrechen?

Anders rum: Wenn Sie so argumentieren, müsste jeder nach jugendstrafrecht verurteilte...z.B. Mörder, nach erlangen der vollen Schuldfähigkeit (nehmen wir mal weitere 15 Jahre an) nochmals vor Gericht gestellt werden, und zwar nach Erwachsenenstrafrecht.

Angekommen, oder war das zu kompliziert?

Mfg

K-F

naja ...

eine antwort haben sie nicht verlangt sondern nur mit der nazikeule geschwungen, was (leider) üblich ist bei dem thema.
es wurden wärend des prozesses neue strafttatbestände eingeführt verbrechen gegen die menschlichkeit und vorbereitung zum angriffskrieg. tja der rechtsgrundsatz das man nicht für eine straftat bestraft werden darf, welche zur zeit der tat nicht strafbar war, galt (eigentlich) auch damals. das wurde ignoriert. auch wurde auch russland nicht angeklagt, wo doch die russen sich an dem krieg gegen polen beteiligt hatten. zumal die usa von dem angriff wussten und die polen nicht gewarnt hatten. auch die richter waren keine unparteiischen, sondern ein militärgericht besetzt mit allierten besatzern. ob die deutschen bekommen haben was sie verdienten bzw. dies ihre 'gerechte' strafe war ist nicht punkt der disskusion, sondern ob es ein schauprozess war und dies war er defintiv.

Man weiss garnicht

welcher ihrer Sätze eigentlich der schlimmste ist, aber ich plädieren für diesen:

"...die Mühe ist etwas irrsinnig, wie auch bei den Piratenprozess Hamburg,
aber aktuell ja noch verständlich und wichtig für Deutschland..."

-soll heissen was wichtig für Deutschland ist wird gemacht alles andere ist Schauprozesshumbug - ja? Denken Sie mal über ihr Verständniss von Rechtstaat nach, was Sie hier schreiben ist nationalistische Pampe.