Daniel Cohn-Bendit © Bertrand Guay/Getty Images

Daniel Cohn-Bendit hofft, dass nun endlich Schluss ist. Er habe alles zum Thema gesagt, was er dazu sagen könne, sagte der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament diese Woche dem Spiegel. Gemeint sind – wieder einmal – seine schwärmerischen Schilderungen sexuell gefärbter Begegnungen mit Kleinkindern als Erzieher in einem alternativen Kinderladen der Frankfurter Uni vor fast 40 Jahren. Die unseligen Zeilen erschienen 1975 in seinem Büchlein Der große Basar.

Eine erste Aufregung darum gab es schon 2001, nachdem dem deutsch-französischen Politiker im Nachbarland vorgeworfen worden war, Grenzen überschritten zu haben. Cohn-Bendit tat seine Zeilen damals wie heute als "Provokation", "schlechte Literatur" und als Schrift ab, die man in Bezug zu ihrer Zeit sehen müsse. Und beteuert, dass er nicht pädophil sei und selber nie sexuellen Kontakt mit Kindern gehabt habe.    

Anschuldigungen damaliger Kinder, die von ihm betreut wurden, gibt es nicht, und so bleibt es jedem überlassen, Cohn-Bendit Glauben zu schenken oder nicht. Politisch wird er wohl auch die erneuten Anwürfe überstehen.

Immerhin eine konkrete Folge hat die neuerliche Debatte: Die Grünen haben angekündigt, den Einfluss von Pädophilen in der Partei wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen, nicht nur in ihrer Anfangszeit. Das hat Gründe weit über den Fall Cohn-Bendit hinaus. Denn bei den Grünen konnten in den 1980er Jahren Pädophile ungestört Lobbyarbeit in ihrem Sinne betreiben. Und sie stießen teils auf große innerparteiliche Zustimmung und Unterstützung. Bekannt ist, dass 1985 auf dem Landesparteitag der NRW-Grünen ein Papier zur Diskussion stand, in dem die Straffreiheit von sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern gefordert wurde. Das Papier wurde nach Protesten schnell kassiert, aber nicht wenige machten es dafür verantwortlich, dass die Grünen bei der nachfolgenden Landtagswahl nicht über die Prozenthürde kamen. 

In der Partei gab es damals außerdem eine Bundesarbeitsgemeinschaft Schwule, Päderasten und Transsexuelle (BAG SchwuP). Wie der Spiegel aufdeckte, wurde diese Arbeitsgruppe sowohl von der Bundestagsfraktion als auch der Partei finanziell unterstützt. Eine zentrale Forderung der grünen Päderasten: Sex zwischen Erwachsenen und Kindern sollte legalisiert werden. Für ihr eigenes Treiben wäre das ein rechtlicher Freibrief gewesen.

1987 wurde die BAG SchwuP aufgelöst. Erst danach verloren die Pädophilen in der Partei an Einfluss.

Gefährliche Mischung

Zu verstehen sind diese gefährlichen Verirrungen wohl nur aus der Entstehungsgeschichte der Grünen. Die Partei, die sich vor 30 Jahren daran machte, die Bundesrepublik grüner, freier, gerechter und besser zu machen, war in ihren Anfangsjahren ein Sammelbecken für alle möglichen Strömungen und Gruppierungen: Umweltschützer und Pazifisten, Frauenrechtler und Schwulenbewegte, Maoisten und Trotzkisten. "Alles infrage stellen, neue Freiheitsräume nutzen, Verständnis entwickeln für Abwegiges, das war eine Grundstimmung bei den Grünen", sagt der Parteienforscher Jürgen Falter, der die Entwicklung der Partei von Anfang an begleitet.

Und so fand auch die Ansicht Unterstützung, sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen seien für Kinder nicht nur nicht schädlich, sondern förderlich für deren psychosoziale Entwicklung. Pädophile konnten darauf bauen, dass auch in ihrem Fall ein grüner Solidaritätsmechanismus greifen würde. Es gelang ihnen über einen langen Zeitraum, Sex mit Kindern als letzte Bastion darzustellen, die im Zuge der sexuellen Befreiung gestürmt werden müsse, und dafür auch noch Unterstützer zu finden.

"Die meisten Grünen waren hilflos gegenüber dieser Freiheitsideologie", sagt der Soziologe Gerhard Amendt. "Erst Jahre später wurde gefragt, welche Folgen und Implikationen das alles eigentlich hat."