Fast zwei Drittel der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender in Europa wagen es einer Studie zufolge noch immer nicht, ihre sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zu zeigen. Angst, Isolation und Diskriminierung seien für sie ein alltägliches Phänomen, heißt es in einer Studie der EU-Grundrechte-Agentur (FRA).

Danach erlebte fast die Hälfte aller Befragten (47 Prozent) im vergangenen Jahr eine Diskriminierung wegen ihrer sexuellen Orientierung – in Deutschland waren es 48 Prozent. Viele verheimlichen ihre Neigung deshalb. 26 Prozent der Befragten gaben an, dass sie in den vergangenen fünf Jahren wegen ihrer sexuellen Orientierung körperlich oder verbal angegriffen worden seien. 28 Prozent der Transsexuellen wurden in den letzten zwölf Monaten mehr als drei Mal angegriffen oder bedroht.

Nur etwa jeder fünfte Zwischenfall wurde aber bei der Polizei angezeigt: Viele Betroffene zweifeln laut der Studie, dass sich dadurch etwas verbessern könnte. "Ich erlebe so viel Diskriminierung, Belästigung und Gewalt, dass es zu meinem Alltag geworden ist", sagte ein 25-jähriger bisexueller Transgender aus Litauen in der Befragung.  

Einige der Teilnehmer haben den Eindruck, die Situation verschlechtere sich selbst in traditionell toleranten Ländern. "Die Situation ist heute schlimmer als sie es etwa vor vier Jahren war", sagte etwa ein Belgier.

Wenige zeigen offen ihre Zuneigung

Insgesamt nahmen über 93.000 Menschen aus der gesamten EU und Kroatien an der nicht repräsentativen Onlinestudie teil. Die Befragten bezeichneten sich als Transgender, homo- oder bisexuell. Mit über 20.000 kamen die meisten Antworten aus Deutschland.

Die Betroffenen zeigen den Angaben zufolge selten offen ihre Zuneigung. Zwei Drittel (66 Prozent) der Studienteilnehmer vermeiden es, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Die Diskriminierung beginne oft in der Schule, sodass viele sich erst spät zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen.

In der Arbeitswelt berichten Betroffene ebenfalls von Problemen: Jeder fünfte Befragte erlebte am Arbeitsplatz oder schon bei der Suche nach einem Job Diskriminierung. "Mein Verhalten in der Arbeit beinhaltet einiges an Selbstzensur und zurückhaltendes Auftreten", zitiert der Bericht einen 31-jährigen schwulen Mann aus Deutschland. 

Verhalten von Politikern hat Vorbildfunktion

Am stärksten sind Transgender von Diskriminierung betroffen. Sie gaben am häufigsten an, intolerantem Verhalten in der Berufswelt und im Gesundheitswesen ausgesetzt gewesen zu sein.

Öffentliche Unterstützung von Politikern hat dem Bericht zufolge große Vorbildwirkung. Außenminister Guido Westerwelle (FDP), der offen zu seiner Homosexualität steht und in einer eingetragenen Partnerschaft lebt, wirke in Deutschland als Leitfigur: "Das macht natürlich einen positiven Unterschied zu anderen Ländern", sagte die Sprecherin der FRA, Waltraud Heller. In Ländern, in denen sich Politiker selbst abwertend über Homosexualität äußerten, fühlten sich Befragte häufiger diskriminiert.

Die EU-Organisation fordert in ihrem Bericht, dass bei Übergriffen, die sich gegen die sexuelle Orientierung der Betroffenen richten, der diskriminierende Hintergrund erschwerend bei der Strafe berücksichtigt wird – ähnlich wie es in einigen Ländern bei rassistisch motivierten Taten geschieht. Dafür sollten Polizisten verstärkt geschult werden. Gesetzeslücken, etwa bei Diskriminierungen im Mietrecht oder bei Dienstleistungen, sollten in der gesamten EU einheitlich geschlossen werden.