ZEIT ONLINE: Herr Kılıç, welche Erwartungen haben die türkische Bevölkerung und die türkische Politik an den NSU-Prozess?

Akif Çağatay Kılıç: Wir wollen vor allem wissen, wie groß das Terrornetzwerk wirklich war. Wer steckt hinter den drei Terroristen? Wer hat ihnen geholfen? Wer hat mit ihnen sympathisiert?Alles muss hinterfragt werden, auch die Rolle der Sicherheitsbehörden und die der Geheimdienste.

ZEIT ONLINE: Die türkischen Medien sprechen von einem "tiefen Staat", den die Existenz des NSU beweisen könnte. Was meinen sie damit?

Kılıç: "Tiefer Staat" bedeutet "Staat im Staate". Die Bezeichnung geht zurück auf eine jahrelange Verflechtung von Geheimdienst, Militär, Politik, Justiz, im Staat. İn der Türkei definieren wir so etwas als ‘Tiefen Staat’.  All die Pannen bei der Aufarbeitung der NSU-Terrorserie in Deutschland werfen ähnliche Fragen auf, die wir Türken beantwortet haben wollen.

ZEIT ONLINE: Die türkische Politik leistete den Opfern kaum Beistand, als es noch hieß, sie seien wegen krimineller Machenschaften ermordet worden. Jetzt reisen Sie mit einer Delegation nach München. Haben Sie etwas gut zu machen?

Kılıç: Mit unserer Delegation wollen wir den Familien der Opfer zeigen, dass wir zusammenstehen mit unseren Landsleuten, aber auch mit dem deutschen Volk. Es ist nicht nur wichtig für uns, sondern auch sehr wichtig für Deutschland, dass wir herausfinden, was passiert ist, Türkische und Deutsche Staatsbürger sind ermordet worden. Sind die drei Terroristen nur die Spitze des Eisbergs? Sie konnten 13 Jahre im Untergrund leben. Wer hat sie unterstützt. Beate Zschäpe hat das Haus in Brand gesetzt, als sie flüchtete. Was wollte sie verbergen?

ZEIT ONLINE: Aber können Sie verstehen, dass einige der Hinterbliebenen auch von der Türkei enttäuscht sind? Viele sagen: Bis der NSU 2011 aufgedeckt wurde, hat es auch die staatlichen Stellen in der Türkei nicht interessiert, was mit unseren Familien passierte.

Kılıç: Nun, bis 2011 kann ich diese Enttäuschung verstehen. Aber nun tun wir alles, was in unserer Macht steht, um ihnen beizustehen. Wir haben ihnen unser Wort gegeben, uns zu kümmern. Gleich nach dem der NSU und seine mutmaßlichen Taten bekannt wurden, ist Außenminister Ahmet Davutoğlu nach Deutschland geflogen und hat alle Familien einzeln besucht und gesprochen, ich war bei diesem Besuch auch dabei. Vor kurzem waren wir bei Außenminister Guido Westerwelle, ich habe mich auch mehrmals mit Sebastian Edathy getroffen, der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses. Premier Erdoğan hat dass Thema auch mehrmals mit Kanzlerin Angela Merkel besprochen. Ich spüre, dass auch die deutschen Politiker das Thema nicht werden ruhen lassen.

ZEIT ONLINE: Vertreter der Delegation sagen, sie wollen sich auch vom korrekten Verlauf des Prozesses zu überzeugen. Wie beschädigt ist das Vertrauen der türkischen Politik in den deutschen Rechtsstaat?

Kılıç: Die Türken haben großes Vertrauen in die Werte, für die der deutsche Rechtsstaat steht. Sie sagen: Ja, es gibt leider Rassisten, aber es wird sicher alles aufgeklärt und die Täter werden hart bestraft. Ich habe auch einen sehr guten Eindruck von dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl. Jetzt hoffe ich sehr, dass Beate Zschäpe und die weiteren Angeklagten auch Antworten geben. Ein Problem könnte sein, wenn der Prozess keine weiteren Informationen ans Licht bringt. Dann wäre die Enttäuschung groß.