TürkeiEine Ahnung von Tahrir in Istanbul

Premier Erdoğan lässt Proteste gegen Baumfällungen niederknüppeln. Er agiert mehr und mehr wie ein Despot, die Türken begehren auf. Von M. Thumann, Istanbul von 

Wasserwerfer, Tränengas, knüppelnde Polizisten, blutende, am Boden kriechende Demonstranten. Die schwarze Staatsmiliz verfolgt die Protestierenden in die Metro, pumpt die U-Bahnschächte mit Tränengas voll. Krankenwagen werden von der Polizei abgewiesen, wer Glück hat, rettet sich gebeugt aus dem Kessel. Die umliegenden Krankenhäuser sind voll von Schwerverletzten.

Grund für den bürgerkriegsartigen Auftritt der Istanbuler Polizei ist eine gigantische Shoppingmall, die am Taksim-Platz auf dem Gelände des letzten Parks in der Innenstadt gebaut werden soll. Seit vergangenem Jahr graben die Bagger an Istanbuls zentralem Platz, untertunneln ihn, reißen Häuser und gewachsene Viertel ein. Die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan hat die Operation am offenen Herzen der Stadt zusammen mit der Istanbuler Regierung beschlossen. Es half dabei, dass letztere ohnehin nur ausführendes Organ ist und dieselbe Parteifarbe besitzt.

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Nun geht es an die Bäume des Gezi-Parks und die Bürger der Stadt begehren auf. Dieselben Bürger, die lange geschwiegen haben, als ein Viertel nach dem anderen von Spekulanten zusammen mit der Stadtverwaltung umgekrempelt wurde, als die Stadt durch Bauwahn lahmgelegt, als der Taksim aufgebuddelt und immer weniger Grünflächen für immer mehr Beton hergegeben wurden.

Die Polizei regiert mit Gasmasken

Es sind keine Chaoten und Krawallos, die da auf die Straße gehen, sondern Bürger dieser Stadt. Leute, die sonst gar nicht demonstrieren. Doch offenbar trifft die Regierung einen Nerv dieser Menschen, wenn sie die Axt an das letzte Grün des Istanbuler Zentrums anlegt. Vielleicht geht es am Ende auch gar nicht so sehr ums Grün, sondern um die haarsträubende Willkür, mit der die Herrschenden der Türkei Stadt und Land umbauen – ohne die Menschen auch nur einmal zu fragen. Es ist nicht das erste Mal, dass die Staatsmacht drauf losknüppelt. Mittlerweile kommt es in Istanbul fast jeden Monat zu schwersten Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Bürgern. Zuletzt hing am 1. Mai über weiten Teilen der Stadt Tränengas. Unter der Wolke regierte die Polizei mit Gasmasken.

Es ist inzwischen das elfte Jahr der Regierung Erdoğan. Der Premier ist vor zwei Jahren zum dritten Mal gewählt worden. Das scheint ihm zu Kopf gestiegen sein. Er schneidet hier, da und dort Bänder durch, um neue milliardenschwere "irre Projekte", wie er es selbst nennt, einzuweihen oder anzukündigen. Er baut Brücken, Straßen, Tunnel, Kanäle, Städte – ohne Konsultation mit dem Volk. Er droht Andersdenkenden in jeder Rede, schüchtert Journalisten ein, lässt Oppositionelle gezielt verfolgen und einsperren.

Leserkommentare
  1. Das Szenario & die Bilder erinnern mich doch ein ganz ein wenig an Stuttgart!

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    Bitte bleiben Sie beim Thema. Danke, die Redaktion/mo.

    • Kelsi
    • 31. Mai 2013 19:54 Uhr

    Stimmt, ist ja wie bei uns :-D

    Bitte achten Sie auf Ihren Ton. Danke, die Redaktion/mo.

    Auf jeden Fall ermutigend für die Türkei, dass sie es mit manchen EU-Aufnahmekriterien auf Grund des Baden-Württemberger Beispiels nicht ganz so ernst zu nehmen braucht.

    weggeschickt. Mißbrauch der Staatsgewalt folgt überall denselben Regeln.

    Immerhin gibt es allmählich die Hoffnung, dass die türkischen Bürger nun merken, wie sehr sie von Erdogan seit vielen Jahren an der Demokratie vorbei regiert werden.

    Und an solchen Aktionen sollte v.a. eine vernünftige Opposition rasch wachsen.

    Erst vor kurzem rief Herr Erdogan nach Einführung der Todesstrafe. http://www.zeit.de/news/2...

    Daran zeigt sich wes Geistes Kind er ist. „Am 30. Juli 2008 sprachen die elf obersten Richter des türkischen Verfassungsgerichts den Ministerpräsidenten nicht schuldig. Haltlos sei der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, Erdogan arbeite am islamistischen Umsturz in der Türkei. Das Urteil war knapp, sechs zu fünf Stimmen. Doch es genügte: Erdogan blieb im Amt. Er hatte es geschafft, wieder einmal. „ http://www.spiegel.de/pol...

    Jetzt entlarvt er sich! 5 Richter des türkischen Verfassungsgerichts lagen völlig richtig, wie sich inzwischen zeigt!

    • DDW
    • 31. Mai 2013 18:54 Uhr
    2. [...]

    Entfernt. Bitte kommentieren Sie den Inhalt des Artikels. Die Redaktion/mak

    Eine Leserempfehlung
  2. 3. [...]

    Bitte bleiben Sie beim Thema. Danke, die Redaktion/mo.

    10 Leserempfehlungen
  3. 4. ------

    Und mit solchen Despoten wird über den EU-Beitritt diskutiert. -.-

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    ... genutzt, nicht war? Nach dieser Logik wäre das Ba-Wü von Mappus auch nicht EU tauglich.

    ... Victor Orban (Ungarn) oder ehemals Sivio Berlusconi ?

    Ihr Beitrag scheint mir mehr Ausdruck von einer latenten Ausländer-, oder speziell Türkenfeindlichkeit zu sein.

    Erdogan ist bestimmt nicht der Repräsentant der politischen Richtung, die ich präferiere. Wäre er ein deutscher Politiker, wäre er im stramm national-konservativ-christlichen CSU-Flügel anzusiedeln.

    Als es seinerzeit um die WAA in Wackersdorf ging, ließ Strauß die Demonstarnten auch mit seiner Bürgerkriegsarmee niederknüppeln.

    Was sich in Istanbul zeigt, ist also nicht eine Europaunverträglichkeit der Türkei an sich, sondern Ausdruck dessen, was passiert, wenn eine Partei zu lange an der Regierung ist. Wir haben hierzulande (insbesondere im süddeutschen Raum) ja auch unsere Erfahrungen mit zu lange regierenden Parteien.

    Mehr Sorge macht mir die schleichende Reislamisierung und Desäkularisierung der Türkei durch die AKP - und genau deshalb wäre es umso wichtiger, der Türkei nicht länger Steine beim EU-Beitritt in den Weg zu legen.

    Allerdings fürchte ich, dass es inzwischen schon fast zu spät dafür ist.

    Angesichts der jahrzehntelangen latenten Türkenfeindlichkeit der christlich-konservativen Kräfte in Europa (vor allem in Deutschland) und ihrer Hinhaltetaktik hat die Mehrheit der Türken inzwischen (zu meinem Bedauern) das Interesse an der EU weitgehend verloren und orientiert sich um - leider muss man deshalb auch mit einem zunehmenden Einfluss islamistischer Kräfte rechnen.

  4. Ich weiß Putin ist der Superfeind, und muss in jedem Artikel mindestens einmal erwähnt werden, aber mir sind keine Berichte von knüppelden russischen Sicherheitskräften, Wasserwerfern in Moskau oder selbst bei den "Massendemonstrationen" seit der letzten Wahl auch nur nennenswert vielen Verhaftungen untergekommen...
    Evtl ist der Autor ein wenig verwirrt und meinte egtl. Berlin, Stuttgart, Madrid, Genua, London, New York, Athen... die liegen aber, wie ein geübter Blick auf die Weltkarte zeigt, nicht direkt in Putins Zuständigkeitsbereich ;)

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    aber mir sind keine Berichte von knüppelden russischen Sicherheitskräften, Wasserwerfern in Moskau oder selbst bei den "Massendemonstrationen" seit der letzten Wahl auch nur nennenswert vielen Verhaftungen untergekommen...

    Natürlich nicht, wenn Sie aussschließlich die gleichgeschaltete russische Staatspresse lesen.

    • Pfalz
    • 01. Juni 2013 0:00 Uhr

    Ihrer Wahrnemung könnte man nun ein paar Fakten entgegensetzen (wenn Sie sich weiterhin diesem Diskurs widmen möchten, weisen Sie mich doch kurz daraufhin diese nachzuliefern,danke), aber ich gehe insb. über die von Ihnen gewählte Argumentation, die dem (sinnigen) Grundstz "injuria non excusat injuriam" (siehe auch meinen Kommentar zu einem weiteren Kommentator in diesem Thread/S21) widerspricht davon aus, dass es Ihnen nicht um eine anschlussfähige Kommunikation geht.....

    Ein Russin hat mir letzthin erklärt, das viele Journalisten, Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller sich bereits wieder selbstzensieren würden - was geht durch, was nicht, was ist (lebens-)gefährlich, was nicht - so wie damals halt vor der "Demokratisierung".

    das wird sich nach Ihrem Kommentar schnell ändern. Die Medien werden sich schnell mit Material bewafffnen, wie unsäglich unwichtig der Zwischenfall auch sein mag, aber wir werden jetzt wieder vermehrt Nachrichten aus Moskau von Verhaftungen wegen Ungehorsam oder staatsfeindlichem Verhalten ansehen und lesen müssen.

    Eventuell und wenn garnichts mehr geht kann man ja auch altes Bildmaterial mit neuen Überschriften senden.

  5. da wünschte ich schon einen Kommentar unseres Außenministers. Wer war das noch?

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  6. In einem Artikel lässt er RTE hochleben, in einem anderen Artikel lässt er den gleichen RTE als zutiefst skrupelloser Diktator erscheinen.

    Was die Demos angeht, so geht es in Frankreich oder Deutschland manchmal auch drunter und drüber.

    6 Leserempfehlungen
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    • Pfalz
    • 01. Juni 2013 0:04 Uhr

    ja, was jetzt folgt ist copy &pastebzw. fast ein Doppelpost von mir, aber was soll ich mich stilistisch abmühen, wenn es darum geht, einfaches "Denken" zu entlarfen

    "...Ihre Argumentation ist bereits abseitig: ein relativierender Vergleich von Unrecht ist mehr als schwach. Dies sollte man als lateinischen Verweis "injuria non excusat injuriam" oder zumindest über die aufklärende Erwachsenenagrumentation hinsichtl. Kindergartengeschichten á la "Uääähhhhh, aber Peter hat mich auch ....." gelernt haben....."

    • fuhayo
    • 31. Mai 2013 19:48 Uhr

    Zumindest hat in der TÜrkei noch kein Demonstrant sein Augenlicht verloren!

    Natürlich ist es eine Schande was gerade in Istanbul passiert...
    statt vielleicht mal eine Art Central Park für Istanbul zu planen wird da im Stadtzentrum alles zu betoniert......

    Was mich an den Deutschen Medien ankotzt ist immer diese Rechthaberei und das maß an Arroganz als ob bei uns alles Friede Freude Eierkuchen wäre.

    Was meinen sie was in Deutschland passieren würde wenn die Leute mal so auf die Straße gehen würden wie die Türken???

    ABer nein man erduldet ja alles....... BER-FLughafen, Elb-Phil, Stuttgart 21....

    Das Geheimnis, das will ich ihnen mal verraten, ist das die ELiten überall auf der Welt auf die BEdürfnisse des kleinen Mannes schei.....

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    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

    • Pfalz
    • 31. Mai 2013 23:53 Uhr

    "Zumindest hat in der TÜrkei noch kein Demonstrant sein Augenlicht verloren!"
    Zum einen gab es augenscheinlich bereits einen Toten und viele Schwerverletzte - eigentl. traurig, dass ich Ihnen mit diesen noch traurigeren Fakten antworten muss, denn Ihre Argumentation ist bereits abseitig: ein relativierender Vergleich von Unrecht ist mehr als schwach. Dies sollte man als lateinischen Verweis "injuria non excusat injuriam" oder zumindest über die aufklärende Erwachsenenagrumentation hinsichtl. Kindergartengeschichten á la "Uääähhhhh, aber Peter hat mich auch ....." gelernt haben.....
    Zitat
    "Was mich an den Deutschen Medien ankotzt ist immer diese Rechthaberei und das maß an Arroganz als ob bei uns alles Friede Freude Eierkuchen wäre."

    "Was mich [...] ankotzt" - Also bitte....
    Des weiteren ist dieser Teil aus dem gleichen eindimensionalen Holz geschnitzt, wie der Teil, mit dem ich mich schon obig auseinandergesetzt habe, nur mit umgekehrtem Vorteichen: jetzt dürfen Missstände nicht kritisiert werden, weil es ebenfalls (zum zwar unnötigen, aber wenn schon angesprochenen Vergleichsmaßstab, mag sichjeder sein eigenes Urteil bilden) Misstände auch in Deutschland (was hat dies[es Land] überhaupt mit der Person der kritischen Formulierungzu tun?) existieren?

    • Pfalz
    • 31. Mai 2013 23:54 Uhr

    Zitat
    "ABer nein man erduldet ja alles....... BER-FLughafen, Elb-Phil, Stuttgart 21...." - Wow bitee wie gelangen Sie nun nach Ihrem Eingangs-Statement, dass sich darauf richtete, dass die Proteste zu S21 sogar jemand sein Augenlicht verlor {sic!] zu dieser konträren Aussage???

    Offensichtlich ist das Ganze doch schlimmer und brutaler als in Stuttgart. Es gibt einen ersten Toten (Herzversagen), viele Schwerverletzte und einige im kritischen Zustand, davon eine völlig unbeteiligte Touristin, die zu ihrem Hotel wollte und von einem Tränengaskarnister getroffen wurde. Es gibt Bilder, auf denen Militärs den Demonstranten Gasmasken reichen und Drohungen der Prügelpolizisten auch gegen diese Militärs vorzugehen. Das war in Ägypten und Tunesien ähnlich, genau wie die Solidarisierung der Fussballfans (alle drei großen Istanbuler Vereine) mit den Demonstranten. Das wird hier nicht so friedlich aufgearbeitet werden wie in Stuttgart, die türkischen Gefängnisse sind bereits voll mit Oppositionellen und Journalisten, jetzt wird die Gleichschaltung und Islamisierung erst richtig brutal vorangetrieben.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Türkei | Istanbul | Mitbestimmung | Polizei | Stadt | Tunnel
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