Duisburg 2010Loveparade-Gutachter beschuldigt Organisatoren

21 Menschen starben in Duisburg, weil die Verantwortlichen den Raumbedarf für die Techno-Fans wohl falsch berechnet haben. Ein Panikforscher kritisiert schwere Fehler.

Die Loveparade in Duisburg 2010 endete in einer Katastrophe.

Die Loveparade in Duisburg 2010 endete in einer Katastrophe.  |  ©Revierfoto/dpa

Der britische Panikforscher Keith Still erhebt in einem Gutachten zur Loveparade 2010 in Duisburg schwerwiegende Vorwürfe gegen die Ausrichter des Events. Nach dem von der Stadt genehmigten Konzept sei es nicht einmal theoretisch möglich gewesen, den Umzug gefahrlos durchzuführen, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Der Raumbedarf sei völlig falsch berechnet worden: Noch am Tag der Loveparade habe der Veranstalter Lopavent die zulässige Zahl der Personen pro Quadratmeter erhöht. 

Still, Professor für Massendynamik und Massenmanagement an der Buckinghamshire New University, ist von der Staatsanwaltschaft mit der Untersuchung der Katastrophe beauftragt. In seinem fast 90-seitigen Gutachten kritisiert er, dass die Verantwortlichen im Vorfeld nicht einmal die erwarteten Besucherströme addiert hätten. Mit einfachen Berechnungen hätte man feststellen können, dass die Rampe auf dem Veranstaltungsgelände für die erwartete Besucherzahl viel zu klein gewesen sei.

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Jürgen Hagemann, Vorstandsmitglied des Vereins Loveparade-Selbsthilfe, sagte, das Gutachten zeige, dass sowohl der Veranstalter als auch die Stadt Duisburg für die Katastrophe mitverantwortlich seien: "Natürlich bin ich auch der Meinung, dass es zur Anklageerhebung kommen muss. Es ist inzwischen absolut unstrittig, dass von Seiten der Hauptbeschuldigten eklatante Fehler gemacht worden sind."

Als Beispiel nannte Hagemann das Fehlen einer Lautsprecheranlage. Eine solche Anlage hätte mit Sicherheit Leben gerettet, da man darüber Hinweise und Anweisungen hätte geben können. Offenbar um Kosten zu sparen, habe der Veranstalter sie aber nicht aufgebaut – und die Stadt habe das abgenommen.  

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen städtische Mitarbeiter

Am 24. Juli 2010 waren bei der Loveparade in Duisburg 21 Menschen gestorben, mehr als 500 wurden verletzt. Der damalige Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) wurde auf Betreiben einer Bürgerinitative im Februar 2012 von einer großen Mehrheit der Duisburger abgewählt.   

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen 15 Beschuldigte, darunter Mitarbeiter der Stadt Duisburg. Anklage hat die Behörde bisher nicht erhoben. Sie machte bislang keine Angaben dazu, wann mit einem Ergebnis der Ermittlungen zu rechnen ist.

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Leserkommentare
  1. Es geht voran, wenn auch quälend langsam. Aber wird es auch die richtigen treffen?

    Die Loveparde wurde vor allem politisch gewollt vom Ex-Bürgermeister Sauerland. Man hatte schon unmittelbar nach der Katastrophe den Eindruck, dass die Abläufe eine Reihe von Ungereimheiten aufwiesen. Wesentliche Genehmigungen sind wohl erst am Tag der Veranstaltung erteilt worden. Auch das Sicherheitskonzept schien fragwürdig und sehr bedenklich wegen der notwendigen Koordinierung der unterschiedlichen Beteligten, die dann gar nicht geklappt hat.

    Ich hoffe, es wird jetzt gelingen, die Initiatoren des Veranstalters und die Verantwortlichen der Stadt zur Rechenschaft zu ziehen für ihre fahrlässigen Planungen und Genehmigungen, die anscheinend in die Katastrophe führen mussten.

    4 Leserempfehlungen
  2. 2. Schuld

    Einer muß ja Schuld sein. Hinterher ist das natürlich einfach.

    Wie bei der Bankenkrise gibt es viele Aufsichtsbehörden die dann den Schuldigen suchen.

    Daß man einen britischen Gutachter braucht, zeigt doch schon daß diese Kentnisse in Deutschland überhaupt nicht vorhandnen sind.

  3. wo ist die Neuigkeit?

    Das wussten die Leute schon vor der LP.
    Es gibt massig "Reomnstrationen", im Verwaltungsvorstand hat man sich "gezofft" wegen der Sache. Sauerland hat das entschieden und er trägt verwaltungsrechtlich die volle Verantworung.

    Seine "Profis" haben Sauerland und seinen seinen "Kumpels" mehrfach gesagt: "!Lass die Finger davon, das kriegen wir nie genehmigt".
    Sauer land wollte dieses Event.

    3 Leserempfehlungen
  4. Die Rolle der Beteiligten bleibt zu klären und hoffentlich geht es da mal weiter.
    Aber eins ist eindeutig und auf vielen Fotos zusehen. Die Polizei hat mit geparketen Einsatzwagen in der Einlasszone diese Zone zwischen den beiden Unterführungen entscheidend und tragisch verengt. Laut Auflagenbescheid durfte dort aber auch rein gar nichts stehen. Mal sehen wieviel Gutachten noch kommen und dieses eventuell entscheidende Detail vertuschen.

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    der Genehmigungsbescheid dürfte an sich schon rechtswidrig gewesen sein.

  5. 5. Na,...

    der Genehmigungsbescheid dürfte an sich schon rechtswidrig gewesen sein.

    2 Leserempfehlungen
  6. Der eine:
    Da wollte wohl jemand, der keine Ahnung von der Durchführung solcher Massenveranstaltung hat, Kohle machen.
    Und der andere:
    Da wollte wohl jemand, der keine Ahnung von der Durchführung solcher Massenveranstaltung hat, politischen Vorteil ziehen.

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    Der Veranstalter ist grundsätzlich als Sponsor unterwegs gewesen und hätte nur indirekt Geld damit verdient.

    Wir haben hier ein klassisches Beispiel für ein grundsätzliches Problem: Die Entscheidungsträger haben keinerlei Kompetenz, können den fachlich kompetenten Personal aber beliebig in die Parade fahren: Der Veranstalter kann sich solange neue Gutachter suchen, bis er willfährige Leute gefunden hat. Der Bürgermeister hat genug Macht und Einfluss, um renitenten Angestellten das Leben zur Hölle zu machen, wenn die nicht spuren. Bei der Stadt hat man nach gewisser Zeit zwar einen Job fürs Leben, kann aber hinterher nur schlecht wechseln.
    Es ist halt der Stoff, aus dem die meißten Dramen gemacht sind.

    Hinzu kommt noch folgendes: Vorher sind immer die Besucherzahlen schöngerechnet worden. In Duisburg wurde dann gnadenlos nach unten geschätzt. Die Loveparade war, nüchtern betrachtet, immer ein Verlustgeschäft für die austragenden Städte. Durch die Wahl des Geländes sollten halt auch die Folgekosten gering gehalten werden.

  7. Love-Parade für Duisburg und die Veranstalter ein möglichst gutes Geschäft bei minimalem Einsatz, koste es, was es wolle für die Besucher. - Andere Kommunen hatten z. B. Bedenken und für sich die Veranstaltung abgelehnt. -

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  8. Koennen wir jetzt bitte eine neue Loveparade haben? Die Versanstaltung strikt fuer immer zu beenden ist ja wohl nun auch keine Loesung. Obwohl ich es doch schon gern haette wenn man in Zukunft die Musikrichtung aendern wuerde. Niemand hoert noch Techno.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Adolf Sauerland | Loveparade | Duisburg
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