Warum ausgerechnet mein Mann? Diese Frage spukt seit fast acht Jahren im Kopf von Yvonne Boulgarides herum. Am 15. Juni 2005 streckten die mutmaßlichen Mörder des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU ihren Mann Theodorous in seinem Münchner Schlüsselgeschäft mit drei Kopfschüssen nieder, als siebtes Todesopfer der Gewaltserie. Seitdem versucht Yvonne Boulgarides, die Hintergründe der Tat zu verstehen. Sie möchte ihre drängendsten Fragen beantwortet bekommen: Wie wurde Theodorous ausgewählt? Gab es Mitwisser beim Verfassungsschutz? Und hätte das Leben ihres Mannes gerettet werden können, wenn die Ermittler vorher gründlicher gearbeitet hätten?

Am Montag beginnt der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer des NSU, über zehn Morde und zwei Bombenanschläge wird verhandelt werden. Um sicherzugehen, dass alle relevanten Fakten geklärt werden, wird Yvonne Boulgarides als Nebenklägerin im Saal sitzen, an ihrer Seite die Anwältin Angelika Lex. "Alle Kläger sind nie als Opfer wahrgenommen worden, sondern als Verdächtige, die sich im kriminellen Milieu bewegen", sagt Lex über die Ermittlungen.

Insgesamt vertreten etwa 50 Anwälte die 80 Nebenkläger. Vier der Rechtsbeistände äußerten sich nun zu ihrer Strategie. Neben Lex sind das Reinhard Schön, der neun Verletzte des Kölner Nagelbombenanschlags von 2004 vertritt, Sebastian Scharmer, der neben der Tochter des 2006 in Dortmund erschossenen Kioskbetreibers Mehmet Kubaşik sitzt, und Stephan Lucas, zuständig für die Tochter und den Sohn des Blumenhändlers Enver Simşek aus Hessen, der im Jahr 2000 das erste Opfer des NSU war.

Aufklärung als oberstes Ziel

Die Juristen der Nebenklage machen klar: Ein möglichst hartes Urteil ist nicht ihr vorrangiges Ziel – sondern die Aufklärung. Mag das Gericht formal nicht für die falschen Verdächtigungen der Polizei, die Datenschredder-Affären oder das undurchsichtige V-Leute-Netz des Verfassungsschutzes zuständig sein – die Nebenkläger wollen vor Gericht trotzdem erfahren, wieso der NSU so lange unbehelligt seinen rechtsextremen Feldzug durch Deutschland führen konnte. Die Anwälte kritisieren, dass die Fehler von Polizei und Geheimdiensten nicht in der Anklageschrift auftauchen. Sie verweisen darauf, dass die mittlerweile vier Untersuchungsausschüsse wenig Aufhellung gebracht hätten: "Im Ausschuss ist vieles im nicht-öffentlichen Bereich erörtert worden – aber im Prozess gibt es kein nicht-öffentlich", sagt Lex.

Kaum beachtetes Leid

Die Nebenklage verlangt nun, dass die Ermittler zugeben, die rechte Gewalt unterschätzt zu haben. "Wir haben hier zehn Mordopfer – das war ein Angriff auf die bundesrepublikanische Ordnung", sagt Lucas. Auch Schön wirft den Ermittlern vor, die Taten auf die leichte Schulter genommen zu haben: "Man muss sich fragen, ob bei der RAF auch so reagiert worden wäre." Für ihn ist es beispielsweise "nicht nachvollziehbar", dass der Bundesgerichtshof die Haftbefehle für drei der fünf Angeklagten aufhob, darunter Carsten S., dem immerhin Beihilfe zum Mord in neun Fällen vorgeworfen wird. Scharmer hofft, dass der Prozess eine "gesellschaftliche Diskussion auslöst, bei der die Opfer im Fokus stehen".

Bisher sei das Leid der Verletzten und der Angehörigen von Getöteten kaum beachtet worden, während der Aufarbeitung des NSU-Terrors hätten die Behörden-Pannen im Vordergrund gestanden. Zuletzt sei selbst diese Debatte durch das Gezerre um die Sitzplätze für Journalisten überlagert worden. "Fragen der Berichterstattung sind wichtiger gemacht worden als der Prozess", kritisiert Schön.