NSU-ProzessSaunagang vor dem Richter

Demjanjuk war hier und nun Zschäpe. Es ist ein Ort für die großen Fälle. Doch für den NSU-Prozess ist Raum A101 zu klein – und sehr schweißtreibend. Von Tom Sundermann von 

Beate Zschäpe im Saal des Münchner Oberlandesgerichts

Beate Zschäpe im Saal des Münchner Oberlandesgerichts   |  ©Joerg Koch/Getty Images

Der türkische Kollege hat sein Hemd aufgeknöpft. "Da renovieren die für mehr als eine Million den Saal", stöhnt er, "und nicht mal eine Klimaanlage gibt es!"

14 Uhr am ersten Tag des NSU-Prozesses. Die Luft wabert und ist stickig. Wer morgens mit Jackett auf die Tribüne für Journalisten und Zuschauer gekommen ist, sitzt jetzt im Hemd da. Meist mit dunklen Schweißflecken unter den Achseln. Die ersten Prozessbeobachter haben ihre Plätze längst wieder geräumt, andere sind von draußen nachgerückt.

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Raum Nummer A101 im Oberlandesgericht ist der größte Gerichtssaal, den die Münchner Justiz zu bieten hat. Er ist geschichtsträchtig: Verhandelt wurde hier gegen den KZ-Aufseher John Demjanjuk, gegen die Jugendlichen, die den Manager Dominik Brunner an einem S-Bahnhof zu Tode getreten hatten, gegen den FC-Bayern-Spieler Breno, der seine Münchner Villa angezündet hatte. Für den gigantischen Terrorprozess ist er allerdings beinahe zu klein: fünf Angeklagte, 50 Nebenkläger, mehr als 60 Anwälte, dazu Richter, Staatsanwälte, Justizbeamte und so weiter und so weiter. Insgesamt bevölkern um die 300 Menschen den Saal und strahlen ihre Körperwärme ab.

1,25 Millionen Euro kostete der Umbau

Vergrößern ließ sich der Raum nicht. Aber renovieren: 1,25 Millionen Euro hat das Land in den Umbau gesteckt, obwohl in sechs Jahren ein neues Justizzentrum in München stehen soll. So lange konnte aber die aktuelle Verhandlung natürlich nicht warten. Genügen muss der Betonbau von 1974 am Stiglmaierplatz, ein kurzes Stück nördlich vom Hauptbahnhof gelegen.

Der Saal ist gekennzeichnet durch die eckigen Betonfragmente an der Decke, die orangebraunen Sitzbezüge, kurz: durch den Geist der siebziger Jahre. Durch die Renovierung ist er moderner und sicherer geworden. Durchgesessene Stühle hat das Gericht ausgetauscht, Steckdosen für die Laptops der Anwälte eingebaut, Tische mit Mikrofonen hineingebracht. Zudem hat der Saal einen neuen Anstrich erhalten, wofür kurzzeitig das Kruzifix an der Wand abgehängt wurde – dass es nun wieder an seinem Platz hängt, hat ebenfalls bereits Kritik hervorgerufen.

Die größte Überraschung: Im Zuge der Renovierung sei auch die Klimaanlage erneuert worden, sagt eine Sprecherin.

Wirklich? Auf der Tribüne ist von deren Existenz nichts zu spüren. Das gelbe Namensschild, das Inhaber eines reservierten Presseplatzes bekommen, scheint gleichzeitig ein Ticket für einen bekleideten Saunagang zu sein. Wie muss das erst für die sein, die noch eine Robe über ihrer Kleidung tragen?

Leserkommentare
  1. Hat nun auch der letzte Journalist begriffen, dass ein Strafprozess für die Beteiligten nichts anderes als harte Arbeit ist? Das gilt insbesondere für die vorliegenden Dimensionen. Eine reale Gerichtsverhandlung ist nun mal anders als bei Barbara Salesch - auch wenn die Medien dies offenbar nicht gewusst haben.

    Wer einmal vier Stunden lang Telefonprotokollverlesungen bei 26 Grad Raumtemperatur ohne Fenster mitgemacht hat, weiß wovon ich rede.

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  2. Trotz der nicht unwesentlichen Renovierungskosten nicht nur des Gerichtssaals, sondern auch der zugehörigen stillen Örtchen, wurden diese immer noch nicht verlegt und alle Beteiligten müssen zur Entrichtung ihrer Notdurft einmal quer durch das komplette Justizgebäude.
    Medienvertreter aller Zeitungen beklagen, so würde man vielleicht wichtige Prozessdetails durch unnötig lange Wege verpassen. Ein nicht namentlich genannter Kollege sagte sogar, er sei länger auf dem Weg zur Toilette als im Gerichtssaal.
    Die Aufstellung eines Dixie-WCs direkt im Presseabteil des Saals war von allen Journalisten die gefragteste Lösung, musste jedoch aus baulichen Gründen abgelehnt werden.
    Der Journalistenverband fordert nun sofort Abhilfe zu schaffen, sonst ist die Berichterstattung und damit die gesamte freiheitliche Demokratie in Gefahr.

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    Naja, der zeitintensive Gang zum WC ist sicherlich schon ein Fortschritt gegenüber der Wohnstube vom Alten Fritz (Schloss Sanssouci). Damals soll ja auch das Essen kalt geworden sein, bis es von der Küche in den Essenssaal gelangte. In diesem Sinne sehe ich den WC-Fußweg im OLG München nicht so dramatisch.

    ".... Toilette..... die gesamte freiheitliche Demokratie in Gefahr."
    Köstlich!

    Freilich haben Sie a bisserl recht: sperriges, steifes, hilfloses Agieren (oder nicht Agieren!) seitens des Gerichts von Anfang an. Aber in den Klo´s, hoffe ich, wird unsere Demokratie nicht entschieden.

  3. wollten noch ein paar Plätze für die ausländischen - insbesondere die türkischen - Medien hinzufügen?! Un echauffierten sich, warum das Münchener OLG so kompliziert und begriffsstutzig ist und nciht die "einfachste" Lösung wählt?!
    Vielleicht dämmert's jetzt, warum der Vorsitzende Richter sich für eine völlig neue Platzvergabe entschieden hat?

    4 Leserempfehlungen
    • H.v.T.
    • 09. Mai 2013 10:00 Uhr

    Danke für das Einstellen des obigen Photos; bisher war der räumliche Gesamteindruck (jedenfalls für mich) nicht so gut vorstellbar.

    Aus dieser Perspektive wird auch die abgewandte Haltung von Beate Zschäpe deutlicher. (Was keine Kritik an ihrer Haltung sein soll, sondern nur eine Feststellung, erklärt aber die Enttäuschung/Empörung der Nebenkläger besser)

    2 Leserempfehlungen
  4. als Zeichen gegen politischen Revanchismus.

    Jesus Christus von Nazareth ist am Kreuz gestorben und hat seinen Richtern verziehen.

    Auch wenn türkische Politiker, die in ihren eigenen Land Christen den Bau von Kirchen verweigern und Atheisten/Bier als auch Weinliebhabern das Leben schwer machen, fordern das es abgehängt wird sollten mal in sich gehen.

    Ein Gericht ist nicht für "Gerechtigkeit" (was immer das sein soll) da, sondern um sachgerecht zu Urteilen und eine angemessene Strafe zu finden.

    6 Leserempfehlungen
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    sollten wir deswegen ein Bild von ihm im Gerichtssal aufhängen?
    Wir leben in einem säkularen Staat, was haben da religiöse Zeichen in einem Gerichtssaal zu suchen?
    Grüße

    ist Innbegriff einer religiös begründeten Gerechtigkeit, von der Sie Selbstzeugnis gebend keine Ahnung haben und Sie wollen das, von dem Sie keine Ahnung haben, als Symbol in einem Gerichtssaal sehen, dessen Aufgabe es doch nur sei sachgerecht zu urteilen?

    Und Ihr Vorhalten der Fehler anderer ist doch auch nur geistige Trotzreaktion für deren Vorhaltungen im Zusammenhang mit dem medialen Gezeter um diesen Prozess.

    Schlechte Voraussetzungen für ein persönliches sachgerechtes Urteil.

    >>Auch das Kreuz gehört in den Gerichtssaal als Zeichen gegen politischen Revanchismus. Jesus Christus von Nazareth ist am Kreuz gestorben und hat seinen Richtern verziehen.<<

    Jesus Christus von Nazareth hat nicht einmal echte historische Substanz, die Quellenlage zu diesem Religionsgründer ist wesentlich miserabler als es bei einem Buddha oder Mohammed der Fall ist.

    Das Kreuz ist ein religiöses Symbol und rein theoretisch ist Deutschland ein säkularer Staat, auch wenn es da in der Praxis bei der Trennung von Kirche und Staat einige Mängel gibt, die man dringend mal beheben sollte.
    Als solches hat es in einem Gerichtssaal nicht das Geringste zu suchen.
    Ein Kreuz ist auch mit absoluter Sicherheit kein Zeichen gegen politischen Revanchismus, denn Politik und Kirche sollten sich eben nicht vermischen.

    Religionssymbole gehören in Kirchen, seien sie jetzt Moscheen, Synagogen oder Kathedralen. Na ja, Bayern halt, die können es nicht lassen.

  5. unbeeindruckt spielt einer der Verteidiger mit dem Handy und Fr. Zschäpe zeigt den Angehörigen und der Presse regelrecht ihren Hintern.

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    der Presse, da diese den Blick der Angehörigen verstellt.

  6. sollten wir deswegen ein Bild von ihm im Gerichtssal aufhängen?
    Wir leben in einem säkularen Staat, was haben da religiöse Zeichen in einem Gerichtssaal zu suchen?
    Grüße

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  7. Naja, der zeitintensive Gang zum WC ist sicherlich schon ein Fortschritt gegenüber der Wohnstube vom Alten Fritz (Schloss Sanssouci). Damals soll ja auch das Essen kalt geworden sein, bis es von der Küche in den Essenssaal gelangte. In diesem Sinne sehe ich den WC-Fußweg im OLG München nicht so dramatisch.

    4 Leserempfehlungen
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    • H.v.T.
    • 09. Mai 2013 10:23 Uhr

    Entfernt. Bitte achten Sie auf einen sachlichen Tonfall. Danke. Die Redaktion/kvk

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  • Schlagworte Gericht | John Demjanjuk | Richter | München
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