NSU-Prozess : "Wenigstens Handschellen hätte man ihr anlegen können"

Feinde des Rechtsstaats wie Beate Zschäpe sollten nicht so tolerant behandelt werden, sagt der Europa-Chef der "Hürriyet". Ein Gespräch zur Wahrnehmung des NSU-Prozesses

ZEIT ONLINE: Sie sind extra nach München gekommen, um den NSU-Prozess zu verfolgen. Was für einen Eindruck hat Beate Zschäpe auf Sie gemacht?

Celal Özcan: Ich war gespannt, wie sie sich verhalten würde und fand es bemerkenswert, dass sie keine Hand- oder Fußfesseln trug. Ich weiß, dass es üblich ist, den Angeklagten vor der Verhandlung die Handschellen abzunehmen. Es gibt aber auch Fälle, in denen darauf verzichtet wurde. Wenigstens Handschellen hätte man ihr anlegen können. Ich finde, man sollte mit den Feinden eines Rechtsstaates nicht so tolerant umgehen.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Özcan: Damit sie sich wie Angeklagte fühlen und sich nicht so inszenieren können. So hatte Beate Zschäpe die Chance, ihre Rolle zu spielen und sich wie ein Fotomodell auf dem Laufsteg verhalten.

Celal Özcan

Celal Özcan ist Chefredakteur der Europa-Ausgabe der türkischen Tageszeitung Hürriyet. Das Blatt gehört zum Verlag Doğan Yayın Holding. Die Europa-Ausgabe hat ihren Sitz in Mörfelden-Walldorf bei Frankfurt.

ZEIT ONLINE: "Die Nazi-Braut hat eine Show aufgeführt", haben Sie in der Dienstags-Ausgabe der Hürriyet geschrieben. Die deutschsprachigen Medien haben sich ebenfalls auf die Angeklagte konzentriert. Viele unser Leser fanden das übertrieben.

Özcan: Das Verhalten der Angeklagten ist aber wichtig. Für uns war interessant: Schämt sie sich oder nicht? Bereut sie? Am Montag zeigte sie keinerlei Schuldbewusstsein. Das ist für die Opfer schwer zu ertragen.

ZEIT ONLINE: Gibt es einen Unterschied zwischen der Rezeption des Prozesses in der deutschen und türkischen Öffentlichkeit?

Özcan: Ich mache keinen Unterschied zwischen deutscher oder türkischer Öffentlichkeit. Ich denke, die gesamte Gesellschaft ist gleichermaßen betroffen und schockiert, dass der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) so lange unentdeckt blieb und die Beamten einen rechtsradikalen Hintergrund zunächst ausgeschlossen haben.

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