MordserieDie Nebenkläger meiden den NSU-Prozess

Das NSU-Verfahren kommt in Gang. Doch die Nebenkläger bleiben ihm fern – wohl auch wegen des ermüdenden Fingerhakelns zwischen Verteidigung und Gericht. von 

Beate Zschäpe mit ihren Anwälten vor dem MünchnerOberlandesgericht

Beate Zschäpe mit ihren Anwälten vor dem MünchnerOberlandesgericht  |  © Kai Pfaffenbach/Reuters

Plötzlich geht es ganz schnell. 15.36 Uhr, Gerichtssaal A101, Oberlandesgericht München. Nachdem der NSU-Prozess fast sechs Stunden zäh geflossen ist, beginnt Bundesanwalt Herbert Diemer endlich mit dem lang ersehnten: Er verliest die Anklageschrift.

Mord. Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Brandstiftung. In Diemers monotonem Vortrag ziehen die Namen der Toten vorbei. Es beginnt bei Enver Şimşek, dem Blumenhändler. Es endet bei Michèle Kiesewetter, der Polizistin. Erst die Paragraphen, dann die Details der Taten: die Menge der Kugeln, wohin sie trafen, in welcher Stellung das Opfer zu Fall kam. Wie die mutmaßlichen Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt "arg- und wehrlose Opfer völlig überraschend in einer Alltagssituation trafen", wie der ganze NSU die "Bevölkerung auf erhebliche Weise einzuschüchtern" versuchte und das Vertrauen in den Staat schwächen wollte.

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Schuld sind laut Anklage: Ralf Wohlleben, Holger G., Carsten S., André E. – und die Hauptangeklagte Beate Zschäpe. Die sitzt an ihrem Platz wie erstarrt. Weder das Resümee der Taten, noch die Beschreibung des Todes von Mundlos und Böhnhardt locken eine Regung in ihr hervor.

Fast alle Nebenkläger fehlen

Für die Nebenkläger ist dieser Punkt des Verfahrens einer der wichtigsten, weil er alle Schicksale eint. Der Staat zeigt, dass er verstanden hat, was geschehen ist und handelt. Endlich.

Doch fast alle Nebenkläger fehlen. Gerade einmal sieben sitzen hinten in Saal A101. Die mutmaßlichen Täter sind da, aber nicht die Angehörigen deren Opfer. Schon am ersten Tag waren es weniger als 30. Angemeldet sind 86. Die Vertreter der Opfer fehlen so geschlossen am Münchner Oberlandesgericht, dass es wie ein Boykott wirkt: Erst muss der juristische Hickhack aufhören. Dann kommen wir wieder. Denn bis zuletzt deutete nichts darauf hin, dass Diemer endlich den Schriftsatz würde verlesen können. Der erste Tag war ausgelastet mit Befangenheitsanträgen der Verteidiger von Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben, woraufhin die Verhandlung verschoben wurde.

Immer wieder haben Anwälte der Hinterbliebenen und die Überlebenden der NSU-Terrorserie gefordert, die Bundesanwälte sollten nun die Anklage verlesen. Zunächst schien es aber, als folge der zweite Tag ganz dem Muster des ersten. Wieder wandte Beate Zschäpe den Fotografen ihren Rücken zu, wieder saß Maik E., Zwilling des angeklagten André E., auf der Zuschauertribüne, sogar im gleichen AC/DC-Shirt. Und wieder hatten es die Zschäpe-Verteidiger Anja Sturm, Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl von Beginn an sehr eilig. Den ersten Antrag wollte Heer schon einbringen, als Richter Manfred Götzl noch die Anwesenheit feststellte. Doch der überhörte ihn demonstrativ.

Nebenkläger-Anwalt Sebastian Scharmer hatte noch vor dem ersten Prozesstag ein "Antragsgewitter" vorhergesagt. Das folgte: Immer wieder traten die Verteidiger mit Wortmeldungen vor, auf die die Nebenklage mit Stellungnahmen folgte. Die Beistände des Mitangeklagten Ralf Wohlleben erhoben einen Antrag auf Einstellung des Verfahrens und rügten vermeintliche Formfehler bei der Besetzung der Richterbank. Anwalt Thomas Bliwier, Vertreter der Angehörigen des in Kassel erschossenen Café-Betreibers Halit Yozgat, konterte in einem eigenen Antrag, Wohllebens Team wolle nichts als eine Verzögerung des Prozesses und versuche, weitere Eingaben zu verhindern. Das Gericht beriet nicht über Anträge, sondern darüber, wer Anträge stellen darf. "Der Einfallsreichtum der Verteidigung ist offensichtlich unerschöpflich", seufzte Diemer vor einer Prozesspause.

Leserkommentare
  1. um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das soll's geben.

    Dafür ist der Prozess zu wichtig? Durchaus. Verschoben wurde der Prozess jedoch mehrfach. Wie oft soll man Urlaub nehmen dürfen?

    5 Leserempfehlungen
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    Bei einem Prozess der auf zwei Jahre angelegt ist? Die Idee ist doch schon unrealistisch.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie das Artikelthema und verzichten Sie auf nicht nachvollziehbare Spekulationen. Danke, die Redaktion/ls

    23 Leserempfehlungen
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    • msc35
    • 14. Mai 2013 21:45 Uhr

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/ls

    [...]

    Im übrigen sind "uns", "unser" und "wir" durchaus nicht völlig unangebracht. Da im Fall der rechten Terrorzelle der Staat und seine Behörden schlicht versagt haben. Auch die Medien haben versagt und sich in weiten Teilen sogar eine eigene "Schuld" aufgebürdet, in dem sie in vielen Fällen die Opfer kurzerhand zu mutmaßlichen Tätern erklärten.
    Rechter Terror? Das kam selten zur Sprache und wenn, dann wurde das Thema gleich abgebügelt, die Behörden verneinten, die Presse übernahm unkritisch deren Sichtweise.

    Im übrigen wird die Gefahr von rechts noch immer verharmlost, so werden viele Taten die offensichtlich rassistisch motiviert waren, noch nicht als solche anerkannt. Einfach weil der gesellschaftliche Druck fehlt. Empörung? Häufig Fehlanzeige! ( http://www.zeit.de/gesell... )

    Dabei ist rechter Terror nicht neu und noch nicht mal selten! Schlagwörter sind hier :Wehrsportgruppe Hoffmann + Mölln + Solingen + Hoyerswerda usw.. In allen Fällen versagte der Staat und tat sich mit der Aufarbeitung schwer. Es scheint wir versagen hier als Gesellschaft. Kein Tempolimit, ist den Deutschen scheinbar wichtiger...

    MfG

    Gekürzt. Der Kommentar, auf den Sie sich kritisch beziehen, wurde mittlerweile gekürzt. Die Redaktion/ls

    Entfernt. Danke, die Redaktion/jp

    • cm67
    • 15. Mai 2013 2:41 Uhr

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde mittlerweile gekürzt. Die Redaktion/ls

    Entfernt. Bitte bleiben Sie bei der Diskussion des konkreten Artikelinhalts und richten Sie Kritik an der Moderation direkt an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

  3. ist weder ein exorzismus noch ein mediationsverfahren.
    und die verlesung der anklageschrift ist für die prozessbeteiligten das langweiligste wo gibt. die kennen die nämlich schon, komplett. also inklusive aller beweismittel und asservaten und obduktionsberichte und und und.

    wer erwartet, dass bei eine solchen verlesung irgendwer zusammenbricht und gesteht - der sitzt im falschen film.

    14 Leserempfehlungen
  4. 4. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    Eine Leserempfehlung
  5. Bei einem Prozess der auf zwei Jahre angelegt ist? Die Idee ist doch schon unrealistisch.

    4 Leserempfehlungen
    • msc35
    • 14. Mai 2013 21:45 Uhr
    6. [...]

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie sich beziehen, wurde entfernt. Die Redaktion/ls

    13 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
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    Ich vermute mal, das Glas sollte die Angeklagten schützen. Beim NSU-Prozess geht man halt davon aus, das ein bisschen Glas nicht ausreicht und bringt ziemlich viel Polizei auf. Halte ich beides für angemessen, wenn auch unbequem.
    Der Unterschied in der Berichterstattung liegt darin, dass in der Prozess gegen die terroristische Gruppe wohl einer der bedeutendsten der BRD sein wird. Der Berliner Fall ist hingegen eher von gesellschaftlicher Bedeutung, der juristische Prozess darüber aber weit weniger kompliziert. Warum sollten dann also über den Prozess besonders berichtet werden?

    Wie soll Frau Zschäpe sich denn anziehen und wie soll sie dreinblicken, wenn die Art ihres Auftritts Ihnen so mißfällt? Was für eine Frisur halten Sie für eine Angeklagte für angemessen, um der medialen Erwartungshaltung Genüge zu tragen?

    Und PANZERGLAS schützt doch vor allem denjenigen, der dahinter sitzt?

    Sein Gesicht hat Onur U. alleine hinter Papier verborgen. Da hat ihn niemand zu gezwungen.

    Man kann auch Gespenster sehen, wo gar keine sind.

    ...denken Sie lieber mal hierüber nach...

    der NSU und Terrorismus haben so wenig miteinander gemein, wie Ihr Beitrag mit einem sinnvollen Kommentar.

    Nebenbei:

    eine deutsche Justiz gibt es nicht. In Berlin ticken Uhren anders als in Bayern. Da sitzen mal die hinter Glas und mal jene. Und andere eben nicht. Fesselungsmaßnahmen ordnen Richter, also Einzelpersonen, an. Offensichtlich ist man in München überzeugt, dass ein Dutzend "Elite-Beamte" Frau Zschäpe eventuell einfangen oder auch schützen können, während in Berlin vom Gericht das Personal etwas schwächer einordnet wird.

  6. dass es Absicht ist, der Prozess in irgend einer weise gestört wird, weil es politisch einfach zu brisant ist, da der Verfassungsschutz versagt hat und Beweismaterial verschredden und sie wegen der Liste in der Garage nicht richtig verfolgt haben etc. und meine Vermutung nahe liegt, dass die Politik auch ihre Finger im Spiel hat und dafür sorgen, dass das Versagen vom Verfassungsschutz nicht raus kommt und NSU Clique evtl auch noch Haftverschonung bekommt. Was ist wenn Zschäpe weiterhin schweigt??? dann sind wir so schlau wie bisher.........

    8 Leserempfehlungen
  7. Da haben wir wohl ein Schlagzeilen-Thema für das nächste Jahr (die nächsten Jahre?) gefunden.

    Jetzt wird also jeder einzelne der unzähligen ereignislosen und zähen Prozesstage durch die Medien seitenlang kommentiert?

    Ganz großes Kino!

    4 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Beate Zschäpe | Manfred Götzl | Anja Sturm | Brandstiftung | Bundestag | NSU-Prozess
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