Der NSU-Prozess ist wegen neuer Anträge gegen das Gericht und die Bundesanwaltschaft auch am dritten Prozesstag nicht vorangekommen. Sowohl die Verteidiger der Hauptangeklagten Beate Zschäpe als auch die des mitangeklagten Ralf Wohlleben forderten eine Aussetzung des Verfahrens.

Wohllebens Anwältin Nicole Schneider, einstiges NPD-Mitglied und eine bekannte Anwältin in der rechten Szene, bemängelte die "mediale Vorverurteilung" ihres Mandanten.  Ein fairer Prozess sei nicht mehr möglich, argumentierte sie. Überdies würden offizielle staatliche Stellen die Mordserie als Fakt betrachten.

Als Beispiele nannte Schneider Trauer- und Gedenkfeiern für Opfer von Neonazi-Terror und die Tatsache, dass Straßen nach NSU-Opfern benannt worden sind, ohne darauf hinzuweisen, dass die Schuld der Terrorgruppe noch gar nicht nachgewiesen sei.

Auch seien den Anhörigen bereits von staatlichen Stellen Entschädigungen gezahlt worden. "Es gibt aus Sicht der Verteidigung kein deutsches Gericht, vor dem die Angeklagten ein faires und rechtsstaatliches Verfahren erwarten dürfen."

Nebenklage-Anwalt Thomas Bliwier bezeichnete den Antrag als "heiße Luft und nicht mehr". Es handele sich um bloße Stimmungsmache.

Die Anwälte der Hauptangeklagten Beate Zschäpe beantragten erneut, die Hauptverhandlung auszusetzen. Damit solle der Verteidigung ermöglicht werden, weitere Akten aus den parlamentarischen Untersuchungsausschüssen einzusehen. Die umfassende Kenntnis der Protokolle über Zeugenvernehmungen sei für die Verteidigung unverzichtbar. Nur so könnten ihre Rechte "sinnvoll und effektiv ausgeübt werden", sagte Verteidiger Wolfgang Heer. Weiter beantragte Heer, Bundesanwalt Herbert Diemer und Oberstaatsanwältin Anett Greger als Sitzungsvertreter abzulösen.

Wortgefechte mit Gericht  

Je nachdem, wie das Gericht mit den Anträgen verfährt, könnten die Angeklagten befragt werden. Bis auf Holger G. und Carsten S. haben sie aber bereits angekündigt, nicht auszusagen.  

Diese eigentliche Beweisaufnahme wurde auch durch verbale Auseinandersetzungen zwischen dem Gericht und den Verteidigern verzögert. Zschäpe-Anwalt Heer nannte es "unwürdig", dass es bei Wortmeldungen der Verteidiger auf Seiten der Nebenkläger mehrmals Gelächter gab.

Heer und die zwei weiteren Zschäpe-Verteidiger forderten vom Gericht eine klarere Prozessführung. Sie bemängelten wiederholt, dass nicht geklärt sei, wer sich wann zu Wort melden kann.

Verfahrenstrennung angedacht

Richter Manfred Götzl scheint nicht mit seinem Vorschlag durchzukommen, den dem NSU zugeordneten Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße im Jahr 2004 abzutrennen. Götzl hatte dies vorgeschlagen, da er fürchtet, dass wegen dieses Anschlags sich nachträglich noch viele neue Nebenkläger dem NSU-Prozess anschließen könnten.

Bundesanwalt Diemer sagte zwar, die Bundesanwaltschaft könne sich möglicherweise einer Abtrennung nicht verschließen – dies aber nur für den Fall, dass die Hauptverhandlung nicht mehr nach den gesetzlichen Vorschriften vorstellbar wäre. "Im gegenwärtigen Moment sehen wir keinen Anlass dazu", sagte Diemer. Die Nebenkläger lehnten eine Abtrennung durch die Bank ab.

Opfer-Vertreter hatten den Plan scharf kritisiert. "Das wäre ein ganz falsches Signal", sagte Anwältin Sabine Singer, die Opfer des Anschlags vertritt.

Die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos sollen vor einem Friseursalon in der Kölner Keupstraße, die als Zentrum türkischen Lebens in der Domstadt gilt, ein Fahrrad mit einer auf dem Gepäckträger montierten Nagelbombe abgestellt und die Bombe kurz danach zur Explosion gebracht haben. Durch die Detonation gab es viele Verletzte, der Friseursalon wurde zerstört.

Die rechtsextreme Terrorgruppe NSU soll aus dem Untergrund heraus von 1998 bis 2011 insgesamt zehn Morde, zwei Bombenanschläge und 16 Banküberfälle verübt haben. Zschäpe ist als Kernmitglied der Gruppe als Mittäterin angeklagt, obwohl sie bei keinem der Morde am Tatort gewesen sein soll. Mit ihr auf der Anklagebank sitzen vier mutmaßliche Helfer der Terrorzelle.