Wir AmisFür Politiker sind wir alle Kinder

Wie Teenager und ihre Eltern verhalten sich Bürger und Mächtige manchmal, findet Kolumnist Eric T. Hansen. Beim Thema Rüstungsexporte entdeckt er Belege dafür. von 

Wir leben in einer Zeit des politischen Infantilismus. Unsere politischen Führer beurteilen und kritisieren wir beinahe so, als würden Teenager mit ihren Eltern sprechen. Einerseits verachten wir sie, weil sie gesellschaftlich angepasste Spießer sind, die für kapitalistische Großkonzerne arbeiten, die überall auf dem Planeten Menschen ausbeuten und die Umwelt verpesten. Andererseits sollen sie uns weiterhin versorgen, ein offenes Ohr für unsere pubertären Sorgen haben und uns vor der großen weiten Welt da draußen beschützen.

Dieser politische Infantilismus ist eine Plage, die heute die gesamte westliche Welt heimsucht. Wir akzeptieren sie mit einem Schulterzucken, denken uns nicht mehr dabei als bei Sprüchen wie "Nein wirklich, ich lüge nicht, das ist meine echte Haarfarbe".

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Beobachten kann man das in diesen Tagen wieder besonders gut. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung hat die deutsche Rüstungsindustrie 2012 doppelt so viele Kleinwaffen und Waffenteile (einschließlich halbautomatischer Sturmgewehre) exportiert wie im Jahr zuvor – im Wert von 76 Millionen Euro. Mancher nennt das eine schockierende Nachricht, auch wenn gleichzeitig niemand überrascht sein sollte.

Krieg made in Germany

Seit 1968 haben die Deutschen den Spruch "Nie wieder Krieg" zum Nationalmotto und den Besuch von Friedensdemos sowie politische Diskussionen über das unfassbare Leid durch Kriege zu ihren beliebtesten Freizeitaktivitäten erhoben. Und es stimmt schon: Deutschland ist keine Krieg führende Nation mehr, zumindest nicht in nennenswertem Ausmaß (ich bin Amerikaner – ich weiß, was eine Krieg führende Nation ist). Ein Kriegsprofiteur ist Deutschland aber dafür umso mehr. Denn dieses Land ist immerhin nach Amerika und Russland der drittgrößte Rüstungsexporteur der Welt.

Dass solche Nachrichten dennoch immer wieder irritieren, ist umso erstaunlicher, weil die deutsche Erfolgsgeschichte von Anfang an mit dem Waffenhandwerk zusammenhängt. Schon im Mittelalter war es kaum möglich, ohne anständige Schwerter und Harnische made in Germany Krieg zu führen – was die Europäer wirklich gern taten. Im Dreißigjährigen Krieg lieferten die Waffenschmiede von Nürnberg an sämtliche Kriegsparteien, selbst an die eigenen Feinde, aber immerhin mit Profit.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Heute ist Deutschland ebenso wenig wählerisch im Rüstungsgeschäft. Die Waffen gehen in Länder, mit denen man besser mal ein ernstes Wort über Menschenrechte reden sollte, statt über solche Deals den Mantel des Schweigens zu decken. Und selbst einem nackten Mann kann man offenbar noch in die Tasche greifen: Während im Rest Europas die Arbeitslosigkeit zum Problem wird, verkauft Deutschland mitten in der Euro-Krise selbst Griechenland Leopard-Panzer für 1,5 Milliarden Euro – schon fließt ein Teil der Hilfen wieder zurück in die eigene Tasche. Es ist am Ende nicht eine glorreiche Armee, die das friedliche Leben der Deutschen im Luxus sichert, sondern ihre glorreiche Ingenieursleistung an den Fronten dieser Welt.

Das wissen die Politiker auch. Während die Bürger immer wieder schockiert sind, dass überhaupt ein Waffengeschäft existiert, lassen die pragmatischen Politiker um Gottes Willen ihre Finger von der Wirtschaft. Tatsächlich etwas gegen die Rüstungsindustrie unternehmen – das würde erst mal ein wirtschaftliches Opfer bedeuten, und da hört der Spaß auf. Also lassen wir es lieber bei gutmenschelnden Sprüchen und scheinheiliger Aufregung.

Leserkommentare
  1. 1. Genau!

    Meist sind die Artikel von Herrn Hansen ja eher belustigend als ernstzunehmen - aber hier hat er völlig recht. Leider sind die Medien noch viel schlimmer und tragen - statt zur Versachlichung beizutragen - noch zur Eskalation bei (wie eine Art "beste Freundin" oder "bester Freund" die den Teenager noch zusätzlich aufstacheln).

    Eine Diskussion hierüber wäre wirklich der Mühe wert...

    7 Leserempfehlungen
    • zackhh
    • 31. Mai 2013 11:02 Uhr

    ich sehe das anders. ich wäre gerne diktator der welt und würde den menschen meinen willen aufzwingen. :)

    kritik dürftet ihr aber noch üben, wenn diese in reimform vorgebracht wird.

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    • Lefty
    • 31. Mai 2013 11:02 Uhr

    Mich erinnert das an den Spruch:Wasser predigen und Wein trinken.

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    • Nem0
    • 31. Mai 2013 11:20 Uhr
    4. Medien

    Dass die "Zeit" den politisch empörten Bürger als "pubertäres Kind" abtut wundert mich nicht.
    Jedoch sollte man sich bevor man dem auch noch applaudiert evtl. mal fragen warum die Proteste (z.B. an der Waffenindustrie) seit Jahren spurlos vorüberzugehen scheinen.
    Der eigentliche Witz an diesem Artikel ist doch, dass es gerade unsere "Qualitätsmedien" sind, die seit Jahrzehnten genau dieses Spiel von BIP-Wachstum ohne Rücksicht auf Verluste maßgeblich unterstützen. Sollte es ein Autor wagen den Status Quo anzuzweifeln dann höchstens oberflächlich. Benannt werden nur Symptome, niemals Ursachen. Niemand in der deutschen Medienlandschaft wird auf die Idee kommen zu hinterfragen, wieso wir in diesem System überhaupt auf die Profite der Waffenindustrie angewiesen sind und wie ein System aussehen könnte, dass auch ohne diese auskommt. Die oberflächlichen Proteste der Bürger spiegeln nur die oberflächliche Berichterstattung in den Massenmedien wider. Ohne Alternative vor Augen läuft jeder Protest ins Leere...
    Informieren sie sich also über Alternativen und dann fangen sie bei sich an, ihrer Familie und ihren Freunden. Dieses System kann man nicht "von oben" her ändern.

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    • Afa81
    • 31. Mai 2013 12:15 Uhr

    ...Fenster lehnen, wenn man Dinge behauptet, die man nicht wissen kann (und ich behaupte mal, dass niemand alle Artikel von ZO kennt):
    http://www.zeit.de/2012/3...

    Der Artikel ist von Zeit Online, er beschreibt, dass die Waffenexporte lediglich 0.2% unseres Exportvolumens ausmachen und daher nicht relevant sind für den Bestand unseres Wohlstandes. Sogar fett gedruckt in einer Unterüberschrift wird konstatiert: "Deutschland ist auf Waffengeschäfte wirtschaftlich nicht angewiesen"

  2. Der Staat ist offenbar eine Marionette der Wirtschaft. Das Wahlverfahren zwingt Politiker, in Jahres-Zyklen zu denken, in denen es nicht möglich ist, wirkliche Reformen durchzuführen. Politiker, die den Umbau der Welt fordern oder zum Verzicht aufrufen, weil damit der globalen Welt geholfen wäre, würden als verrückt verjagt.
    Sicherlich ist die Demokratie einer Diktatur vorzuziehen, aber die Mechanismen dieser Staatsform schließen aus, dass etwas Vernünftiges getan wird. Die Wähler sind nicht an der Menschheit interessiert. Es geht ihnen um ihren Arbeitsplatz, die Ausbildung ihrer Kinder, ein sicheres Einkommen, bezahlbare Wohnungen und eine Rente im Alter. Alles andere kommt weit danach.

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  3. Dagegen bleibe zu sagen, dass genau diese Exporte gegen den Willen der meisten Deutschen erfolgen.
    Gerade in Länder, mit denen man mal über Menschenrechte reden sollte. Ich denke an erster Stelle an die USA.

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  4. "Wir haben es nicht besser verdient, wenn die Politiker uns anschauen und sich sagen: "Ach, die Wähler, das sind Kinder. Also erzähle ich ihnen Märchen."

    Das ist durchaus richtig. Denn Durchschnittswähler handelt nicht wie der Souverän, der er angeblich ist (oder sein sollte) sondern eher wie unreifer Teenager, der partout nicht von zuhause ausziehen will. Oder vielleicht eher wie ein leicht unterbelichteter Schlossherr, der nicht verstehen will, dass er es ist, die Anweisungen geben muss, und dem folglich das Personal auf der Nase herumtanzt. Der Wähler erwartet zwar wie der Herr im Haus behandelt zu werden, weigert sich aber standhaft, sich wie einer zu verhalten.

    Ich denke bei den Deutschen oft an einen Satz aus Garcia Marquez (reichlich mässigem) Bolivar Roman: "Sie haben uns die Unabhängigkeit gegeben. Sagen Sie uns, was wir jetzt damit machen sollen".

    Die Deutschen aus dem Untertanendasein zu holen war wohl einfacher, als den Untertanen aus den Deutschen heraus zu bekommen. Mir scheint jedenfalls, dass in Mitteleuropa die Vergangenheit manchmal weitaus lebendiger ist, als den meisten Leuten lieb und bewusst ist. Aber trösten Sie sich: Der Rest der Welt taugt eigentlich genauso wenig. Mag sein dass der gute alte Nikolaus Sombart recht hatte, als er meinte, der Gedanke der Volkssouveränität sei die grosse Lüge der Demokratie (arg frei aus dem Gedächntis zitiert).

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    • Afa81
    • 31. Mai 2013 12:15 Uhr

    ...Fenster lehnen, wenn man Dinge behauptet, die man nicht wissen kann (und ich behaupte mal, dass niemand alle Artikel von ZO kennt):
    http://www.zeit.de/2012/3...

    Der Artikel ist von Zeit Online, er beschreibt, dass die Waffenexporte lediglich 0.2% unseres Exportvolumens ausmachen und daher nicht relevant sind für den Bestand unseres Wohlstandes. Sogar fett gedruckt in einer Unterüberschrift wird konstatiert: "Deutschland ist auf Waffengeschäfte wirtschaftlich nicht angewiesen"

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    „Der Artikel ist von Zeit Online, er beschreibt, dass die Waffenexporte lediglich 0.2% unseres Exportvolumens ausmachen und daher nicht relevant sind für den Bestand unseres Wohlstandes.“

    @Afa81

    Da kann ich ihnen nur zustimmen! Mich nervt es immer wieder, wenn so getan wird, als ob die Rüstungsindustrie so wichtig wäre, das ist sie nicht!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | Ausbeutung | Euro-Krise | Krieg | Märchen | Planet
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