Schweden ist eine gespaltene Gesellschaft. Hier die neuen – dort die alten Schweden. Sie sitzen in der gleichen U-Bahn, aber sie fahren unterschiedliche Strecken. In Vororten wie Husby und Rinkeby in Stockholm sind die Einwanderer unter sich. "Der falsche Name, der falsche Vorort, ein anderer Zungenschlag – und du wirst drinnen in Stockholm schief angeguckt", sagt Jamerson. Jamerson ist Brasilianer, lebt in einem dieser Vororte, studiert Philosophie und ist ein Freund meiner Tochter. Er beschimpft die weiße Mittelklasse als Rassisten. Das ist starker Tobak. Dachten wir nicht immer, dass Schweden eine Art großes Bullerbü ist, gerecht und frei?

Die Schweden selbst sind jedenfalls davon überzeugt, im besten Land der Welt zu leben, auch wenn diese Gewissheit vielleicht gerade kurz erschüttert wurde. Schweden ist auf jeden Fall ein Land mit hohen Ansprüchen an sich selbst. Das hat Tradition. So schenkte Schweden der Welt den Sicherheitsgurt und das erste Auto mit Katalysator. Das war ein Volvo Kombi 245 und der gleiche Autokonzern hat versuchsweise auch mal das Fließband abgeschafft. Den Krippenplatz für alle gibt es schon seit 1970. Keine deutsche Talkshow in der nicht auf Skandinavien verwiesen wird: Seht her, Reformen sind möglich. Es geht doch.

Schweden stehen gerne Modell, aber sind auch gerne für sich. Wenn Schweden von Europa sprechen, dann reden sie vom Kontinent da unten. Sie leisten sich eine splendid isolation wie ein Inselvolk. Sie haben ein anderes Bedürfnis nach Nähe und Austausch. Sie schweigen gerne in ihren 96.000 Badeseen. Sie möchten sich nicht aufdrängen. Die Angst vor allzu großer Nähe führt zu einer gewissen Armut an Kontakten außerhalb des gewohnten Kreises, einem Mangel an Offenheit gegenüber anderen. Es gibt Sommerschweden und Winterschweden. Im Winter sind sie nicht sehr gesellig (und der Winter kann lang dauern). Schweden murren untereinander auch häufig über ihre wortkargen Landsleute. Geändert hat sich dadurch nichts.

Wohnungspolitik ist Teil des Problems

Das sind keine besonders guten Voraussetzungen um anderthalb Millionen Neubürger aus aller Welt zu integrieren – in eine Gesellschaft mit nur knapp zehn Millionen Einwohnern.

Dazu passt – leider – die schwedische Wohnungspolitik, die dafür sorgt, dass sich alte und neue Schweden aus dem Weg gehen. Es gibt rund um die historischen Innenstädte Wohnquartiere von einiger  Tristesse. Sie entstanden Anfang der siebziger Jahre und sind Teil des "Millionprogrammet". Der Name zeugt von enormer Energie und dem Glauben an den großen, den richtigen Plan. Im "Millionprogrammet" ging es darum, eine Million Wohnungen in einem Jahrzehnt zu bauen. Diese Million Bauten sind von ihren ersten Bewohnern im Zuge des sozialen Aufstiegs längst verlassen worden. Jetzt wohnen dort die Migranten, die selber noch nicht den Sprung in die besseren Viertel geschafft haben.

Eine Adresse in einem dieser Viertel ist keine Empfehlung auf dem Arbeitsmarkt. Personalchefs schauen nach "ethnischen Schweden" und die heißen eher Nilsson, Svensson oder Lundgren. Bei gleicher Qualifikation werden Bewerber mit Namen wie Asneri und Özogus  nachweisbar nicht so gerne eingestellt. Seit einige Unternehmen mit anonymen Bewerbungen arbeiten, ist es ein bisschen besser geworden.

Die soziale Schere

Die größte Überraschung ist vielleicht, dass im Mutterland der Sozialdemokratie seit sieben Jahren ein anderer Geist weht. Nicht unbedingt zum Schaden des Landes. Die Finanzen sind gesund, die Wettbewerbsfähigkeit ist gestiegen. Die bürgerliche Regierung unter Fredrik Reinfeldt ist angetreten, um Schweden fit zu machen. Seitdem ist das Land aber sozial kälter geworden. Die Unterschiede sind gewachsen, die Mittelschicht zahlt erheblich weniger Steuern, eine neuen Klasse der working poor ist entstanden – ganz wie bei uns.

Auch wenn es schwerfällt zu glauben: Nirgendwo ist laut OECD die Schere zwischen arm und reich so groß wie in Schweden. Das reichste Fünftel der Bevölkerung besitzt drei Viertel der Vermögen. "Egal wie Schweden wählt: Sozialdemokraten sind wir doch alle", dieses Bonmot, aufgeschnappt von Hans Magnus Enzensberger 1989, gilt heute nicht mehr. Sozialdemokraten waren immer stolz darauf, dass alle mitkommen, dass niemand zurückbleibt. Die Regierung Reinfeldt hat es hingenommen, dass die Jugendarbeitslosigkeit in den aufständischen Vororten wie Husby auf den Rekordwert von vierzig Prozent gestiegen ist – und das mit einer florierenden Wirtschaft.

Zur Tradition der nordischen Länder gehört auch eine strenge Arbeitsethik. Fördern und Fordern. Die Jugendlichen aus den Vororten haben davon nichts gespürt. Nach und nach wurden alle Förderprogramme gestrichen. Auch gefordert wurden sie nicht, sondern schlicht beiseite gelassen und vergessen. Die Brandsätze der letzten Wochen in allen Trabantenstädten des Landes waren vor allem ein Hilfeschrei. Schweden hören ungern Ratschläge von außen. Sie wissen ja schließlich selber am besten, dass es Zeit für ein neues Millionenprogramm ist. Diesmal müsste es darum gehen, mit der Jugend der Vororte ein neues Schweden zu bauen.