Unruhen in StockholmSchweden ist nicht Bullerbü

Das skandinavische Land gilt als vorbildlicher Reformstaat. Doch Migranten haben es schwer: Die Schweden integrieren sie nicht. Von T. Bünz, Stockholm von Tilmann Bünz

Ausgebrannte Autos nach Ausschreitungen im Stockholmer Stadtbezirk Rinkeby

Ausgebrannte Autos nach Ausschreitungen im Stockholmer Stadtbezirk Rinkeby  |  © Fredrik Sandberg/Scanpix/Reuters

Schweden ist eine gespaltene Gesellschaft. Hier die neuen – dort die alten Schweden. Sie sitzen in der gleichen U-Bahn, aber sie fahren unterschiedliche Strecken. In Vororten wie Husby und Rinkeby in Stockholm sind die Einwanderer unter sich. "Der falsche Name, der falsche Vorort, ein anderer Zungenschlag – und du wirst drinnen in Stockholm schief angeguckt", sagt Jamerson. Jamerson ist Brasilianer, lebt in einem dieser Vororte, studiert Philosophie und ist ein Freund meiner Tochter. Er beschimpft die weiße Mittelklasse als Rassisten. Das ist starker Tobak. Dachten wir nicht immer, dass Schweden eine Art großes Bullerbü ist, gerecht und frei?

Die Schweden selbst sind jedenfalls davon überzeugt, im besten Land der Welt zu leben, auch wenn diese Gewissheit vielleicht gerade kurz erschüttert wurde. Schweden ist auf jeden Fall ein Land mit hohen Ansprüchen an sich selbst. Das hat Tradition. So schenkte Schweden der Welt den Sicherheitsgurt und das erste Auto mit Katalysator. Das war ein Volvo Kombi 245 und der gleiche Autokonzern hat versuchsweise auch mal das Fließband abgeschafft. Den Krippenplatz für alle gibt es schon seit 1970. Keine deutsche Talkshow in der nicht auf Skandinavien verwiesen wird: Seht her, Reformen sind möglich. Es geht doch.

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Schweden stehen gerne Modell, aber sind auch gerne für sich. Wenn Schweden von Europa sprechen, dann reden sie vom Kontinent da unten. Sie leisten sich eine splendid isolation wie ein Inselvolk. Sie haben ein anderes Bedürfnis nach Nähe und Austausch. Sie schweigen gerne in ihren 96.000 Badeseen. Sie möchten sich nicht aufdrängen. Die Angst vor allzu großer Nähe führt zu einer gewissen Armut an Kontakten außerhalb des gewohnten Kreises, einem Mangel an Offenheit gegenüber anderen. Es gibt Sommerschweden und Winterschweden. Im Winter sind sie nicht sehr gesellig (und der Winter kann lang dauern). Schweden murren untereinander auch häufig über ihre wortkargen Landsleute. Geändert hat sich dadurch nichts.

Wohnungspolitik ist Teil des Problems

Das sind keine besonders guten Voraussetzungen um anderthalb Millionen Neubürger aus aller Welt zu integrieren – in eine Gesellschaft mit nur knapp zehn Millionen Einwohnern.

Dazu passt – leider – die schwedische Wohnungspolitik, die dafür sorgt, dass sich alte und neue Schweden aus dem Weg gehen. Es gibt rund um die historischen Innenstädte Wohnquartiere von einiger  Tristesse. Sie entstanden Anfang der siebziger Jahre und sind Teil des "Millionprogrammet". Der Name zeugt von enormer Energie und dem Glauben an den großen, den richtigen Plan. Im "Millionprogrammet" ging es darum, eine Million Wohnungen in einem Jahrzehnt zu bauen. Diese Million Bauten sind von ihren ersten Bewohnern im Zuge des sozialen Aufstiegs längst verlassen worden. Jetzt wohnen dort die Migranten, die selber noch nicht den Sprung in die besseren Viertel geschafft haben.

Eine Adresse in einem dieser Viertel ist keine Empfehlung auf dem Arbeitsmarkt. Personalchefs schauen nach "ethnischen Schweden" und die heißen eher Nilsson, Svensson oder Lundgren. Bei gleicher Qualifikation werden Bewerber mit Namen wie Asneri und Özogus  nachweisbar nicht so gerne eingestellt. Seit einige Unternehmen mit anonymen Bewerbungen arbeiten, ist es ein bisschen besser geworden.

Die soziale Schere

Die größte Überraschung ist vielleicht, dass im Mutterland der Sozialdemokratie seit sieben Jahren ein anderer Geist weht. Nicht unbedingt zum Schaden des Landes. Die Finanzen sind gesund, die Wettbewerbsfähigkeit ist gestiegen. Die bürgerliche Regierung unter Fredrik Reinfeldt ist angetreten, um Schweden fit zu machen. Seitdem ist das Land aber sozial kälter geworden. Die Unterschiede sind gewachsen, die Mittelschicht zahlt erheblich weniger Steuern, eine neuen Klasse der working poor ist entstanden – ganz wie bei uns.

Auch wenn es schwerfällt zu glauben: Nirgendwo ist laut OECD die Schere zwischen arm und reich so groß wie in Schweden. Das reichste Fünftel der Bevölkerung besitzt drei Viertel der Vermögen. "Egal wie Schweden wählt: Sozialdemokraten sind wir doch alle", dieses Bonmot, aufgeschnappt von Hans Magnus Enzensberger 1989, gilt heute nicht mehr. Sozialdemokraten waren immer stolz darauf, dass alle mitkommen, dass niemand zurückbleibt. Die Regierung Reinfeldt hat es hingenommen, dass die Jugendarbeitslosigkeit in den aufständischen Vororten wie Husby auf den Rekordwert von vierzig Prozent gestiegen ist – und das mit einer florierenden Wirtschaft.

Zur Tradition der nordischen Länder gehört auch eine strenge Arbeitsethik. Fördern und Fordern. Die Jugendlichen aus den Vororten haben davon nichts gespürt. Nach und nach wurden alle Förderprogramme gestrichen. Auch gefordert wurden sie nicht, sondern schlicht beiseite gelassen und vergessen. Die Brandsätze der letzten Wochen in allen Trabantenstädten des Landes waren vor allem ein Hilfeschrei. Schweden hören ungern Ratschläge von außen. Sie wissen ja schließlich selber am besten, dass es Zeit für ein neues Millionenprogramm ist. Diesmal müsste es darum gehen, mit der Jugend der Vororte ein neues Schweden zu bauen.

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Leserkommentare
    • kennym
    • 29. Mai 2013 18:58 Uhr

    "Doch Migranten haben es schwer: Die Schweden integrieren sie nicht."

    Was für ein Wahnsinn die Dinge so zu verdrehen wie Sie!
    Sprechen Sie mit Schweden mit schwed.Menschen,dann erfahren Sie was dort abläuft,wenn ich es hier schreibe íst meine Accout sofort wieder weg.

    91 Leserempfehlungen
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    • tadl
    • 29. Mai 2013 19:08 Uhr

    Auch ich würde die gern hören ;)

    • pakZ
    • 29. Mai 2013 20:44 Uhr

    Ich habe auch innerlich den Artikel mit den Gesprächen mit schwedischen Freunden/Bekannten vergleichen müssen und konnte auf keinen wirklichen gemeinsamen Nenner kommen.

    Darf man folgern - freundlich formuliert - die Migranten machen es den Schweden nicht leicht?

    Also sind wieder einmal die bösen politisch korekten Gutmenschen schuld, dass sie, ihre Meinung nicht äußern können?
    Ja nee is klar!

    Verzichten Sie darauf, Rassismus zu relativieren oder zu rechtfertigen. Die Redaktion/fk.

    Sehr aufschlussreicher Artikel zu nem ähnlichen Thema:

    http://www.spiegel.de/pol...

    Wer alles totschweigt und offene Diskussion verhindert, stachelt die Radikalen immer mehr an. [...] Ich mag die Frau, die in dem SPIEGEL-Artikel spricht und das Ganze einordnet.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/ls

    Das sind auch Themen in den Medien hier oben. Aber wahrscheinlich kennen viele Deutsche eher das schön Wetter Schweden. Wenn man unter die Oberfläche taucht und das System fordert, dann verschwinden Platitueden wie in ihrem Kommtentarbeitrag

    • simmal
    • 30. Mai 2013 12:08 Uhr

    Da kann ich Ähnliches Berichten.

    • galun
    • 03. Juni 2013 23:33 Uhr

    Das ist wirklich Wahnsinn. Sie haben es geschafft 91 Menschen mit keiner inhaltlichen Aussage dazu zu bringen Ihnen ihre Lesestimme zu geben. Das nenne ich mal eine Klasse für sich auf niedrigsten Niveau beiderseits.

  1. 2. Schade

    .
    Schade-das würde uns interessieren-schreiben sie ruhig kennym -kost ja nix

    17 Leserempfehlungen
    • tadl
    • 29. Mai 2013 19:08 Uhr

    Auch ich würde die gern hören ;)

    18 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Wahnsinn"
  2. 4. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Die Redaktion/fk..

    11 Leserempfehlungen
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    Verzichten Sie bitte auf Pauschalisierungen und Unterstellungen. Danke, die Redaktion/fk.

  3. Sicher gibt es in Schweden eine Stadt - aber eigentlich ist das eine ländlich - kleinstädtische Gesellschaft. Bei aller Freundlichkeit ist es nicht leicht dort wirklich akzeptiert zu werden. Und Rassismus? Ach ja klar, das sagt man immer - aber auch als Kontinental-Europäer gehört man doch nicht zu den Schweden dazu. Meine Einschätzung Da müsste man sich als Deutscher jahrzehntelang extrem bemühen und eine echte Berecherung des Gemeinwesens sein --- nur mit abwarten und schimpfen ginge das nie.
    Einfachere Intergration gibt es vielleicht in Großsstädten, aber in Gegenden wo eigentlich jeder jeden seit der Kindheit kennt, ist das sehr schwer - nicht nur in Schweden.

    22 Leserempfehlungen
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    hat auch mein Sohn gemacht. Er hat ein Jahr in Uppsala studiert.

    Er beschreibt die Schweden als freundliche, höfliche und hilfsbereite Menschen, die aber Fremden gegenüber stets eine gewisse Distanz beibehalten.

    Hätte er nicht in dem internationalen Studenten-Viertel Flogsta gewohnt und Kontakt zu Brasilianern, Ägyptern, Franzosen und Amerikanern gehabt, hätte er sich da wohl etwas einsam gefühlt.

    Es scheint auch etwas mit der speziellen Schwedenmentalität zu tun zu haben.

    wenn schon angepaßte deutsche Einwanderer sich extrem bemühen müssen um akzeptiert zu werden, dann werden die extremen Bemühungen der jungen Herren in Stockholm die Willkommenskultur nicht beflügelt haben.

  4. 6. [...]

    Verzichten Sie bitte auf Pauschalisierungen und Unterstellungen. Danke, die Redaktion/fk.

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  5. Ich sehe hier nicht die Schweden in der Pflicht, sondern eher die ankommenden Migranten. Sie haben eine Bringschuld ggü. der ansässigen Bevölkerung und sollten lernen mit deren Lebensweise zurecht zu kommen.
    Oder sehe ich das falsch, werte Mitforisten?

    97 Leserempfehlungen
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    • kennym
    • 29. Mai 2013 19:24 Uhr

    Wir wünschen uns Diskussionen, in denen Kommentatoren Argumente austauschen und darauf verzichten, Verschwörungstheorien oder Unterstellungen zu verbreiten. Danke, die Redaktion/fk.

    Wir wünschen uns Diskussionen, in denen Kommentatoren Argumente austauschen und darauf verzichten, Verschwörungstheorien oder Unterstellungen zu verbreiten. Danke, die Redaktion/fk.

    , die häufen sich leider etwas.

    Von den Immigranten maximale Anpassung und Integration zu verlangen ist genau so....nennen wir es mal positiv "anspruchslos"....wie von der Hauptbervölkerung maximale Integration der Einwohner zu verlangen.

    Funzt beides nicht. Beide Seiten müssen sich bewegen, da hilft Fingerzeigen und der reine Anspruch an den Anderen recht wenig.
    Damit sind übrigens nicht nur staatliche Programme gemeint, sondern die Verhaltensweise jeden Individuums.
    Wenn man Menschen wenige oder auch gar keine Chancen gibt nur aufgrund des Namens, und das ist eine Verhaltensweise, die man auch aus Deutschland kennt (in denen in einigen Fällen sogar Ostdeutsche aufgrund Ihrer Herkunft nicht in Jobs kommen), sollte man sich nicht wundern.
    Das gilt im Übrigen für beide Seiten.

    Was aber gar nicht geht ist das selbstgefällige Hinsetzen und einseitige Schukdzuweisungen hinzustellen. Ist einfach, ist bequem, machts Leben aber nicht einfacher und köst sicherlich keine Probleme. Da kann man auf Gutmenschen schimpfen so viel man will.

    Übrigens, bei dem ganzem Gutmenschenbashing, das die letzten Jahre so in Mode gekommen ist, was ist denn die Alternative? Schlechtmensch werden?

    Integration kann nur dann funktionieren, wenn sich beide Seiten bemühen. Also bringt es herzlich wenig, wenn die Aufnahmegesellschaft immer nur darauf pocht, dass sich die „Ankommenden“ gefälligst anpassen müssen, sie aber nichts dafür tun, dass sich die neuen Mitbürger in dem besagten Land auch wohlfühlen.

    wie man's nimmt. wenn man soziale konfliktlagen in einfache gegensätze à la gastgeber vs. (gerade 'angekommene') gäste, leistungserbringer vs. leistungsschuldner, wurzelbevölkerung vs. 'fremdvolk' etc.pp. zerlegt, liegt die 'lösung' naturgemäß ebenfalls im horizont dieser zwei-komponenten-sichtweise.
    aber gesellschaftliche beziehungen gehen nun mal nicht in simplistischen 'wir-die'-schablonen auf.
    ich persönlich bezweifle z.b. den sinn der forderung nach anpassung der immigranten an die eigenarten der 'gastgeber-kultur'. meiner ansicht nach genügt die einhaltung der allgemeinen zivil-kulturellen standards.
    ein solcher generalmaßstab hätte den vorteil, dass er auf dauer auch zivilisierend auf die stammbevölkerung einwirken würde.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und differenziert. Danke, die Redaktion/ds

    sie haben unrecht, weder die dort befindlichen noch die zugezogenen müssen sich irgendwie bewegen, weil das schlicht falsche Kategorien sind. Dort bereits lebende sind (angeblich oder faktisch, was weiß ich) nicht integriert bzw werden ausgegrenzt (laut Artikel), und nicht solche, die gerade mit dem Zug angekommen sind, oder von mir aus mit dem Flieger. Das Problem sind nicht Zuzüglinge, sondern das ewige, urmenschliche Problem, dass man Fremden misstraut, wenn man sie als solche identifiziert. Diesen Urinstinkt loszuwerden ist das, was wir erarbeiten müssen, überall. Nur dann sind wir offen und tolerant gegenüber Migranten, und gleichzeigit auch gegen Sozial schwache, Bildungsferne, Arme, Menschen mit Behinderung ect. eben solche Menschengruppen, die Minderheiten stellen und somit in der Mehrheitsgesellschaft leicht untergehen/von ihr ausgegrenzt werden.

  6. 8. [...]

    Verzichten Sie bitte auf diskriminierende Äußerungen und Pauschalisierungen. Die Redaktion/fk.

    5 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Fredrik Reinfeldt | OECD | Schweden | Volvo | Badesee | Jugendarbeitslosigkeit
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