Ukraine : Osteuropäische Schwule und Lesben schöpfen Hoffnung

Erstmals in der Geschichte der Ukraine haben Homosexuelle in Kiew eine Gay Pride Parade veranstaltet. Ein deutliches Zeichen, dass die Gesellschaft toleranter wird.
Gay Pride Parade in Kiew © Sergei Supinsky/Getty Images

Zu sehen waren an diesem historischen Tag vor allem Polizisten in Kampfmontur. Männer mit Helmen und Schutzwesten bildeten eine menschliche Wand, hinter der die rund 50 Demonstranten mit ihren Fahnen in den Farben des Regenbogens fast verschwanden. Dennoch drang von dieser Kundgebung in Kiew jenes "Signal der Offenheit und des Wandels" durch die Reihen der Sicherheitsbeamten, das sich die Organisatoren erhofft hatten.

Erstmals in der Geschichte des Landes zogen am Samstag ukrainische Homosexuelle in einer Gay Pride Parade durch die Hauptstadt – ein Zeichen, dass das zähe Ringen von Schwulen und Lesben um gleiche Rechte auch im Osten Europas zusehends Erfolg hat.

Der sichtbarste Beleg dafür war paradoxerweise der Großeinsatz der Polizei. "Sie haben uns geschützt!", berichteten Teilnehmer des Marsches geradezu erstaunt. Tatsächlich drängten die Einsatzkräfte die wenigen rechtsextremen und christlich-fundamentalistischen Gegendemonstranten schnell ab und nahmen auch zehn Protestierer fest, nachdem aus deren Reihen eine Rauchbombe auf die Parade geschleudert worden war.

In der Sowjetunion war Sex zwischen Männern strafrechtlich verboten und gesellschaftlich geächtet. Behörden und Sicherheitskräfte in der Ukraine und in anderen postsowjetischen Staaten gelten bis heute als schwulenfeindlich. Mitte Mai stellte Amnesty International in einer aktuellen Studie eine "tief verwurzelte Diskriminierung" von Homosexuellen in der Ukraine fest.

Davon zeugte auch der lange und harte Kampf im Vorfeld der ersten Kiewer Gay Pride Parade. 2012 hatten die Veranstalter den Marsch aus Angst vor Gewalt kurzfristig absagen müssen. Auch diesmal war der Widerstand groß. 61 Parlamentarier verlangten von den Behörden in einem Eilantrag ein Verbot – und bekamen von der Justiz zunächst Recht. Erst kurz vor Beginn der Parade erlaubten die Behörden die Parade auf einer geheim gehaltenen Route außerhalb des Stadtzentrums und verhinderten so größere Attacken von Gegnern.

Nach dem Marsch drückte Josef Monatzeder, der dritte Bürgermeister von Kiews Partnerstadt München, aus, was viele osteuropäische Schwule und Lesben hoffen: "Dies wird eine Diskussion anregen und das Denken der Menschen verändern." Monatzeder war mit einer Delegation angereist. Rund ein Dutzend Homosexueller aus Bayern nahm an der Parade teil.  

Angst vor der Homo-Ehe

"Solche Demonstrationen sind der erste Schritt hin zur Homo-Ehe", kommentierte auch der ukrainische Abgeordnete Pawlo Ungurjan die Parade. Allerdings wollte er seinen Satz als Alarmruf verstanden wissen. Der Parlamentarier gehört zur Vaterlandspartei der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Die proeuropäische Ausrichtung seiner Fraktion spielt für Ungurjan in weltanschaulichen Fragen allerdings keine Rolle. "Am Ende werden jene verfolgt, die diese Leute kritisieren", warnte er und meint mit "diesen Leuten" Schwule und Lesben.

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