UmfrageAllein die Deutschen glauben an Europa

Die EU ist gespalten: In der Krise schwindet die Begeisterung für die europäische Integration. Nur die Deutschen vertrauen auf Brüssel und blicken optimistisch nach vorn.

Eine versengte EU-Flagge vor dem griechischen Parlament in Athen

Eine versengte EU-Flagge vor dem griechischen Parlament in Athen  |  © Yannis Behrakis/Reuters

In vielen Mitgliedstaaten schwindet das Vertrauen in die Europäische Union (EU) und ihre Institutionen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Pew. Demnach ist die Zustimmung zur EU innerhalb eines Jahres von 60 auf 45 Prozent gesunken. "Die Europäische Union ist der neue kranke Mann Europas", resümieren die Forscher.

Sie befragten im März exakt 7.646 EU-Bürger in acht europäischen Ländern. Außer in Deutschland glauben die Menschen nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft auf dem europäischen Kontinent. "Die Bemühung, Europa weiter zu einigen, ist das größte Opfer der Euro-Krise", heißt es in der Studie.

Anzeige

In keinem Land schwindet der Mut und die Zuversicht schneller als in Frankreich. Dort erwarten inzwischen 90 Prozent der Befragten, dass es ihren Kindern finanziell schlechter ergehen wird als ihnen selbst. Drei von vier Franzosen glauben, dass die europäische Integration dem Land geschadet hat. 58 Prozent bewerten die Arbeit der EU schlecht – ein Anstieg von 18 Prozentpunkten binnen eines Jahres.

Demgegenüber stehen die Deutschen. "Die Deutschen leben mental auf ihrem eigenen Kontinent", zitiert die Süddeutsche Zeitung Pew-Forscher Bruce Stokes. 60 Prozent der Bundesbürger unterstützen die Übertragung von mehr Kompetenzen an Brüssel zur Bewältigung der aktuellen Krise. 

Deutsche wirtschaftlich zufrieden

Diese Diskrepanz zeigt sich laut Umfrage nicht nur bei der Bewertung der EU, sondern auch bei der Betrachtung der aktuellen und künftigen wirtschaftlichen Lage. Demnach benoten 77 Prozent der Deutschen ihre persönliche wirtschaftliche Situation als gut, was nur 51 Prozent der übrigen Europäer ebenso sehen. Zudem sind die Deutschen optimistischer: Immerhin 27 Prozent von ihnen glauben an einen Aufschwung in den kommenden zwölf Monaten, nur 15 Prozent der übrigen Europäer erwarten eine Verbesserung der Wirtschaftslage. Und die Wähler in Deutschland sind weitaus zufriedener mit ihrer Regierung: 74 Prozent äußern sich zufrieden über Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Für deren EU-Kollegen liegen die Zustimmungsraten unter 40 Prozent.

Schlechte Nachrichten gibt es dagegen für die Euro-Skeptiker: Neue Parteien wie die AfD in Deutschland werden langfristig wohl kein Kapital aus ihrer Ablehnung der gemeinsamen europäischen Währung ziehen können. Denn laut Pew-Umfrage sind sich die Bürger in Spanien, Griechenland,  Frankreich, Italien und Deutschland einig: Mehr als 60 Prozent von ihnen wollen den Euro behalten.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Chali
    • 14. Mai 2013 9:55 Uhr

    "Außer in Deutschland glauben die Menschen nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft auf dem europäischen Kontinent."
    Die europäischen Menschen (be.)fürchten ohl eher eine gemeinsame Zukunft - nämlich eine unter deutscher Vorherrschaft. Undzu deutschen Bedingungen.

    Jede andere Zukunft kann nur demokratisch und daher nur besser sein.

    "In vielen Mitgliedstaaten schwindet das Vertrauen in die Europäische Union (EU) und ihre Institutionen"
    Was vermutlich damit zusammenhängt, dass sich "die EU und ihre Institutionen" als Staatenbund nicht für die in ihnen lebenden Bürger interessieren.

    13 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dk9011
    • 14. Mai 2013 10:41 Uhr

    "Jede andere Zukunft kann nur demokratisch und daher besser sein."

    Ernsthaft? Es muss nur alles wieder renationalisiert werden und dann blühen die Demokratien überall in Europa? DAS nenne ich nun wirklich sehr optimistisch.

  1. In meinem bekanntenkreis ist nicht einer der an dieses Europa glaubt, an Europa schon an sich, der Euro wird von allen als katastrophe empfunden.

    25 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    finden sie und ihre Bekannten am Euro so schlecht??

    Das andere Länder diesen nicht abwerten können??

    Falls sie wirklich glauben dies würde etwas bringen, brauchen sie sich doch nur die Aktionen von GB und der Schweiz betrachten. Das es GB durch die Abwertung des Pfundes immer noch nicht besser geht sieht man doch und die Schweiz hat Multimilliarden Franken verbrannt um ihr Währungsniveau zu halten.

    Und Polen, Bulgarien, Rumänien oder Tschechien müssten doch jetzt abgehen wie eine Rakete, weil die keinen Euro haben. Komischerweise ist das nicht so. Oder liegt es schlicht und einfach daran das unsere Probleme nichts mit dem Euro zu tun haben.

  2. werden alleine die Probleme der Globalisierung nicht lösen können.

    Wenn man sich betrachtet, wie die Staaten zum jetzigen Zeitpunkt schon von den Multinationalen Unternehmen ausgespielt werden, dann wird man unweigerlich als Gegenpol eine starke Gemeinschaft etablieren wollen.

    Oder eben weiter Spielball bleiben. Aber ich glaube einfach nicht, das dies dem einzelnen Bürger nützen könnte.

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • conure
    • 14. Mai 2013 10:10 Uhr

    die durch eine gesunde wirtschaftliche Situation und durch eine
    überzeugende Sozialpolitik auch von innen stark und gefestigt
    ist, durch die Akzeptanz/Unterstützung ihrer Bürger.

    Das macht nicht nur unabhängiger von wirtschaftlichem Druck
    multinationaler Unternehmen/Finanzakteuren..auch politisch
    schafft es Freiraum gegenüber den USA.

    Und wo sehen sie da eine starke Gemeinschaft?

    Alleine die Geschehnisse der letzten vier Jahre zeigen, dass sich die Staaten der Euro-Zone, eben genau durch das sinnlose Zusammenketten in einer gemeinsam Währungszone der internationalen Großfinanz ausgeliefert haben.
    Diese ist nämlich immer dann besonders stark, wenn sich die Politik der wirtschaftlichen Realität verschließt. Zusätzlich wurde durch den Euro ein gewaltiges Lohndumping möglich, dessen größter Profiteur die heimischen Großunternehmen sind.

    Abgesehen davon halte ich multinationale Abkommen, von mir aus auch gerne innerhalb der EU durchaus für richtig und nötig.Ironischerweise demonstrieren nämlich gerade "Zwergstaaten" wie die Schweiz den Großunternehmen gegenüber deutlich mehr Macht als die EU.

    • Lefty
    • 14. Mai 2013 10:04 Uhr

    daran liegen,dass die Deutschen desinformiert sind? Wer sich im deutschen TV "informiert" oder die Zeitung mit den 4 grossen Buchstaben als Quelle nutzt ist voll des Lobes über EU,Euro und die deutsche Regierung.
    Die informierten und Denkenden können diese Ansicht nicht teilen.
    es bleibt zu hoffen,dass es derer mehr werden.

    40 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mit den vier froßen Buchstaben, auch andere Zeitungen mit vier und mehr Buchstaben hämmern ihren Leser seit Einführung des Euros ein, dass der Euro alternativlose Voraussetzung für Frieden und Wohlstand in Europa wäre.

    • rhcp
    • 14. Mai 2013 10:34 Uhr

    Ich Teile Ihre Ansicht nicht. Ich denke, dass die EU (trotz ihres demokratischen Defizits und ihrer unausgereiften Arbeitsweise) die einzige Möglichkeit darstellt künftige Probleme zu lösen. Bin ich nun nur desinformiert, oder kann ich nicht denken?

    "..dass die Deutschen desinformiert sind?"

    ja, die sind desinformiert, aber grad' dank der Zeitung mit den 4 grossen Buchstaben...und nicht nur die...

    sehe das also genau umgekehrt. Ich kenne keine Leser der Bildzeitung die für den Euro schwärmen...da ist Bashing rauf und runter jeden tag und zwar gegen den Euro, gegen den Griechen und alles was damit zusammen hängt ...

    Rein gefühlt, ist die Meinungsmache pro Europa in den deutschen Medien besonders deutlich ausgeprägt.

    Ebenso wie die Schonbehandlung für Merkel.

    Aber wieso kommt diese Umfrage hier zu ganz anderen Ergebnissen:

    "The damage is so deep that it does not matter whether you come from a creditor, debtor country, euro would-be member or the UK: everybody is worse off," said José Ignacio Torreblanca, head of the ECFR's Madrid office. "Citizens now think that their national democracy is being subverted by the way the euro crisis is conducted."
    http://www.guardian.co.uk...

    In dieser Umfrage trauen die Deutschen der EU noch weniger als Franzosen, oder Italiener.

    Wir kommt denn so was? Ich hätte da schon eine Idee...

  3. Ich kann mir nicht helfen, an Ergebnisse von Umfragen glaube ich immer weniger.

    22 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ribera
    • 14. Mai 2013 23:39 Uhr

    "Denn laut Pew-Umfrage sind sich die Bürger in Spanien, Griechenland, Frankreich, Italien und Deutschland einig: Mehr als 60 Prozent von ihnen wollen den Euro behalten."
    Nur warum?
    Ist in all diesen Ländern der nationale Gedanke doch viel stärker ausgeprägt als in Deutschland.

  4. mehr muss ich nicht lesen... das wird sich zu den Wahlen zeigen in Sachen AfD.

    15 Leserempfehlungen
  5. Man kann es auch so formulieren, innerhalb eines Jahres ist die Ablehnung der EU von 40 auf 55% gestiegen, und 40% wollen den Euro nicht behalten. Wie wird das wohl aussehen, wenn aus den deutschen Bürgschaften echte Zahlungen werden?

    14 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...aus den deutschen Bürgschaften echte Zahlungen werden?"

    Gut erkannt.
    Ich ergänze: ...und wenn die aufkumulierten Target2-Salden gar nicht mehr abgebaut werden (können) sondern abgeschrieben werden müssen?
    Tja, dann muss wohl der deutsche Normalo auf seine eh schon bescheidenen Ansprüche verzichten, damit den Wohlhabenden nicht genommen werden muss, in Deutschland und auch anderswo.
    Aber Hauptsache, wir haben ein tolles Europa.

  6. ...60% wollen den EURO aber nur 45% die EU?
    Sicher der EURO ist nicht die EU und vice versa, aber den EURO gibts ohne die EU nicht, die EU ohne EURO jedoch schon.

    Und alle, ausser die Deutschen, sind unzufrieden mit ihrer Regierung und haben sie doch selbst gewählt.
    Von Polen mit 70% bis Griechenland mit 97%.
    Also entweder stimmt bei diesen Zahlen was nicht oder die Menschen verstehen Demokratie nicht...

    10 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, kg
  • Schlagworte Europäische Union | Umfrage | CDU | Euro-Krise | Integration | AfD
Service