Volkszählung : Bevölkerungsrückgang löst Streit ums Geld aus

Die Bevölkerung schrumpft, zeigt der Zensus 2011. Für manche Städte könnte das teuer werden. Denn nach der Einwohnerzahl richtet sich der kommunale Finanzausgleich.

Deutschland hat 80,2 Millionen Einwohner und damit rund 1,5 Millionen weniger als bisher angenommen. Laut Zensus 2011 betrug der Rückgang 1,8 Prozent. Die bisherigen Zahlen seien vor allem in Städten mit vielen Migranten oder Studenten offensichtlich überzeichnet gewesen, da diese sich bei einem Wegzug nicht abgemeldet hätten, erklärte Stephan Articus, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetages. In den Stadtstaaten Berlin und Hamburg liegen die neuen Einwohnerzahlen am deutlichsten unter den bisherigen Annahmen, ebenso in Aachen, Mannheim und Nürnberg.

Articus rechnet mit finanziellen Konsequenzen. "Für Städte mit Einwohnerverlusten kann es schmerzhaft sein, wenn sich dadurch in Zukunft Zuweisungen verringern", sagte er. Der kommunale Finanzausgleich richtet sich unter anderem nach der Einwohnerzahl der Städte und Gemeinden. Articus appellierte an die Bundesländer, Übergangsregelungen zu schaffen, um die finanziellen Auswirkungen abzufedern.

Die Ergebnisse der ersten Volkszählung seit mehr als 20 Jahren nahm auch der Deutsche Landkreistag zum Anlass für Forderungen. Hauptgeschäftsführer Hans-Günter Henneke verlangte Korrekturen beim Länderfinanzausgleich. Die geringere Einwohnerzahl in großen Ballungszentren zeige, dass Bundesländer mit eher ländlichen Strukturen bisher benachteiligt worden seien, sagte er.

Welche Kommune und welches Land finanziell wieviel dazugewinnt oder verliert, ist aber noch unklar. Die komplizierten Berechnungen dazu stehen noch aus. Es wird auch nicht sofort wirksam, sondern erst mit einigem Vorlauf.


Der Chef des Statistischen Bundesamts, Roderich Egeler, sagte, ein Minus bei der Einwohnerzahl sei erwartbar gewesen. "Aber die Größenordnung hat uns etwas überrascht." Der Rückgang schlägt sich regional unterschiedlich nieder.

Neben den Stadtstaaten Berlin und Hamburg weist Baden-Württemberg den deutlichsten Einwohnerverlust (minus 2,5 Prozent) auf. Berlin hat laut Zensus die meisten Einwohner verloren: Anstelle der vermuteten 3,47 Millionen Menschen leben in der Hauptstadt 3,29 Millionen – ein Minus von 5,2 Prozent. In Hamburg leben mit 1,7 Millionen Menschen 4,6 Prozent weniger als erwartet. Den größten prozentualen Bevölkerungsrückgang (minus 8,5 Prozent) weist Aachen auf. Manche Städte sind auch größer als erwartet: So verzeichneten Bielefeld (knapp 327.000 Einwohner) und Bergisch Gladbach (knapp 109.000 Einwohner) verzeichneten Zugewinne.  

Rückgang vor allem bei Ausländern

Der Rückgang der Bevölkerungszahl ist dem Statistischen Bundesamt zufolge vor allem auf ein Minus bei Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit zurückzuführen. Die Zahl der Deutschen sank um rund 428.000 oder 0,6 Prozent auf 74 Millionen (92,3 Prozent). Knapp 6,2 Millionen Einwohner (7,7 Prozent) besaßen eine ausländische Staatsangehörigkeit. Der Bevölkerungsrückgang bei Ausländern betrug laut Zensus 14,9 Prozent. Das seien nahezu 1,1 Millionen Menschen weniger als bislang angenommen.

Laut Zensus stammt mittlerweile fast jeder Fünfte in Deutschland aus einer Zuwandererfamilie - insgesamt sind es 15 Millionen Einwohner. Den höchsten Migrantenanteil hat Hamburg (27,5 Prozent), gefolgt von Baden-Württemberg (25,2 Prozent) und Bremen (25,1 Prozent). Den geringsten Anteil hat im Westen Schleswig-Holstein (11,7 Prozent). In den östlichen Bundesländern liegt der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund durchweg unter 5 Prozent.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

87 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Ich darf ihnen versichern, dass ich ordnungsgemäss...

...abgemeldet habe und meinen Umzug ins Ausland bekannt gegeben habe.

Mit etwas GEnugtuung kann ich sagen, dass das der letzte bürokratische Akt auf einer deutschen Behörde für mich war :)

Meine neue Adresse kennen die Behörden übrigens nicht, was sehr hilft, wenn noch unverschämte Briefe vom Finanzamt, der Deutschen Bahn oder der Telekom kommen sollten..