Hochwasser-AufräumenSolidarität in Schutt und Schlamm

Nirgendwo ist die Hilfe nach dem Hochwasser so groß wie in Passau. Tausende Freiwillige helfen den Menschen in der Dreiflüssestadt beim Aufräumen. von Patrick Guyton

Junge Leute schaufeln in Passau Schlamm aus einem Vorgarten.

Junge Leute schaufeln in Passau Schlamm aus einem Vorgarten.   |  ©Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Noch einmal geht die Wirtin zum kaputten Klavier. In ihrem Café am "Unteren Sand", gleich neben dem Passauer Theater, hatte sie ihren Gästen immer wieder darauf vorgespielt. "Hauptsächlich Jazz", sagt die zierliche Frau mit blondem Haar. Doch seit der Flut, die den Laden fast bis zur Decke unter Wasser setzte, ist es damit vorbei. "Das Geschäft war mein Herz", sagt Claudia Reeber und gibt sich dennoch zuversichtlich: Sie will weitermachen, sobald wie möglich. Geblieben sind ihr leere, verdreckte Café-Räume – und die Erinnerung an viele helfende Hände. "Ohne die Unterstützung von Freunden, von Studenten, von allen, die hier angepackt haben, wäre ich völlig versunken."

So wie ihr geht es vielen Passauern. Überall in der Stadt, an Läden und Wohnhäusern in den Altstadtgassen wuseln die Menschen umher, mit Gummistiefeln an den Füßen, mit Eimern und Spaten in den Händen. Passau ist erneut im Ausnahmezustand. Nur diesmal geht es um Aufbruch, um den Neustart.

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An einem Tag zählte die Stadt rund 1.700 Helfer, die aus nah und fern kamen, um den vom Hochwasser Betroffenen zu helfen. Junge und Alte schippen Schutt, Schlamm und Dreck weg, entsorgen zerstörten Hausrat oder holen noch brauchbare Habseligkeiten aus Kellergeschossen. Überall in Passau sah man solche Menschenketten.

Eine von ihnen ist Roswitha Hagenstein, 55 Jahre alt. Mit der Bahn ist sie aus Freyung im Bayerischen Wald gekommen und steht nun vor einem schmalen Wohnhaus in der Brunngasse 25. Keller und Erdgeschoss müssen hier ausgeräumt werden. "Das läuft wie am Schnürl", sagt sie, während sie Holzlatten weiterreicht auf dem Weg zum großen Müllcontainer. Wer hier wohnt, weiß sie gar nicht. "Man geht kurz auf der Straße herum und sieht sofort, wo Hilfe nötig ist."


Die professionellen Helfer vom Deutschen Roten Kreuz, von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk (THW) sind dankbar für die vielen hilfsbereiten Bürger. "Das ist toll, dass man gleich ein paar Leute holen kann, wenn ein Keller geräumt werden muss", sagt Feuerwehrmann Dieter Zimmermann aus Aschaffenburg. Seine Truppe pumpt vollgelaufene Keller leer, drei Tage bleiben die 180 Feuerwehrhelfer in Passau, sie übernachten in einer Schule.

An der Mündung von Donau und Inn stehen zwar noch einige Gassen unter Wasser, doch ansonsten haben die Passauer und ihre Helfer schon viel geschafft. Was auf den ersten Blick chaotisch aussieht, ist im Grunde bestens organisiert. Studenten und viele andere vernetzen sich über das Internet, fragen bei der Stadt an oder sind einfach gleich da. "Am Ende passt alles bestens zusammen", sagt der Passauer Student Florian Püschel, der bereits viele Stunden räumt und Schlamm schippt. Sein Studienkollege Martin Hennig meint: "Die Stimmung ist super, ich habe lange nicht so gut gegessen." Irgendwer bringt immer etwas die Gassen entlang. Unvergessen bleiben Püschel und Hennig die beiden Omas: "'Hochachtung', meinten die, 'wir werden uns nie mehr über Studenten beschweren.'"

Leserkommentare
  1. Eine Gemeinschaft steht im Schlamm, spuckt angesichts der Katastrophe in die Hände und räumt gemeinsam wieder auf.

    Manch Individuum guckt sich das vom Elfenbeinturm aus an, spuckt auf die Katastrophe und schreibt dann sein Buch darüber.

    Es gibt viele Katastrophen.
    Dann braucht es Gemeinschaft.

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  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf provokative Polemik. Danke, die Redaktion/sam

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  3. seinen persönlichen Besitz auf ein absolutes Minimum zu halten, anstatt es der nächsten Flutwelle zu opfern? Man kann sich wunderbar und originell mit gebrauchten Sachen einrichten, die einem gefallen. Wenn die futsch sind, ist es mehr oder weniger egal. Eine 2.te Konsequenz sollte sein, die Bauten so zu halten, sofern möglich, dass sie Wasserschäden besser überstehen. Niemand kennt eine Zukunft. Aber darauf zu vertrauen, dass das die letzte "Jahrhundertflut" war würde ich nicht. Weiter so wie bisher halte ich für falsch ohne massive Konsequenzen zu ziehen. Sowohl in der Politik als auch beim Privatmann.

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  4. 4. [...]

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  5. So tragisch das ganze Hochwasser ist, so überraschend war für mich die ganze Solidarität und freiwllige Hilfe.

    Das problematische an all dem ganze ist aber sowohl in Passau als auch in Dresden, Grimma oder Bitterfeld diese Unmenge Katastrophen-Touristen.

    Ich kam selbst aus Vorpommern mit einem Motorboot über die Elbe nach Grimma und Dresden um den Menschen die nicht aus ihren Häusern kamen, mit Lebensmittel zu versorgen, selbst da wurde man die Katastrophen-Touristen nicht los, die den Helfern im Weg stehen und sogar Opfer und Sandsäcke als Requisiten nutzen.

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    denn 2002 zum Beispiel waren soziale Netzwerke noch nicht so ausgeprägt, welches diesesmal intensiv genutzt wurden. Das Potenzial, welches facebook bietet, geht weit über die Organisation von Partys hinaus. Gerade für die Koordination, wo Helfer gebraucht werden, wo nicht, was zu tun ist, war fb eine großartige Hilfe.

    "Stellen sie mal ihr Fahrrad weg. Hier sind Leute, die Fotos machen wollen."

    Haargenau so und keine Verfälschung des Zitats... Und da wundern sich die Leute, warum die Jugend keinen Respekt mehr hat!...

  6. 6. [...]

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    hochverehrter "newchurcher",

    welche da wären...?

    bitte keine Behördenbroschüren, Politikeraussagen zitieren.

  7. Der Zusammenhalt ist wohl das einzige, was wir an Wert aus dieser Katastrophe ziehen.

    Ebenso wertvoll wäre es aber nun, endlich sinnvoll zukünftige Fluten zu vermeiden, indem man den Flüßen mehr Raum gibt.
    Die Eu zahlt, alle zahlen, und das immer nur für die Behebung einer Flut, die alle Jahre wieder kommt. Also mit Verlaub: Das ist hirnrissig bis dämlich.

    Man muss endlich den Flüßen mehr Raum geben. So ein Fluss ist praktisch ein Gewässer, und am Ufer eines Meer sieht man, dass das nicht nur ein fübnf Meter Streifen ist, den das Wasser bekommen sollte.

    So ein Fluss in der Dimension von Elbe und Donau brauchen zweihundert bis fünfhundert meter Ufer.
    All die Millionen und Milliarden sollten in die Erweiterung dieser Uferzone gesteckt werden. Anstatt es immer wieder - gewissermaßen - neu aufzubauen um dann zuzusehen, wie es bald wieder absäuft. Mensch!

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  8. denn 2002 zum Beispiel waren soziale Netzwerke noch nicht so ausgeprägt, welches diesesmal intensiv genutzt wurden. Das Potenzial, welches facebook bietet, geht weit über die Organisation von Partys hinaus. Gerade für die Koordination, wo Helfer gebraucht werden, wo nicht, was zu tun ist, war fb eine großartige Hilfe.

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    Antwort auf "Opfer und Helfer"
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    Die Fairness verlangt es: Auch Politiker und Parteien helfen. Frau Merkel reiste beispielsweise in die Hochwassergebiete und warf sorgenvolle Blicke auf die Fluten. Leider liess sich das Wasser davon nicht beeindrucken.

    Die Piraten, fit in Sache IT, zogen innerhalb von 24 Stunden mal schnell eine Webseite [1] hoch, auf der Hilfegesuche und -angebote eingestellt werden können und so der Kontakt hergestellt wurde. Alleine für Bayern 118 Einträge. Erstaunlichstes Angebot eines Schweizers: "Habe jetzt 2 Wochen Urlaub und fahre dorthin wo ich gebrahcht werde."

    Gegliedert nach Bundesland und Regionen fanden so viele Zusammen. Helfer die mit Tatkraft oder Ressourcen denen halfen und noch helfen denen das Wasser in die Häuser lief.

    [1] http://hochwasser.piraten...

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