Australien : Von Bürgerwehren gejagt

Im Outback bekommen junge Aborigines die Härte von Polizei, Justiz und Bürgerwehren zu spüren. Die Entschuldigung der Regierung für den Rassismus im Lande ist versandet.

Kinder und Jugendliche machen Dummheiten – das soll auch in den besten Familien des weißen Australiens vorkommen. Doch Aborigine-Kinder haben zuweilen Schwierigkeiten mit dem Leben auf einem von weißen Eroberern dominierten Kontinent, manchmal aufgrund von Tradtitionen, die ihnen Eltern und Großeltern vermitteln. Dass sie oft zu Recht bestraft werden, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Heranwachsende begehen Straftaten, möglicherweise sogar in Serie. Jacob (Name auf Wunsch geändert), damals 14 Jahre alt, soll im April 2011 ein Bösewicht gewesen sein. Offenbar hat er Geld aus einem Motel in der Stadt Broken Hill gestohlen, die tief im Hinterland liegt, im Outback.

Danach aber war nicht nur die örtliche Polizei hinter dem Jungen her, sondern – und dabei verkehrte sich die Täter- mit der Opferrolle – auch eine Bürgerwehr. Eine australische Journalistin, die den Fall recherchiert hat, beschreibt das Motiv der selbst ernannten Bürgerwehr mit den Worten: "Sie wollten ihm eine Lektion erteilen."     

Die erwachsenen Verfolger prügelten den Jugendlichen blutig und fuhren ihn, gefesselt auf der Ladefläche eines Lieferwagens, zum Golfplatz der Bergbau-Stadt. Dort drohten sie ihm, mit einer Kettensäge die Arme abzuschneiden. Dann zerschlug einer der Angreifer eine Flasche auf dem Kopf des Jungen. Ein anderer zielte mit dem Gewehr auf den 14-Jährigen und sagte, er werde ihn erschießen. Diese Schilderung hat die Anwältin des Aborigine-Jungen nach dem Übergriff aufgeschrieben. Zudem belegen Fotos Jacobs schwere Verletzungen.

Das Verhalten der Polizei lässt nur den Schluss zu, sie toleriere die als Erziehungsmaßnahmen getarnten Straftaten der Bürgerwehr. Denn als die Rechtsanwältin (die im Artikel ebenfalls namentlich nicht genannt werden will) auf der Polizeiwache von Broken Hill Anzeige erstatten wollte, drohten die Beamten mit juristischen Konsequenzen. Der inzwischen 16-Jährige Junge ist mit seiner Familie an einen Hunderte Kilometer entfernten Ort gezogen. Auch er will über das Erlebte nicht mehr sprechen. Nach den Tätern hat die Polizei in Broken Hill nie gesucht. Stattdessen wurde Jacob anzeigt – wegen Diebstahls.

Selbst Polizisten werden zu Tätern

Gewalt gegen Ureinwohner, das ist im Outback keineswegs der oft behauptete "bedauerliche Einzelfall". Gelegentlich werden Polizisten selbst zu Tätern. Das ist nach wie vor ein großes Tabu und bestenfalls eine Meldung in der örtlichen Presse wert. Polizeisprecher und Gerichte berufen sich auf eine ihnen auferlegte Verschwiegenheit. Übergriffe auf junge Aborigines laufen der angestrebten Aussöhnung von Schwarz und Weiß zuwider, die begonnen hat mit der viel beachteten "Sorry"-Rede des damaligen Premiers Kevin Rudd im Jahre 2008. Eigentlich will die australische Regierung "den Graben schließen" zu den Ureinwohnern – so  zumindest der Titel eines Regierungsprogramms. Doch was die Hauptstadt Canberra will, dringt nur selten vor in die rassistischen Abgründe aus Selbstjustiz von Bürgerwehren und Vergehen von Polizisten.

Bei der Kriminalitätsbekämpfung wird der Graben, den die Regierung zu schließen versprochen hat, größer denn je: Jugendliche Aborigines landen laut Zahlen von Amnesty International 28-mal häufiger im Gefängnis als gleichaltrige weiße Australier, Erwachsene 13-mal häufiger. Viele Jugend-Vollzugsanstalten gelten als überbelegt. "Es befinden sich Kinder aufgrund von Anschuldigungen in Gefängnissen, die eigentlich unbewiesen sind", beklagt Tim Beard, Leiter des "Australian Insitute of Health and Welfare". Die Hälfte warte schon im Knast auf das Gerichtsurteil.       

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