Hochwasser Sachsen-AnhaltDeichläufer, die Wächter der Flut

Bei Barby fließt die Saale in die Elbe – und setzt die Deiche unter Druck. Hunderte Wächter sind unterwegs, um den Ort vor der Flut zu schützen. Von B. Menzel, Barby von Björn Menzel

Die Deichläuferinnen Gudrun Sommerfeld (52) und Margit Dohle (60)

Die Deichläuferinnen Gudrun Sommerfeld (52) und Margit Dohle (60)  |  © Björn Menzel

Im Rathaus von Barby herrscht Hochbetrieb. Seit Tagen wird hier  am Marktplatz rund um die Uhr gearbeitet, das schmucke Gebäude mit dem spitzen Giebel ist die Einsatzzentrale der Hochwasserhelfer. Mehr als 400 Freiwillige haben sich bisher hier gemeldet. Die meisten sind zum Sandsackbefüllen eingeteilt. Andere als Deichläufer, um die 58 Kilometer Ufer zu bewachen, die zur Gemeinde gehören. 

Die Elbe ist nahe des Ortes in Sachsen-Anhalt zum reißenden Strom angeschwollen. Nur noch wenige Meter sind es vom Deich bis zu der 4.000-Einwohner-Stadt. Ein einziger solcher Schutzwall hält den Strom davon ab, Barby zu überfluten – und der Höchststand des Wassers ist noch nicht erreicht.

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Die Lage ist so kritisch, weil die Saale zwei Kilometer vor dem Ort in die Elbe mündet. Sie führt so viel Wasser wie seit Hunderten Jahren nicht mehr. Und das Elbewasser aus Tschechien ist noch nicht einmal hier angekommen. 


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Margit Dohle und Grudrun Sommerfeld beobachten den Schutzwall sehr genau. Die beiden Frauen haben sich als Deichwachen gemeldet. Im Rathaus haben sie ihre Utensilien erhalten: grellrote Warnwesten und rot-weiße Fähnchen.

Die beiden sind bereits den zweiten Abend im Einsatz, ehrenamtlich. Vom Damm aus bietet sich ein idyllischer Blick über das Wasser. Die Sonne sinkt, das Abendrot spiegelt sich in der Elbe. Grillen zirpen, Vögel zwitschern, ein Kuckuck ruft. Der Wind trägt den Duft von Wasser durch die Luft.  "Ich habe großen Respekt vor dem Wasser", sagt Sommerfeld.

Die Elbe bei Barby

Die Elbe bei Barby  |  © Björn Menzel

Tagsüber arbeitet die 52-Jährige als Rechtsanwältin. Ab 18 Uhr ist sie eine von knapp 200 Deichläufern hier des Ortes. Dann schnürt sie ihre Wanderschuhe, packt sich einen Rucksack mit dem Abendessen, hängt sich ein Fernglas um und startet. "Es gibt schlimmere Beschäftigungen", sagt sie.

Drei Stunden lang beobachtet sie mit Margit Dohle einen knapp vier Kilometer langen Abschnitt. Die Frauen suchen nach Sickerstellen und weisen Schaulustige vom Damm. Auf der flussabgewandten Seite des Deichs sammelt sich immer mehr Wasser. Sobald es rauscht und brodelt und sich das Wasser erdfarben verfärbt, wird es gefährlich. Dann würden sie die Stelle mit einem Fähnchen markieren und Hilfe anfordern.

Wo ist das Hochwasser am schlimmsten?



Soweit ist es hier noch nicht gekommen. Doch Garagen, Sportplatz und Wege hinter dem Deich sind bereits überflutet. Die beiden Frauen sehen das mit Sorge. Immer kommen hier auf dem Deich die Erinnerungen an das Hochwasser 2002 hoch. Damals drang erst Wasser durch den Deich, als sich die Flut bereits zurückzog. Doch Angst haben sie keine. "Es ist dieses Mal alles viel geordneter und ruhiger als vor elf Jahren", sagt Dohle. Jeder wisse, was er zu tun habe. Das gebe Sicherheit.

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Schutz aus Jute und Erde. Klicken Sie auf das Bild um die Fotostrecke anzusehen.

Schutz aus Jute und Erde. Klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke anzusehen.  |  © Jan Woitas/dpa

Mittlerweile sind die beiden Frauen seit zwei Stunden auf dem Damm unterwegs. Gudrun Sommerfeld beobachtet durch das Fernglas Treibgut auf dem Fluss. Greifvögel gleiten heran, auf der Suche nach Fressbarem. Aus dem Gras am Ufer verschwindet ein Biber ins Wasser. "Das ist doch Idylle pur", sagt Sommerfeld. Wenn da nicht die Elbe wäre, deren Pegel noch immer weiter steigt – und die Heimat Tausender Menschen bedroht.

Im Rathaus warten bereits die nächsten Deichläufer – es ist Schichtwechsel. Die beiden Frauen melden einen Gully, der noch nicht verschlossen wurde. Das Elbewasser darf nicht in die Kanalisation laufen. Am nächsten Tag wollen sie wieder kommen.

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Leserkommentare
  1. Langsam frage ich mich, ob die Bewirtschaftung der Flüsse, vor allem im Osten, sich nicht auf einem ähnlich unterirdischen Niveau bewegt wie beispielsweise der Bau des BER oder von Stuttgart 21. Die Mulde oder die Schwarze Elster sind doch eigentlich nur kleine Flüsse, die Lahn oder Nahe richten doch auch nicht alle 10 Jahre eine Katastrophe an. Kann mir jemand erklären, was da falsch läuft?

  2. Anstatt völlig ahnungslos Deiche nur mit Gras zu bepflanzen oder eine Straße drauf zu bauen könnte man sie einfach mal dicht mit stark wurzelnden Bäumen bepflanzen, dann weichen sie auch nicht auf und werden weggespült...aber einen Kommunalpolitiker, der soweit denken kann, den muss man erstmal finden.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Duft | Flut | Strom | Wasser | Tschechische Republik | Elbe
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