Hochwasser in Dresden : Partystimmung beim Sandsackschleppen

Tausende Dresdner verteidigen die Stadt gegen das Elbhochwasser, die Hilfen organisieren sie online. Nun steht die Pegelspitze kurz bevor.
Helfer in Dresden-Pieschen © Martin Förster

Auf den ersten Blick könnte man das hier für eine Partymeile halten: Tausende junger Menschen säumen die Leipziger Straße im Dresdner Norden, lachen, halten Bierflaschen in der Hand. Doch alle paar Minuten kommt Bewegung in die Menge: Lastwagen rollen an, Leute springen auf, formieren sich in Reihe, stapeln Sandsäcke am Straßenrand. Für Minuten herrscht höchste Konzentration, wenn alle Säcke verbaut sind, sieht es wieder nach Party aus.

Es ist Hochwasser in Dresden, der barocken Innenstadt droht Überflutung. Die Elbe steht bei 8,73 Metern, 4.300 Kubikmeter Wasser wälzen sich pro Sekunde das Flussbett hinab. Mehrere Ortsteile sind akut bedroht, Hunderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Mit Sperrwällen und Sandsäcken versuchen die Dresdner und ihre Helfer, in der Altstadt das Schlimmste zu verhindern. Bald soll die Pegelspitze überschritten sein.

Viele erinnern die Wassermassen an das Jahrhunderthochwasser von 2002, als der Elbpegel erst bei 9,40 Metern stagnierte. Der Sommeranfang 2013 wird den Dresdnern aber wohl auch als Woche der Solidarität in Erinnerung bleiben: Von überall kommen Menschen in die Stadtteile, die am schlimmsten vom Wasser betroffen sind. Sie versuchen zu retten, was zu retten ist.

Eine von ihnen ist Susann Kriesche. Die 31-Jährige sagt, sie habe in den letzten drei Tagen "vielleicht sieben Stunden" geschlafen – und ist dennoch vollkommen euphorisiert. Denn dass so viele Menschen zum Helfen kommen, ist auch ihr Verdienst. Gemeinsam mit zwei Freunden betreibt sie die Facebook-Seite Fluthilfe Dresden. Hier kommen Hilfesuchende und Helfer zusammen: Alle paar Minuten ploppen neue Statusmeldungen auf. "Brauchen Sand in Cossebaude" heißt es da, oder "Verpflegung in Laubegast!".

Stand 5. Juni, 16 Uhr © ZEIT ONLINE

Und nur Sekunden später posten andere "Sind unterwegs!" und "Haltet durch, wir kommen mit 100 Brötchen und Getränken!". "Wir hätten nie im Leben damit gerechnet, was wir da in Gang setzen würden", sagt die Werbekauffrau, "wir haben einfach am Wochenende gesehen, dass es keinerlei Koordination von Hilfsgesuchen und -angeboten gab."

Sonntag ging die Seite online. "Montagfrüh hatten wir 45 Likes", sagte Kriesche. "Jetzt sind es mehr als 40.000." Die Antwort auf die Frage, wie sie hierher gekommen sind, ist bei vielen Helfern die gleiche: "Ich hab‘ im Internet gelesen, dass wir gebraucht werden."

Das Hauptquartier der Helfer ist der Spätkauf Roter Pfeil. Von hier aus koordinieren Kriesche und ihre beiden Freunde den Einsatz. "Inzwischen kommen wir selbst gar nicht mehr dazu, selbst mit anzupacken. Wir sind nur noch damit beschäftigt, die Nachrichtenflut in unserem Posteingang zu bewältigen und immer wieder zu posten, wo genau welche Hilfe gebraucht wird."

Susann Kriesche und Daniel Neumann, Initiatoren der Facebook-Seite Fluthilfe Dresden © Susanne Kailitz

In der sächsischen Hauptstadt wird damit auf einmalige Weise aus einer Online-Kampagne konkrete Hilfe. Wie sie wirkt, beweisen für Susann Kriesche die vielen Rückmeldungen, die sie bekommt. "Die Leute, die uns erst verzweifelt um Hilfe bitten, melden sich ein, zwei Stunden später zurück und sagen, es wären Dutzende Menschen mit Sandsäcken oder Transportern voller Sand gekommen." Sie erzählt, wie sich am Montag eine junge alleinerziehende Mutter bei der Fluthilfe gemeldet habe. "Die musste aus ihrer Wohnung raus und hatte niemanden, der mit angepackt hätte. Zwei Stunden später war ihr Hausrat auf zwei Laster verladen."

Kriesche ist noch sichtlich ergriffen wenn sie erzählt, unterbricht sich immer wieder, weil sie in der riesigen Menge bekannte Gesichter entdeckt. "Schau mal, der da hinten im gelben Shirt. Der hat gestern bis nach Mitternacht Sandsäcke verladen und jetzt ist er schon wieder da." Nie im Leben hätte sie für möglich gehalten, dass so viele Menschen so selbstverständlich helfen.

"Wer das nicht mit eigenen Augen sieht, glaubt es nicht"


Die Aktion ist rein privat: Einsatzfahrzeuge von Polizei und Hilfswerken sieht man hier nur mit Sirenengeheul vorbeifahren. Wenn die Fahrzeuge mit den Sandsäcken ankommen, gibt es keine offiziellen Absperrungen; die Helfer regeln den Verkehr auf eigene Faust. Inzwischen haben sie Routine: Keine Katastrophenschutzübung könnte entspannter und organisierter ablaufen. "Wir haben zu den offiziellen Stellen null Kontakt", sagt Kriesche, "wahrscheinlich sind die froh, dass sie sich hier nicht kümmern müssen. Momentan gibt es ja Baustellen genug."

Ob die Anstrengungen ausreichen? Immer wieder müssen die Helfer aufgeben, weil das Wasser sich nicht zurückdrängen lässt. "Aber wir haben gar keine Zeit, darüber traurig zu sein. Am Ende ist es doch egal: Wenn wir auch nur dieses kleine Stück Straße hier retten, dann hat sich das alles schon gelohnt."

Niemals in ihrem Leben werde sie vergessen, wie ihr angesichts der Menschenmassen, die so entschlossen gegen die Flut kämpfen, um ihre Stadt zu retten, immer wieder Schauer über den Rücken laufe. "Wer das nicht mit eigenen Augen sieht, glaubt es nicht."

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Kommentare

62 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

l'attitude sous l'orage

wer weiß? Es ist die innere Haltung unter dem Gewitter, die zählt. Was hilft es denn, sich über das Leben zu beklagen, wenn man vor den Tatsachen steht.

Da haben die Helfer in Dresden unheimlich viel Größe bewiesen, nicht abzuwarten, bis die staatlichen Einsatzkräfte vor der Tür stehen, sondern guten Mutes das zu tun, was in dem Moment das einzig Richtige ist.
Ich wünsche allen die da gegen die Fluten ankämpfen viel Kraft und Energie.

Lieber guiseppebergmann

Zunächst einmal Respekt für Ihre Grundstimmung in Ihrer Lage. Meine kleine Familie und ich haben hier ein weitaus weniger dramatisches Szenario zu bewältigen, aber ich bin durchaus Ihrer Meinung, dass das Ganze mit einer Spur Galgenhumor und einem Lächeln auf den Lippen wesentlich leichter auszuhalten ist. Das Lächeln -oder lesenswerter "die Party-Stimmung"- kommt übrigens von ganz alleine. Zum einen, weil jeder, dem geholfen wird, unendlich froh darüber ist, und jeder, der hilft, lächelt, weil er jemanden froh gemacht hat. Ein Selbstläufer also.
Es helfen verdammt viele junge Leute (die haben natürlich eine fröhliche Geisteshaltung), was eben auch der Koordination über die "neuen Medien" geschuldet ist. Ich sehe ehrlich gesagt nicht, was daran zu kritisieren ist. Die ältern Semester habe ich im Übrigen oft mit heruntergefallenen Mundwinkeln und gezückten Kameras wahrgenommen. Das ist in meiner Welt das Gegenteil von Anstand und Würde (@Handstand-und-Würde)
Darauf hoffend, dass wir gut gearbeitet haben und die Dämme halten sowie mit den besten Wünschen für Sie - lieber guiseppebergmann- verbleibt das feinsliebchen, Leipziger Straße, Dresden Pieschen

Die Macher der Fluthilfeseiten auf Facebook gehören geehrt!

Die Erfinder der Facebook Seiten zum Hochwasser 2013 (z. B. Hochwasser Sachsen-Anhalt, Fluthilfe Dresden) haben wesentlich zum Schutz der Bevölkerung beigetragen, indem sie Menschenmassen über Facebook mobolisiert, kanalisiert & koordiniert haben. Ganze Menschenmassen an Helfern wurden durch diese Facebook Seiten generiert. Das ist unbezahlbar wertvoll! Kein öffentlicher Träger hätte dermassen viele Helfer so gezielt und unbürokratisch verwalten und bewältigen können.

Wer der gleichen Meinung ist, ist herzlich eingeladen, unsere hierfür erstellte Seite namens "Bundesverdienstkreuz für die Erfinder der Hochwasser-Seiten" zu besuchen, zu "liken" und zu teilen und für weitere Stimmen zu werben! Dankeschön!

https://www.facebook.com/...

Staat ist nicht mit Gemeinschaft zu verwechseln

Gemeinschaft ist ne Gruppe von Menschen, Staat die Form, wie und die Mittel mit denen diese ihr Miteinander organisieren. Letzteres oft genug recht einseitig zu Gunsten der jeweils Herrschenden. Staat: Legislative, Exekutive, Juriskative (?) Nix davon sind Sie oder bin ich!
Meine Oma hat in drei Staaten (Deutsches Reich, DDR, BRD) gelebt, allerdings immer mehr oder weniger mit denselben Menschen zusammen.