Auf den ersten Blick könnte man das hier für eine Partymeile halten: Tausende junger Menschen säumen die Leipziger Straße im Dresdner Norden, lachen, halten Bierflaschen in der Hand. Doch alle paar Minuten kommt Bewegung in die Menge: Lastwagen rollen an, Leute springen auf, formieren sich in Reihe, stapeln Sandsäcke am Straßenrand. Für Minuten herrscht höchste Konzentration, wenn alle Säcke verbaut sind, sieht es wieder nach Party aus.

Es ist Hochwasser in Dresden, der barocken Innenstadt droht Überflutung. Die Elbe steht bei 8,73 Metern, 4.300 Kubikmeter Wasser wälzen sich pro Sekunde das Flussbett hinab. Mehrere Ortsteile sind akut bedroht, Hunderte Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Mit Sperrwällen und Sandsäcken versuchen die Dresdner und ihre Helfer, in der Altstadt das Schlimmste zu verhindern. Bald soll die Pegelspitze überschritten sein.

Viele erinnern die Wassermassen an das Jahrhunderthochwasser von 2002, als der Elbpegel erst bei 9,40 Metern stagnierte. Der Sommeranfang 2013 wird den Dresdnern aber wohl auch als Woche der Solidarität in Erinnerung bleiben: Von überall kommen Menschen in die Stadtteile, die am schlimmsten vom Wasser betroffen sind. Sie versuchen zu retten, was zu retten ist.

Eine von ihnen ist Susann Kriesche. Die 31-Jährige sagt, sie habe in den letzten drei Tagen "vielleicht sieben Stunden" geschlafen – und ist dennoch vollkommen euphorisiert. Denn dass so viele Menschen zum Helfen kommen, ist auch ihr Verdienst. Gemeinsam mit zwei Freunden betreibt sie die Facebook-Seite Fluthilfe Dresden. Hier kommen Hilfesuchende und Helfer zusammen: Alle paar Minuten ploppen neue Statusmeldungen auf. "Brauchen Sand in Cossebaude" heißt es da, oder "Verpflegung in Laubegast!".

Und nur Sekunden später posten andere "Sind unterwegs!" und "Haltet durch, wir kommen mit 100 Brötchen und Getränken!". "Wir hätten nie im Leben damit gerechnet, was wir da in Gang setzen würden", sagt die Werbekauffrau, "wir haben einfach am Wochenende gesehen, dass es keinerlei Koordination von Hilfsgesuchen und -angeboten gab."

Sonntag ging die Seite online. "Montagfrüh hatten wir 45 Likes", sagte Kriesche. "Jetzt sind es mehr als 40.000." Die Antwort auf die Frage, wie sie hierher gekommen sind, ist bei vielen Helfern die gleiche: "Ich hab‘ im Internet gelesen, dass wir gebraucht werden."

Das Hauptquartier der Helfer ist der Spätkauf Roter Pfeil. Von hier aus koordinieren Kriesche und ihre beiden Freunde den Einsatz. "Inzwischen kommen wir selbst gar nicht mehr dazu, selbst mit anzupacken. Wir sind nur noch damit beschäftigt, die Nachrichtenflut in unserem Posteingang zu bewältigen und immer wieder zu posten, wo genau welche Hilfe gebraucht wird."

In der sächsischen Hauptstadt wird damit auf einmalige Weise aus einer Online-Kampagne konkrete Hilfe. Wie sie wirkt, beweisen für Susann Kriesche die vielen Rückmeldungen, die sie bekommt. "Die Leute, die uns erst verzweifelt um Hilfe bitten, melden sich ein, zwei Stunden später zurück und sagen, es wären Dutzende Menschen mit Sandsäcken oder Transportern voller Sand gekommen." Sie erzählt, wie sich am Montag eine junge alleinerziehende Mutter bei der Fluthilfe gemeldet habe. "Die musste aus ihrer Wohnung raus und hatte niemanden, der mit angepackt hätte. Zwei Stunden später war ihr Hausrat auf zwei Laster verladen."

Kriesche ist noch sichtlich ergriffen wenn sie erzählt, unterbricht sich immer wieder, weil sie in der riesigen Menge bekannte Gesichter entdeckt. "Schau mal, der da hinten im gelben Shirt. Der hat gestern bis nach Mitternacht Sandsäcke verladen und jetzt ist er schon wieder da." Nie im Leben hätte sie für möglich gehalten, dass so viele Menschen so selbstverständlich helfen.

"Wer das nicht mit eigenen Augen sieht, glaubt es nicht"


Die Aktion ist rein privat: Einsatzfahrzeuge von Polizei und Hilfswerken sieht man hier nur mit Sirenengeheul vorbeifahren. Wenn die Fahrzeuge mit den Sandsäcken ankommen, gibt es keine offiziellen Absperrungen; die Helfer regeln den Verkehr auf eigene Faust. Inzwischen haben sie Routine: Keine Katastrophenschutzübung könnte entspannter und organisierter ablaufen. "Wir haben zu den offiziellen Stellen null Kontakt", sagt Kriesche, "wahrscheinlich sind die froh, dass sie sich hier nicht kümmern müssen. Momentan gibt es ja Baustellen genug."

Ob die Anstrengungen ausreichen? Immer wieder müssen die Helfer aufgeben, weil das Wasser sich nicht zurückdrängen lässt. "Aber wir haben gar keine Zeit, darüber traurig zu sein. Am Ende ist es doch egal: Wenn wir auch nur dieses kleine Stück Straße hier retten, dann hat sich das alles schon gelohnt."

Niemals in ihrem Leben werde sie vergessen, wie ihr angesichts der Menschenmassen, die so entschlossen gegen die Flut kämpfen, um ihre Stadt zu retten, immer wieder Schauer über den Rücken laufe. "Wer das nicht mit eigenen Augen sieht, glaubt es nicht."