In der Warteschlange vor der Altstadt kommt es zu einem kleinen Tumult. Die Bürger in Grimma müssen sich ausweisen, um zu ihren Häusern zu gelangen, um zu retten, was Schlamm und Wasser nicht zerstört haben. Sepp Havemann aber hat keinen Ausweis dabei.

"Der ist in der Wohnung geblieben, als ich raus musste", sagt der Mittzwanziger der Verwaltungsmitarbeiterin an dem provisorisch aufgestellten Tisch. Erst als andere Wartende lautstark bezeugen, dass sie Havemann als Altstadtbewohner kennen, füllt die Frau ihm einen Passierschein aus. 

Es wird viel improvisiert in Grimma südöstlich von Leipzig, seit die Mulde über die Ufer getreten ist. Flutgeschädigte helfen sich gegenseitig mit Notstromaggregaten und Pumpen, sie beginnen, den Schlamm aus den Kellern zu holen. Sie kochen füreinander Kaffee und geben sich Tipps, in welchem Baumarkt es noch Trocknungsgeräte zu kaufen gibt. 

Im nahen Bitterfeld, in Halle und Dresden drücken Mulde, Saale, und Elbe noch immer über die Ufer, ganze Straßenzüge werden evakuiert. In Grimma wälzte sich das Wasser gestern noch durch Keller, Wohnräume und Gärten, seit heute aber sinkt es. In dem sächsischen 27.000-Einwohner-Ort herrscht Aufbaustimmung. Viele Grimmaer sind entlang der Polizeisperren unterwegs, um sich ihre Erlebnisse zu erzählen oder sich Mut zuzusprechen. 

"Wahrscheinlich habe ich einen Totalverlust"

Vor 24 Stunden stand die Mulde fast noch bei 7,60 Metern. Zwar weniger hoch als zur Jahrhundertflut von 2002, aber nicht weniger folgenreich. Denn damals floss das Wasser so schnell wieder ab, wie es kam. Diesmal stand es drei Tage. 

Stand: 4. Juni 2013, 16 Uhr © ZEIT ONLINE

An der Straßenkreuzung zwischen Altstadt und Notunterkunft wartet Lutz Körner in Gummihose und -stiefeln darauf, dass die Polizei ihn passieren lässt. Der Taxiunternehmer reicht sein iPhone herum. Eines der letzten Fotos zeigt, wie das Wasser gerade über die Gartenmauer schwappt – der Moment, in dem der 49-Jährige sein Haus verließ.    

Ihn trifft es nicht zum ersten Mal: Erst 2001 habe er das Haus gekauft und saniert, am 9. August 2002 Einzug gefeiert, sagt er. Vier Tage später kam die Flut. "Wahrscheinlich habe ich jetzt wieder einen Totalverlust", klagt Körner. Eine Bekannte drückt ihm tröstend die Hand. 

Viele hier erinnert das Hochwasser an die Katastrophe von vor elf Jahren. Peter Eibeck, Besitzer des Eiscafés der Altstadt, brachte routiniert Mobiliar und Eistheke in Sicherheit, als das Wasser stieg. "Wir haben das alles schon mal erlebt und wissen, was zu tun ist", erzählt er. Nur die Kühlanlage sei vermutlich hin, sie passte nicht mehr auf den Lkw.    

Noch wartend plant Eibeck schon den Neuanfang: Mitarbeiter auf Kurzarbeit setzen, aufräumen, renovieren. Er rechnet mit mehreren Monaten Schließzeit: Nach der Flut im August 2002 konnte er erst im Dezember wieder Gäste einlassen. Finanzielle Hilfe? Der Mitfünfziger winkt ab: "In meinem Alter bekommt man keinen Kredit mehr."