Bundesstraße 188, aus Richtung Tangermünde. Bis zur Hüfte im Wasser, schiebt eine Frau ihr Fahrrad. Die Sonne brennt, knorrige Bäume werfen Schatten. Das Wasser spiegelt den Himmel, soweit das Auge reicht. Die Luft ist heiß, das Wasser lauwarm.  

Schritt für Schritt kämpft sich die Frau durch die Flut vorwärts. "Ich muss nach Fischbeck", ruft sie herüber. "Sehen, wie es meiner Katze geht." Seit der Elbdeich bei Fischbeck brach, ist ihr Heimatort auf dem Landweg kaum noch zu erreichen – Fischbeck ist von der Außenwelt abgeschnitten. Die Frau mit dem Fahrrad, hüfthoch im Wasser, ist ein Sinnbild für die Dramatik des Elbehochwassers.

Der Deichbruch vor knapp zwei Wochen ließ eine ganze Region im nördlichen Sachsen-Anhalt untergehen. Zeitweise standen 250 Quadratkilometer Land unter Wasser. Während Krisenstäbe in der Landeshauptstadt Magdeburg oder in Halle den Notstand ausriefen, wurden auch Dörfer wie Jederitz, Kuhlhausen, Kamern und Schönhausen evakuiert. In 14 Kommunen fehlt der Strom noch immer komplett, in vielen anderen bleiben die meisten Straßen nachts dunkel. Einwohner warten bei Verwandten, Freunden oder in Notquartieren, dass das Wasser abfließt. Die Bundeswehr versenkte mehrere Lastkähne, um einen Deichbruch zu verschließen. Seitdem "läuft mehr ab, als nachkommt", sagt Landrat Carsten Wulfänger aus Stendal.

Während andere Hochwasserregionen lägst aufgeräumt haben, sind hier mehrere Gemeinden noch immer komplett umspült. In Fischbeck etwa harren wenige Einwohner aus, um ihre Habe zu sichern und die Tiere der Bauern zu versorgen. Wer von Tangermünde kommt, benötigt ein Fahrzeug, das durch mindestens 70 Zentimeter hohes Wasser fahren kann. Das schaffen nur die Traktoren der Landwirte und die Laster von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk. 

Das Wasser im Dorf fließt nicht, es steht. Die Luft hier ist ein stinkendes Gemisch, irgendetwas zwischen faulig und tranig. Hinzu kommt der Gestank der Kadaver in den überfluteten Feldern. In der sengenden Sonne verwesen Wildschweine und Rehe, die dem Wasser nicht entfliehen konnten. Bodenkundler warnen mittlerweile vor dem Genuss des Trinkwassers in den Flutregionen. 

Auf der anderen Elbseite, an einer Brücke, steht eine Frau, in der Hand drei Plastiktüten mit einem Fotoapparat und Putzutensilien. Andrea Werner versorgt fast täglich ihre Mutter und deren Lebensgefährten auf der überfluteten Ostseite der Elbe mit dem Nötigsten. Mehrmals täglich telefoniert die 31-Jährige mit ihren Verwandten, die in Schönhausen warten, dass das Wasser abfließt. 

"Die meisten verständigen sich über Facebook"

"Den Fotoapparat benötigen sie, um die Schäden dokumentieren zu können", sagt Andrea Werner und gibt die Beutel Matthias Brey. Er hat mit anderen Männern einen Shuttleservice eingerichtet. Abwechselnd pendeln sie zwischen Elbbrücke und Schönhausen. Auf der einen Seite warten die Menschen, die ihre Häuser verlassen haben und ihren Angehörigen das Bestellte bringen. Auf der anderen jene, die geblieben sind.

Einer dieser Versorger ist Magnus Urban. Er hat im Kofferraum seines Autos zwei Notstromaggregate, Benzin und Mückenspray. "Es ist nicht viel", sagt er. Aber es reiche, um die Not zweier Familien zu lindern. Die Hilfe bringt hier Menschen zusammen, die sich gar nicht kennen. Ein Mann habe sich angekündigt, sagt er. Er wolle mit dem Traktor kommen und die Dinge abholen. "Die meisten verständigen sich über Facebook", sagt Urban.

Urban betreibt den Ratskeller im 30 Kilometer entfernten Havelberg. Das Lokal ist geschlossen, nur mit einem Umweg von 50 Kilometern pro Strecke könnte er von der nahen Kreisstadt Stendal aus zu seinem Restaurant kommen. Deshalb arbeitet er jetzt im Flutgebiet. Hier werde jede Hand benötigt, sagt er, Dachdecker, Installateure. Aus eigener Kraft sei die Flut nicht mehr zu bewältigen, sagt er noch, bevor er wieder fährt. "Jetzt ist auch die Politik gefragt."

Die Politik ist Landrat Wulfänger. Er will den zwischenmenschlichen Service der Bewohner nicht einschränken, auch wenn die oft Polizeisperren und Katastrophenschutzvorgaben ignorieren. Im Gegenteil. Der Landrat hat ein Spendenkonto eingerichtet, bereits etwa 100.000 Euro seien eingegangen, sagt er. Und Annahmestellen sammeln Sachspenden, bereits mehrere Lkw-Ladungen kamen zusammen. Wulfänger verspricht allen Bedürftigen Hilfe. 

Tote Kaninchen mit dem Traktor eingesammelt

Derzeit werden vor allem Notstromaggregate und Pumpen gebraucht. Erst später will sich der Krisenstab um Baumaterial, Werkzeuge und Möbel kümmern. Irgendwann sind auch die Straßenreparaturen dran: Viele sind unterspült, zudem rissen Fluthelfer mancherorts den Belag auf, damit das Wasser Richtung Havel abfließen kann.

In Fischbeck steht Peter Risse. Sein Haus ist überschwemmt, die Heizung kaputt, die Einrichtung größtenteils zerstört. Hühner und Enten verendeten. Risse blieb mit seinem Sohn Lars im Dorf, um das Grundstück gegen das Wasser zu verteidigen. Vergebens. Nach dem Deichbruch verschwanden Haus und Hof im Wasser, wie das halbe Dorf.

Ab und zu fährt ein Traktor vorbei. Mit einer Ladeschaufel karrt er tote Kaninchen auf einen Sammelplatz. Es stinkt auch hier, das Wasser plätschert in Wellen gegen die Hauswände. Ein orangefarbener Unimog hält am Haus, David Eckhardt steigt aus. Er bringt die bestellten Kanister mit Benzin und Diesel. Das Landratsamt hat ihn geschickt.

Die Notstromaggregate halten nun einen weiteren Tag durch. Lars und Peter Risse wollen sich einen Bagger besorgen, um den Deich zu erhöhen, der ihr Grundstück vor weiter einströmendes Wasser schützen könnte. Wie viele hier vertrauen Sie nur noch auf ihre eigene Kraft.