Gisela Tschirschwitz läuft über ihren Hof und hält ein Foto in den Händen. Vor gut drei Jahren hat sie es aufgenommen, damals zu einer der sogenannten Jahrhundertfluten war hier alles bis zur Straße überschwemmt. So schlimm wird es dieses Mal vermutlich nicht werden. Der Wasserpegel in Altkötzschenbroda bei Dresden sinkt wieder. "Meine Wohnung wird es aber wahrscheinlich wieder treffen, das Grundwasser drückt einfach rein." Hat man in Sachsen trotz zweier großer Fluten in zehn Jahren nichts dazugelernt?

Der malerische Ortsteil von Radebeul lebt vom Tourismus: Im historischen Ortskern reihen sich Gasthöfe und Hotels aneinander. Keine 15 Kilometer westlich liegt der Ort von der Dresdner Innenstadt entfernt. Vor den alten Häusern auf dem Dorfanger stehen Tische und Stühle, dahinter zieht sich der Elberadweg entlang, das Wasser glitzert im Hintergrund. Die Aussicht auf den Fluss ist das Kapital der Menschen hier. Ein Hochwasserschutz könnte das Idyll beeinträchtigen.

Die Behörden planen eine 1,5 Kilometer lange Hochwasserschutzlinie entlang der Elbe: mit einem Deich, einem teilmobilen System und Schutzwänden. Die Anwohner aber sind gespalten in der Frage, wie das im Detail aussehen soll: Soll es eine bis zu zwei Meter hohe Spundwand hinter den Grundstücken geben? Lange schon wird im Ort darüber gestritten.

Hochwasserschutz würde Blick auf die Elbe blockieren

Gisela Tschirschwitz' Nachbar kommt vorbei, um zu schauen, wie es der 74-Jährigen geht. Jetzt, wo die Sackbarrieren stehen, gibt es im Grunde nichts mehr zu tun, außer zu warten und zu hoffen. Die beiden unterhalten sich, und wieder geht es um den Hochwasserschutz und um die Spundwand. "Die würde den Blick auf die Elbe und in die Auen total blockieren", sagt der Nachbar Thilo Kempe. Mit einer kleineren Mauer direkt auf den Grundstücken würde das nicht passieren. Seine Nachbarin protestiert heftig. Sie ist für eine andere Lösung, denn die Mauer müsste auf ihrem Grundstück stehen, und dazu ein zwei Meter breiter Weg.

Einwände gegen den geplanten Hochwasserschutz hat auch Antje Dietrich, obwohl sie von der Flut schwer getroffen ist. Die Unternehmerin betreibt in Altkötzschenbroda mehrere Ferienwohnungen und eine Kulturscheune. Das Wasser hat ihren kompletten Garten überschwemmt und drückt nun an die Mauern des Gebäudes. Damit bedroht es Dietrichs Existenz: "Ich habe für die kommenden zwei Wochen allen Gästen abgesagt", sagt sie. "Wir wissen ja überhaupt nicht, wann hier wieder Normalität herrscht. Aber die laufenden Kosten müssen trotzdem bezahlt werden."

"Was macht das mit dem Grundstück?"

Trotzdem sieht Dietrich die Pläne für den Hochwasserschutz skeptisch. "Für mich ist nicht entscheidend, ob der Blick auf die Elbe mit einer Spundmauer blockiert wäre", sagte sie. "Aber wenn so eine Mauer bis zu zehn Meter tief in die Erde gerammt wird, muss man doch fragen: Was macht das mit dem Grundstück?" Die Elbe sei ja nur ein Teil des Problems. Es fließe hier auch das Wasser von den umliegenden Hügeln ab. Da könne eine solche Wand womöglich gar nicht helfen.

Solange aber keine Lösung gefunden ist, müssen in Altkötzschenbroda wieder Sandsäcke gestapelt werden. Dafür wurde auch hier die Bundeswehr herangezogen. "Ich stehe dem Militär ja eher kritisch gegenüber", sagt Antje Dietrich, "aber das hier lässt mich alle Vorurteile revidieren". Auch sie ist für die Unterstützung dankbar, und wartet nun, dass der Pegel sinkt. Bis das nächste Hochwasser kommt.