HochwasserschutzStreiten bis die Flut kommt

Der malerische Ort Altkötzschenbroda lebt vom Tourismus. Doch die Elbe ruiniert hier regelmäßig Existenzen – auch weil der Hochwasserschutz die Anwohner entzweit. von Susanne Kailitz

Gisela Tschirschwitz läuft über ihren Hof und hält ein Foto in den Händen. Vor gut drei Jahren hat sie es aufgenommen, damals zu einer der sogenannten Jahrhundertfluten war hier alles bis zur Straße überschwemmt. So schlimm wird es dieses Mal vermutlich nicht werden. Der Wasserpegel in Altkötzschenbroda bei Dresden sinkt wieder. "Meine Wohnung wird es aber wahrscheinlich wieder treffen, das Grundwasser drückt einfach rein." Hat man in Sachsen trotz zweier großer Fluten in zehn Jahren nichts dazugelernt?

Der malerische Ortsteil von Radebeul lebt vom Tourismus: Im historischen Ortskern reihen sich Gasthöfe und Hotels aneinander. Keine 15 Kilometer westlich liegt der Ort von der Dresdner Innenstadt entfernt. Vor den alten Häusern auf dem Dorfanger stehen Tische und Stühle, dahinter zieht sich der Elberadweg entlang, das Wasser glitzert im Hintergrund. Die Aussicht auf den Fluss ist das Kapital der Menschen hier. Ein Hochwasserschutz könnte das Idyll beeinträchtigen.

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Die Behörden planen eine 1,5 Kilometer lange Hochwasserschutzlinie entlang der Elbe: mit einem Deich, einem teilmobilen System und Schutzwänden. Die Anwohner aber sind gespalten in der Frage, wie das im Detail aussehen soll: Soll es eine bis zu zwei Meter hohe Spundwand hinter den Grundstücken geben? Lange schon wird im Ort darüber gestritten.

Hochwasserschutz würde Blick auf die Elbe blockieren

Gisela Tschirschwitz' Nachbar kommt vorbei, um zu schauen, wie es der 74-Jährigen geht. Jetzt, wo die Sackbarrieren stehen, gibt es im Grunde nichts mehr zu tun, außer zu warten und zu hoffen. Die beiden unterhalten sich, und wieder geht es um den Hochwasserschutz und um die Spundwand. "Die würde den Blick auf die Elbe und in die Auen total blockieren", sagt der Nachbar Thilo Kempe. Mit einer kleineren Mauer direkt auf den Grundstücken würde das nicht passieren. Seine Nachbarin protestiert heftig. Sie ist für eine andere Lösung, denn die Mauer müsste auf ihrem Grundstück stehen, und dazu ein zwei Meter breiter Weg.

Wo ist das Hochwasser am schlimmsten?



Einwände gegen den geplanten Hochwasserschutz hat auch Antje Dietrich, obwohl sie von der Flut schwer getroffen ist. Die Unternehmerin betreibt in Altkötzschenbroda mehrere Ferienwohnungen und eine Kulturscheune. Das Wasser hat ihren kompletten Garten überschwemmt und drückt nun an die Mauern des Gebäudes. Damit bedroht es Dietrichs Existenz: "Ich habe für die kommenden zwei Wochen allen Gästen abgesagt", sagt sie. "Wir wissen ja überhaupt nicht, wann hier wieder Normalität herrscht. Aber die laufenden Kosten müssen trotzdem bezahlt werden."

"Was macht das mit dem Grundstück?"

Trotzdem sieht Dietrich die Pläne für den Hochwasserschutz skeptisch. "Für mich ist nicht entscheidend, ob der Blick auf die Elbe mit einer Spundmauer blockiert wäre", sagte sie. "Aber wenn so eine Mauer bis zu zehn Meter tief in die Erde gerammt wird, muss man doch fragen: Was macht das mit dem Grundstück?" Die Elbe sei ja nur ein Teil des Problems. Es fließe hier auch das Wasser von den umliegenden Hügeln ab. Da könne eine solche Wand womöglich gar nicht helfen.

Solange aber keine Lösung gefunden ist, müssen in Altkötzschenbroda wieder Sandsäcke gestapelt werden. Dafür wurde auch hier die Bundeswehr herangezogen. "Ich stehe dem Militär ja eher kritisch gegenüber", sagt Antje Dietrich, "aber das hier lässt mich alle Vorurteile revidieren". Auch sie ist für die Unterstützung dankbar, und wartet nun, dass der Pegel sinkt. Bis das nächste Hochwasser kommt.

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Leserkommentare
  1. Wer nah am Wasser gebaut hat, hat halt öfter was zum Heulen...

    Die Lehre aus den Fluten kann ja nur sein: in Flussnähe nur Flutungsflächen (die bei fehlender Flut auch als Park, Hundeauslaufgebiet usw. genutzt werden können.

    Häuser, die in weniger als 10 Jahren mehr als einmal Flutschaden genommen haben, sollten aufgegeben werden. Dies war nicht das letzte Mal.

    6 Leserempfehlungen
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    Altkötzschenbroda ist ein nach allen Regeln der Investorenkunst - und dem aktuellen Zeitgeschmack - gentrifiziertes ehemaliges Bauerndorf.
    Für die Bauern von ehedem gab es Gründe, die Risiken in Kauf zu nehmen. Denn: das Elbschwemmland ist fruchtbar. Was wir heute als "Schlamm" bezeichnen, ist auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Gratis-Dünger.
    Wer das Risiko nicht scheute, wurde mit dem kurzen Weg belohnt.
    Im Fall der Fälle war dann eben das Vieh ein Stück den Hang hoch zu treiben, und die gute Stube war eh im Geschoß über dem Stall.

    Und heute? Die aufwendig sanierten - bzw. als Kopie oder Ergänzung neu errichteten Fachwerkbudchen lassen das Herz vieler höher schlagen.
    Lädchen für allerlei hochpreislichen Schnickschnack, "Zentren" für dies und das, Kneipen in den ehemaligen Kuhställen und bäuerlichen Wirtschaftsgebäuden.
    Was früher mal eine Bruchsteinmauer war (was passiert da schon, wenn das Wasser kommt), sind heute aufwendige Konstruktionen wegen des Wärmeschutzes. Gebäudetechnik und Einrichtung dazu.
    Da kann einiges flöten gehen.
    Der Elbblick als Kapital ist benannt worden. Die Bedenken sind nicht aus der Luft gegriffen. Die Flutschutzanlagen haben was mit Hightec zu tun. Man wirbt unter den Gewerbetreibenden vorzugsweise mit "Bio" und Handwerk und Lehmbau - und da hat man mit den "harten Eingriffen" des Flutschutzes eben so seine Probleme.
    Einen echten Bauern gibt es in der Nachbarschaft des Gentrifiziererviertels noch. Bei dem geht vielleicht weniger kaputt.

  2. Mehr Räume (Ufer) für die Flüsse

    dass man die Donau als (Fracht-)Verkehrrstraße missbraucht hat ist übrigens eine Schande. Alles sturgerade und völlig an dem selbsterhaltenden Konzept organischer Formen vorbei.

    2 Leserempfehlungen
  3. ..keinen Hochwasserschutz wollen, dann sollte man dem Wunsch nachkommen. Konsequenterweise sollten diese Herrschaften auch keine Hilfen in Form von Spenden oder staatlichen Zuwendungen bekommmen. Und wenn die Frau Dietrich Probleme mit dem Militär hat, dann sollte sie auch standhaft sein und wie wir in Sachsen sagen, ihren Dreck alleene wegmachen:-).

    7 Leserempfehlungen
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    • kl66
    • 06. Juni 2013 23:19 Uhr

    Krieg und HW-Hilfe sind doch zweierlei Themen. Man könnte auch Organisationen gründen bzw. den THW-Etat vergrößern. Und Geld für die Opfer wäre immer noch genügend da, wenn man von dem ganzen militärischen Rüstzeug absieht.

    • oflow
    • 06. Juni 2013 23:09 Uhr

    Es ist einfach traurig...
    Zum Thema mobiler Hochwasserschutz und dessen Einsatz in Städten und schönen Uferpromenaden empfehle ich diesen Artikel: http://www.neuburg-donau.de/downloads/entwaesserungsamt/hochwasserschutz...

    Dieses Jahr hat der erwähnte mobile Hochwasserschutz die Stadt Neuburg / Donau vor schlimmeren bewahrt.

    • kl66
    • 06. Juni 2013 23:19 Uhr

    Krieg und HW-Hilfe sind doch zweierlei Themen. Man könnte auch Organisationen gründen bzw. den THW-Etat vergrößern. Und Geld für die Opfer wäre immer noch genügend da, wenn man von dem ganzen militärischen Rüstzeug absieht.

    3 Leserempfehlungen
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    Ich verstehe ueberhaupt nicht was das soll auch nur einen Cent an die Geschaedigten zu zahlen. Wenn meine Bude abbrennt und ich nicht versichert bin zahlt auch keiner, warum sollen also anderweitig Geschaedigte, wobei der Schaden sogar mit Sicherheit vorhersehbar ist, die sich nicht versichert haben, eine Kompensation vom Staat erhalten? Das ist voellige Willkuer und eines Rechtsstaates unwuerdig. Und wenn man sich nicht versichern kann, weil keine Versicherung das Risiko uebernehmen will, dann wird das wohl seine Gruende haben. Natuerlich bin ich auch dagegen das die Kosten der Sandaufschuettungen auf Sylt von allen Deutschen finanziert werden. Wenn man das fuer notwendig haelt, sollen die Insulaner das selbst zahlen oder bleiben lassen. Aber nein, man wehrt sich auch noch gegen den Deichbau, weil das ja nicht so nett aussieht. Wenn man keinen Deich will soll man eben absaufen, da sollte man jede Hilfe unterlassen. Grundsaetzlich koennte man dem Problem ja Herr werden, aber man will es ja nicht. Und mir leuchtet nicht ein, warum die Allgemeinheit die Risiken tragen soll, die Einzelne eingehen.

  4. mal wieder das so genannte NIMBY Prinzip...Not in my backyard.
    man sieht es an flughäfen (in den urlaub fliegen,aber kein flughafen in der nähe haben wollen), grünen strom wollen,aber wehe einer baut ein windrad, schnelles mobiles internet verlangen,aber es ist der teufel los,wenn masten ausgebaut werden.

    willkommen in deutschland. land der nörgler,querulanten und ewig gestrigen

    5 Leserempfehlungen
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    Da können wir ja da dankbar sein, dass Sie diesem schlechten Beispiel nicht folgen und statt dessen als Quell immerwährender Freude reinen Optimismus verbreiten. :)

  5. Altkötzschenbroda ist ein nach allen Regeln der Investorenkunst - und dem aktuellen Zeitgeschmack - gentrifiziertes ehemaliges Bauerndorf.
    Für die Bauern von ehedem gab es Gründe, die Risiken in Kauf zu nehmen. Denn: das Elbschwemmland ist fruchtbar. Was wir heute als "Schlamm" bezeichnen, ist auf der landwirtschaftlichen Nutzfläche der Gratis-Dünger.
    Wer das Risiko nicht scheute, wurde mit dem kurzen Weg belohnt.
    Im Fall der Fälle war dann eben das Vieh ein Stück den Hang hoch zu treiben, und die gute Stube war eh im Geschoß über dem Stall.

    Und heute? Die aufwendig sanierten - bzw. als Kopie oder Ergänzung neu errichteten Fachwerkbudchen lassen das Herz vieler höher schlagen.
    Lädchen für allerlei hochpreislichen Schnickschnack, "Zentren" für dies und das, Kneipen in den ehemaligen Kuhställen und bäuerlichen Wirtschaftsgebäuden.
    Was früher mal eine Bruchsteinmauer war (was passiert da schon, wenn das Wasser kommt), sind heute aufwendige Konstruktionen wegen des Wärmeschutzes. Gebäudetechnik und Einrichtung dazu.
    Da kann einiges flöten gehen.
    Der Elbblick als Kapital ist benannt worden. Die Bedenken sind nicht aus der Luft gegriffen. Die Flutschutzanlagen haben was mit Hightec zu tun. Man wirbt unter den Gewerbetreibenden vorzugsweise mit "Bio" und Handwerk und Lehmbau - und da hat man mit den "harten Eingriffen" des Flutschutzes eben so seine Probleme.
    Einen echten Bauern gibt es in der Nachbarschaft des Gentrifiziererviertels noch. Bei dem geht vielleicht weniger kaputt.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Sprichwörtlich"
  6. Ich verstehe ueberhaupt nicht was das soll auch nur einen Cent an die Geschaedigten zu zahlen. Wenn meine Bude abbrennt und ich nicht versichert bin zahlt auch keiner, warum sollen also anderweitig Geschaedigte, wobei der Schaden sogar mit Sicherheit vorhersehbar ist, die sich nicht versichert haben, eine Kompensation vom Staat erhalten? Das ist voellige Willkuer und eines Rechtsstaates unwuerdig. Und wenn man sich nicht versichern kann, weil keine Versicherung das Risiko uebernehmen will, dann wird das wohl seine Gruende haben. Natuerlich bin ich auch dagegen das die Kosten der Sandaufschuettungen auf Sylt von allen Deutschen finanziert werden. Wenn man das fuer notwendig haelt, sollen die Insulaner das selbst zahlen oder bleiben lassen. Aber nein, man wehrt sich auch noch gegen den Deichbau, weil das ja nicht so nett aussieht. Wenn man keinen Deich will soll man eben absaufen, da sollte man jede Hilfe unterlassen. Grundsaetzlich koennte man dem Problem ja Herr werden, aber man will es ja nicht. Und mir leuchtet nicht ein, warum die Allgemeinheit die Risiken tragen soll, die Einzelne eingehen.

    Antwort auf ""Militär""
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    • lm78
    • 07. Juni 2013 0:55 Uhr

    Sie haben den Inhalt meines Kommentars nicht verstanden. Ich habe lediglich das Militär kritisiert. Warum soll ich also etwas für militärischen Schnickschnack ausgeben, dessen Sinn und Zweck fraglich ist und dessen Kosten um einiges höher liegen als für HW-Geschädigte. Dann lieber an Letztere. Anstatt undifferenziert auf HW-Geschädigte einzuschlagen und ebenso bei Bränden (was noch sinnfreier ist, da es hier i.d.R. einen konkreten Verursacher gibt, der die Schuld übernehmen muss!), sollten Sie sich mehr Gedanken um allgemeine Ausgaben machen (z.B. Militär).

    Zu Sylt kann ich nichts sagen. Aber so ist das nun mal in einer Demokratie, dass nicht jeder immer zufrieden sein kann. Ansonsten ist das, was Sie ablassen, nur neoliberales Geschwätz - Ich, ich, ich.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Tourismus | Ferienwohnung | Fluss | Flut | Garten | Gebäude
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