Ein Apfel, zwei kleine Wasserflaschen und braune Gummistiefel – mehr hat Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper nicht bei sich, wenn er im Hochwassergebiet unterwegs ist. Der Sozialdemokrat, 58 Jahre alt, seit zwölf Jahren Bürgermeister, führt seine 230.000-Einwohner-Stadt durch ihre bislang größte Naturkatastrophe. Im Minutentakt muss er entscheiden. Schweres Gepäck behindert da nur.

Das Wasser der Elbe stieg in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt bis auf 7,48 Meter – etwa 70 Zentimeter höher als beim Hochwasser von 2002. Damals verursachte die Flut nur geringe Schäden. Diesmal aber müssen ganze Stadtteile evakuiert werden, in einige strömt bereits das Wasser. 23.000 Menschen brachten sich allein am Sonntag in Sicherheit.

In jedem Moment kann sich das Ausmaß der Katastrophe vergrößern. Stets sind mehrere Probleme gleichzeitig zu bearbeiten: Ein Industriegebiet im Stadtteil Rothensee, wo sonst 10.000 Menschen arbeiten, droht in der Flut unterzugehen. Ein Umspannwerk, das 30.000 Haushalte versorgt, steht vor dem Kollaps. Einsatzkräfte nach Rothensee verlegen? Den Strom vorsorglich abschalten? Was Trümper auch sagt, was er auch tut – stets riskiert er Fehlentscheidungen. Entscheiden und Handeln? Oder noch Abwarten? Beides könnte sich als fataler Irrtum erweisen.

Es ist 11 Uhr. Trümper verlässt das Rathaus in Stoffschuhen durch die Seitentür, die Haare nach hinten gekämmt. Er trägt Jeans und ein beiges Leinenhemd. In der Nacht hat er zwei Stunden geschlafen: zwischen 3 und 4 Uhr und zwischen 5 und 6. Sein Ausdruck ist sanft – er wirkt müde. 

Der Krisenstab hat die erste Sitzung des Tages beendet. Trümper ist immer dabei. Bei großen Entscheidungen ist sein Wort gefragt. Am Morgen ging es darum, ob die Bewohner eines weiteren Stadtteils östlich der Elbe ihre Häuser verlassen sollen. Sie sollen.

Trümper steigt in seinen grauen Dienst-BMW, die Fahrt geht zu einem Deich mitten in der Stadt. Der alte Elbarm ist geflutet, das Wasser steht wenige Zentimeter vor der Deichkrone. Ein Dammbruch kurz vor der Stadt, am Zusammenfluss von Saale und Elbe, hat den Druck noch erhöht. Motoren brummen, die Feuerwehr pumpt Sickerwasser in hohem Bogen zurück in die Elbe. Das Technische Hilfswerk hat seine Truppe hier auf 2.200 Mann verdoppelt. Als Trümper sich umschaut, spricht ihn ein Anwohner an. Wie hoch das Wasser noch steige, fragt er. "Das weiß ich nicht", sagt Trümper.

Mit Prognosen ist er vorsichtig geworden, nachdem er noch vor einer Woche davon ausging, dass die Elbe nicht über 7,20 Meter steigt – und Magdeburg kaum Gefahr droht. Trümper hat dazugelernt. "Die Prognosen waren falsch", sagt er heute. Man müsse auf alles gefasst sein. Mittlerweile stehen zwölf Magdeburger um den Bürgermeister herum und wollen Neues erfahren.

Wenn Trümper nachts nicht schlafen kann, grübelt er über die Entscheidungen des Vortages nach. Hätte er anders handeln sollen? Was war richtig, was war falsch? Der Kopf arbeite ständig auf Hochtouren, sagt er. 

Als Oberbürgermeister trägt er Verantwortung für seine Bürger. Eine Aufgabe wie ein Spagat: Er möchte keine Panik verbreiten – aber auch nicht handlungsunfähig wirken. Wer nicht evakuieren lässt, riskiert Menschenleben. Wer evakuieren lässt, muss das später rechtfertigen können. Die Bürger reagieren sensibel. Existenzen sind gefährdet, viele haben Angst. Trümpers größte Sorge: "Dass durch eine meiner Entscheidungen Leben aufs Spiel gesetzt werden."

Seinen nächsten Stopp macht der Oberbürgermeister im Stadtteil Rothensee. Wasser aus dem benachbarten Stadthafen strömt in die Straßen. 3.000 Menschen und ihre Häuser sind akut von der Flut bedroht, die Sandsäcke können das Wasser nicht mehr aufhalten. Aus der Kanalisation schießen kleine Fontänen.

Soldaten und Feuerwehrleute versuchen, eine Öffnung am Deich zu schließen. Trümper hat sich über einen Stadtplan gebeugt. "Sollte das nicht gelingen, geht das hier alles unter", sagt er, seine Hand fährt in einem ziemlich großen Kreis über das Papier. Sein einziger Wunsch sei, sagt Trümper, dass der Elbpegel endlich nicht weiter steigt. 

Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper (2. v. l.) mit Anwohnern des Stadtteils Rothensee © Björn Menzel

Anwohner kommen näher. In Gummistiefeln stehen sie vor ihrem Bürgermeister. Sie wirken verzweifelt. Trümper versucht, sie zu beruhigen. Er spricht langsam, besonnen. Doch auf einige Fragen hat er keine Antwort. Dennoch scheint es den Anwohnern wichtig zu sein, mit dem Bürgermeister reden zu können.

Trümper hat die Flut vor elf Jahren als Stadtoberhaupt miterlebt, dann kamen vier kleinere Winterhochwasser. Doch das jetzt drohende Unheil, dieses Anschwellen der Flüsse, das alles sprengt seine Vorstellungskraft. "Vor einer Woche hätte ich das nicht geglaubt", sagt er.

Trümper muss zurück, das Lagezentrum hat gerufen. Ein Damm aus Säcken soll errichtet werden. Zu entscheiden ist, wo genau. Der Krisenstab tagt 30 Minuten. Dann muss Trümper weiter zu einem Interviewtermin, dann wieder zum Krisenstab.

Die Elbe hat Trümpers Wunsch erfüllt. Am Sonntagabend sank der Flusspegel erstmals. Doch die Deiche sind weich und das Wasser drückt. Es bleibt gefährlich für die Magdeburger und ihren Oberbürgermeister. Trümper wird noch einige Tage Krisenmanager sein müssen. Und noch viele schwierige Entscheidungen treffen.

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