Der Tag danach. Viel erinnert nicht mehr an den etwa eine Woche währenden, dramatischen Hungerstreik von Asylbewerbern auf dem Münchner Rindermarkt, der nur ein paar Schritte vom Marienplatz entfernt ist. Im Morgengrauen hatte die Polizei das unter großen Platanen errichtete Zeltlager geräumt. Viele der rund 50 Flüchtlinge aus asiatischen und afrikanischen Ländern schwebten nach tagelangem "trockenem" Hungerstreik – seit Dienstag hatten sich viele auch geweigert, zu trinken – in Lebensgefahr.

Sie wurden mit dem Krankenwagen abtransportiert. Es gab unschöne Szenen bei der Polizeiaktion. Die Beamten wurden von einigen Mitgliedern des bis zuletzt etwas mysteriös wirkenden "Unterstützerkreises" der Flüchtlinge mit Fußtritten attackiert. Die Flüchtlinge versuchten, sich gegen den Abtransport durch die Polizei mit Sitzblockaden zu wehren. Vergeblich: Sie wurden weggetragen. 

Tags zuvor war ein letzter Vermittlungsversuch gescheitert. In einer Krisensitzung in der Bayerischen Staatskanzlei hatten sich Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Münchens Oberbürgermeister Christian Ude auf einen neuen Vermittlungsversuch geeinigt. Der Münchner Alt-OB und einstige SPD-Bundesvorsitzenden Hans-Jochen Vogel sollte zusammen mit dem CSU-Politiker und früheren bayerischen Landtagspräsidenten Alois Glück die Hungerstreikenden zum Einlenken bewegen. Im Münchner Stadtmuseum verhandelten die beiden ehemaligen Politiker mit der Gegenseite – angeblich ohne Ergebnis.

Möglicherweise stand da schon fest, dass dem Spuk in der Münchner City ein mehr oder minder gewaltsames Ende bereite werden würde. Vielleicht wollte sich die Politik nicht sagen lassen, nicht wirklich alles versucht zu haben.

Surreale Atmosphäre auf dem Rindermarkt

Es war ein ungewöhnliches Treffen in der pompösen bayerischen Staatskanzlei. Nicht zuletzt deshalb, weil Seehofer in der beginnenden heißen Phase des Landtagswahlkampfes direkte Begegnungen mit Ude meidet, um seinen Herausforderer bei der Landtagswahl nicht aufzuwerten. Und Ude bot sich die seltene Gelegenheit, aus seiner Rolle als Münchner Oberbürgermeister herauszutreten und sich staatsmännisch zu geben. In seiner manchmal etwas hölzernen Art hatte Ude im Beisein von Seehofer das "Demonstrationsgeschehen" zwar für rechtmäßig erklärt. Im gleichen Atemzug betonte er freilich, dass Gesundheit und Leben der Flüchtlinge absoluten Vorrang besäßen. Tote, das war diesen Worten klar zu entnehmen, sollte es um keinen Preis geben.

Auf dem Rindermarkt herrschte zu dieser Stunde eine gespenstische, fast surreale Atmosphäre: Während ein paar Schritte weiter in der Fußgängerzone fleißig dem Shoppingvergnügen gefrönt wurde, wirkte der Rindermarkt wie ein exterritoriales Gebiet. Die Zelte mit den hungernden und dürstenden Flüchtlingen waren mit weiß-rotem Plastikband abgesperrt. "Do not enter", war auf Schildern zu lesen. Vor der Absperrung warteten Journalisten auf Berichtenswertes; in kleinen Grüppchen diskutierten Passanten und Sympathisanten über das, was so unvermittelt über diese heitere, saturierte Stadt gekommen war: das Elend der Welt. Und diesmal viel direkter, viel greifbarer als es die Fernsehbilder von abgebrannten oder eingestützten Fabriken in Bangladesch vermitteln können, wo all die schönen, billigen Klamotten herkommen, die in den Geschäften der Fußgängerzonen verkauft werden.