Am Ende seiner Aussage ist Holger G. ausgelaugt. Der 38-Jährige wirft den Oberkörper zurück, fährt sich durch die Haare und schnauft: "Boah!" Mit seiner Einlassung endet der Verhandlungstag im NSU-Prozess außergewöhnlich früh: mittags um halb eins. Der Mitangeklagte Carsten S. hatte am Donnerstag nicht weiter aussagen wollen, weil der psychiatrische Gutachter Norbert Leygraf nicht anwesend war. S. will nur reden, wenn Leygraf ihm zuhören kann, teilen seine Anwälte mit.

Also geht es an diesem Tag um Holger G. Unter den Angeklagten war er bislang die blasseste Figur: Er wandelte sich nicht vom Nazi zum schwulen Sozialarbeiter wie Carsten S., er hatte keine NPD-Ämter inne wie Ralf Wohlleben, er ist keine wuchtige Erscheinung wie André E.

G. ist ein schmaler Mann mit lichtem, dunkelblonden Haar. Wenn er in den Saal kommt, senkt er den Kopf und versteckt sein Gesicht unter einer olivgrünen Mütze. Dann huscht er schnell zu seinen Anwälten Stefan Hachmeister und Pajam Rokni-Yazdi.

Vom Punk zum Nazi

G. ist wegen mehrfacher Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Die Bundesanwälte werfen ihm vor, den mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe Ausweise auf seinen Namen überlassen und Wohnmobile für sie gemietet zu haben. Außerdem soll G. im Auftrag von Ralf Wohlleben eine Pistole von Jena nach Zwickau gebracht und sie dort den drei Untergetauchten übergeben haben. Mit der Waffe wurde jedoch niemand getötet.

Gut eine Woche, nachdem der NSU aufgeflogen war, wurde G. festgenommen und räumte bei Verhören die Vorwürfe der Ermittler ein. Nun legt er erstmals in der Öffentlichkeit Rechenschaft über seine Nazi-Zeit ab.

Zuerst lässt sich Richter Manfred Götzl G.s Biografie erzählen. Der Angeklagte spricht von seiner Jugend in Jena inklusive "Standard-DDR-Erziehung". 1986 starb sein Stiefvater. Zuvor sei der Bruder das Problemkind der Familie gewesen, "dann wurde ich das schwarze Schaf", das Blödsinn machte und von der Realschule flog. Da habe er einen "Hang zu Subkulturen" entwickelt, wurde Punk "und später ging es in die andere Richtung".

G. spricht stakkatoartig, vieles ist kaum zu verstehen. Es macht ihm Mühe, sich zum Mikrofon herunterzubeugen. Mehrmals muss Richter Manfred Götzl ihn bitten, langsamer und deutlicher zu reden, dann lässt er ein Mikrofon mit längerem Hals für ihn beschaffen. Dreimal wiederholt G. seinen Lebenslauf, offensichtlich hat er die Einlassung auswendig gelernt.

Spielsucht und Drogen

1997 folgten G. und seine Mutter dem Bruder nach Hannover, um der Arbeitslosigkeit im Osten zu entfliehen. Bis zu seiner Festnahme hatte G. einen Job, dann kam die Untersuchungshaft, aus der er inzwischen entlassen wurde. Nun, während des Prozesses, könne er nicht arbeiten und lebe von Hartz 4, beklagt G. sich. Trotz seiner Nervosität entfährt ihm dann und wann ein lockerer Spruch. Zu den Geschwistern habe er ein "Bombenverhältnis", über seine Lebensgefährtin, mit der er seit 2007 zusammen ist, sagt er: "Der Hammer, die Frau." Sie habe ihm Stabilität verschafft, als er regelmäßig Speed und Ecstasy einwarf und durch seine Spielsucht 12.000 Euro Schulden anhäufte.

Zu den Tatvorwürfen äußert sich G. nur in einer schriftlichen Erklärung, die er vorliest. Nachfragen dazu schließt er aus. Angehörigen und Opfern wolle er sein "tiefes Mitgefühl" aussprechen, er sei bereit, die Verantwortung zu übernehmen. Aber: "Mein Tatbeitrag ist nicht der, den mir der Generalbundesanwalt in der Anklageschrift vorwirft", liest er vor. Er habe Kontakt zu den drei Untergetauchten gehalten und ihnen geholfen – er habe bloß nicht gewusst, welchem Zweck seine Botengänge dienten.

Dann beginnt G., von seiner Zeit mit dem NSU zu erzählen. Für ihn ist es vor allem die Geschichte einer intensiven Freundschaft, wie er sagt. Mundlos, Böhnhardt und  Zschäpe lernte er Anfang der neunziger Jahre in Jena kennen. Sie schlossen sich zu einer politisch gesinnten Clique zusammen, betrachteten sich als Elite. Die drei waren in der Szene bekannt, die Beziehung zu ihnen habe ihn stolz gemacht. Sie hätten in "Richtungsdiskussionen" beraten, ob man im politischen Kampf Gewalt anwenden dürfe – aber seltener, als die Ankläger behaupten.