Carsten S. im Gerichtssaal © Johannes Simon/Pool/Getty Images

Die mutmaßlichen Neonazi-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben bei der Übergabe einer Waffe einen möglichen Anschlag angedeutet. Der Angeklagte Carsten S. schilderte vor dem Oberlandesgericht München, bei dem Treffen hätten Böhnhardt und Mundlos ihm erzählt, sie hätten "in Nürnberg in irgendeinem Laden eine Taschenlampe hingestellt".

Er habe nicht gewusst, was sie damit meinen, sagte S. unter Tränen. Als die Hauptangeklagte Beate Zschäpe damals hinzukam, hätten ihm die beiden Männer bedeutet, zu schweigen. "Dann kam Frau Zschäpe und sie sagten Psst!", so S. "Damit Frau Zschäpe das nicht mitbekommt."

Zu Hause sei ihm der Gedanke gekommen, dass Böhnhardt und Mundlos in eine Taschenlampe Sprengstoff eingebaut haben könnten, sagte S. weiter. In Nürnberg wurden drei der zehn Morde verübt, die die Bundesanwaltschaft den Angeklagten zur Last legt. In der Stadt begann die Tötungsserie den Ermittlungen zufolge mit der Erschießung eines türkischen Blumenhändlers im September 2000. Insgesamt starben zehn Menschen, neun davon nichtdeutscher Herkunft. Böhnhardt und Mundlos nahmen sich bei der Enttarnung der Gruppe im November 2011 das Leben.

Die Aussagen des 33-jährigen S. könnten Zschäpe entlasten – demnach war sie möglicherweise nicht so stark in die Mordpläne eingeweiht wie von der Anklage angenommen. 

Den Mitangeklagten Ralf Wohlleben belastete S. erneut. Der frühere NPD-Funktionär habe ihm erzählt, dass Böhnhardt und Mundlos jemanden angeschossen hätten. "Ich habe mit Wohlleben telefoniert, und Wohlleben hat gelacht und gesagt, die haben jemanden angeschossen." Er habe sich gedacht: "Hoffentlich nicht mit der Waffe", die er beschafft hatte. Wohlleben hat sich in dem Prozess bisher ebenfalls nicht zu den Vorwürfen geäußert.  

"Die Sau rausgelassen"

Wohlleben und Carsten S. sind wegen Beihilfe zu neunfachem Mord angeklagt. S. war nach eigenen Aussagen Mittelsmann zwischen Wohlleben und dem untergetauchten Trio; er hatte die Pistole mit Schalldämpfer besorgt, mit der vermutlich die neun Geschäftsleute ausländischer Herkunft getötet wurden.

Der 33-jährige Sozialpädagoge, der seit Langem aus der Neonazi-Szene ausgestiegen ist, zeigte sich entschlossen, mit seiner extremistischen Vergangenheit aufzuräumen. "Ich habe keine andere Wahl, ich will reinen Tisch machen, es geht nicht anders." Er schilderte, wie er mit Kumpanen randalierend durch die Straßen von Jena gezogen sei und Fensterscheiben eingeworfen habe. Sie hätten "die Sau rausgelassen".

S. gab auch zu, dass ihn der Nationalsozialismus schon als Kind angezogen habe. "Mich hat das immer fasziniert, das Dunkle, das Dritte Reich." Auch Waffen habe er toll gefunden. Er habe eine Schleuder besessen, Ninjasterne, Messer, eine Schreckschusswaffe. Die habe er erst 2011 in den Rhein geworfen, als der NSU mit den Selbstmorden von Böhnhardt und Mundlos und der Verhaftung Zschäpes aufgeflogen war.

Im Zuge des Verhandlungstages wurde bekannt, dass die Ermittler während ihrer Untersuchungen etwa 500 Menschen aus dem mutmaßlichen Umfeld der NSU-Terrorgruppe untersuchten. Die Nebenklage reagierte verärgert.

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