NSU-Prozess : Carsten S. gibt Hinweise auf weiteren NSU-Anschlag

Unter Tränen hat der Angeklagte Carsten S. im NSU-Prozess versprochen, "reinen Tisch zu machen". Dann verriet er ein brisantes Detail.

Mitte 2000, ein Café in der Chemnitzer Innenstadt. Carsten S. hat eine Ceska 83 in der Tasche. Am Tisch mit ihm sitzen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, untergetaucht seit zwei Jahren. Sie seien immer bewaffnet, sagen sie ihm und deuten auf ihre Rucksäcke.

Carsten S. ist überrascht, er dachte, die Pistole in seinem Gepäck sei die erste für die Dreiergruppe. Die beiden Männer sagen, sie hätten in einem Nürnberger Geschäft "eine Taschenlampe hingestellt". S. versteht nicht, was das bedeuten soll. Bevor er nachfragen kann, kommt Beate Zschäpe dazu. "Psst, die darf das nicht wissen", sagen Böhnhardt und Mundlos. Die Begebenheit deutet darauf hin, dass die Männer die Hauptangeklagte Beate Zschäpe aus den Verbrechen herausgehalten haben könnten.

Beim Erzählen wird die Stimme von Carsten S. höher, er vergräbt das Gesicht in den Händen und beginnt zu weinen. Erst ist gar nicht klar, was ihn so mitnimmt – bereits in der vorigen Woche hatte er zur Waffenübergabe ausgesagt. Die von ihm gelieferte Ceska 83 ist die Waffe, mit der Böhnhardt und Mundlos höchstwahrscheinlich neun Menschen ermordeten.

Erst abends im Bett sei ihm der Gedanke gekommen, die beiden könnten aus dem Lampentubus eine Bombe gebaut haben, sagt S. "Aber das konnte ich mir nicht vorstellen."

Dieses neue Detail zur Waffenübergabe ist eine Überraschung für den Senat, die Nebenkläger und die Bundesanwälte. In seinen Gesprächen mit Ermittlern und dem psychiatrischen Gutachter Norbert Leygraf hatte S. den Satz mit der Taschenlampe nicht erwähnt. Es gab tatsächlich einen Anschlag, der dazu passen könnte: Im Juni 1999 wurde bei der Explosion einer Rohrbombe in einer Nürnberger Gaststätte ein 18-jähriger Putzmann verletzt.

Die Vernehmung von S. war in der vergangenen Woche unterbrochen worden, weil seine Verteidiger forderten, Leygraf müsse im Prozess anwesend sein. Das ist nun wieder der Fall. In teils ermüdender Detailfülle rekapitulierte der Angeklagte Begebenheiten aus seinem Weg in die rechte Szene, seiner Zeit dort und seinen Ausstieg. Es dauert, bis er zu der Tat kommt, die ihm zur Last gelegt wird.

Während der Aussage lehnt er sich über den Tisch, die Arme verschränkt, das Gesicht abgewandt von den Nebenklage-Anwälten im hinteren Teil des Saals. Von den Nebenklägern selbst ist niemand mehr gekommen.

S. spricht von seiner jugendlichen Begeisterung für das Dritte Reich, die SS und ihre Uniformen: "Mich hat das immer fasziniert, dieses Dunkle." Er erzählt von Rangeleien mit autonomen Linken und Schwärmereien für Hooligans. Auch von der Schreckschusspistole, die er damals gekauft und später in seinem Keller in Düsseldorf versteckt habe. Als der NSU 2011 aufgeflogen sei, habe er sie in den Rhein geworfen – "damit es nicht heißt: Der Sozialpädagoge wurde gefasst und bei dem wurden Waffen gefunden".

Alles, was er über den NSU weiß, hat er chronologisch in einer Tabelle aufgelistet. Dadurch kann er sich erinnern, wie die Dreiergruppe außer der Waffe noch 50 Kugeln gefordert habe. Und wie er später mit dem ebenfalls angeklagten Ralf Wohlleben telefoniert habe und der gesagt habe: "Die haben jemanden angeschossen." S. habe daraufhin gedacht: "Hoffentlich nicht mit der Waffe."

Nach der Aussage über das Treffen in einem Chemnitzer Café hakt Richter Manfred Götzl nach: Wie habe S. die Taschenlampe mit Sprengstoff in Verbindung gebracht? Wegen der Bombenwerkstatt, die der NSU früher in Jena unterhalten habe, antwortet S. Mehrfach fragt Götzl, warum er sich weder nach Details erkundigt, noch den Ermittlern etwas erzählt habe. S. zögert. "Ich bin erst jetzt zu dem Schluss gekommen, dass ich aufräumen muss." Er habe gefürchtet, dass Eltern und Freunde schlecht über ihn denken. Aber warum, fragt Götzl, habe er dann über alles andere ausgepackt? S. gelingt keine klare Antwort, er redet von seiner Angst, "konfrontiert zu werden". Wieder weint er: "Man muss sich seinen Geistern stellen!"

Nach der nächsten Prozesspause kann er nicht mehr, zittert, ist immer noch den Tränen nahe. Mehrmals bitten seine Anwälte den Richter, die Befragung zu verschieben. Der hat schließlich ein Einsehen.

Nun kann S. sich sammeln. Trotzdem wird er am nächsten Prozesstag beantworten müssen, warum er über ein mögliches Verbrechen geschwiegen hat, das nicht in der Anklageschrift auftaucht.

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Kommentare

10 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Gemunkel

"Psst, die darf das nicht wissen"
Ich denke das sollte man nicht überbewerten.
Das Trio lebte da schon ca 2 Jahre zusammen im Untergrund.
Weihen die Uwes nun den "Kleenen" ein, den sie während der Zeit ein paar mal gesehen haben ? So unter Männern ? Vielleicht war das bloss ein Insiderwitz...vielleicht weil der mit Zschäpe nix anfangen konnte ?