NSU-Prozess : Wer Döner aß, wurde ausgepeitscht

Im NSU-Prozess geht es weiter um die Nazi-Vergangenheit von Carsten S. Dabei kommt Erstaunliches über das Leben der Rechtsextremen ans Licht.

"Ich weiß es nicht." "Keine Ahnung." "Kann ich so jetzt nicht sagen." Seit Tagen geht das so. Der wegen Beihilfe zum Mord angeklagte Carsten S. hat im NSU-Prozess ausgepackt, wie er den mutmaßlichen Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt eine Pistole beschafft hat. Auch über seine Zeit in der rechtsextremen Szene steht er dem Gericht weiterhin Rede und Antwort. Allerdings besteht sein Wissen zu einem großen Teil aus der Überzeugung, nichts zu wissen.

Derzeit befragen den 33-Jährigen die Anwälte der Nebenkläger, also die Vertreter der Hinterbliebenen der Opfer und Überlebenden. Sie tun das stoisch, mit absoluter Detailverliebtheit. Sie werfen Namen in den Raum, fragen nach lange zurückliegenden Veranstaltungen und nach dem, was S. damals durch den Kopf ging.

Auch wenn S. ein ums andere Mal antwortet: "Ich weiß es nicht.": Für die Nebenkläger ist es eine der wenigen Chancen, Antworten von einem NSU-Insider zu bekommen. Denn die anderen Angeklagten schweigen.

Pornos statt rechtsextreme Propaganda

In der Befragung, die nun schon sechs Verhandlungstage andauert, geht es am Dienstag um die Rolle des Verfassungsschutzes in der rechtsextremen Szene. Wie die Kameraden mit der möglichen Unterwanderung durch Geheimdienste umgegangen seien, fragt die Anwältin Antonia von der Behrens. "Wir haben immer aufgepasst, am Telefon nicht groß was zu sagen, weil wir davon ausgegangen sind, dass wir abgehört werden", antwortet S.

Schließlich rückt der später enttarnte V-Mann und Anführer der rechten Organisation Thüringer Heimatschutz (THS), Tino Brandt, in den Fokus. Im THS organisierten sich in den neunziger Jahren auch Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt. Als freundlich aber anbiedernd habe er den Kameraden Brandt damals empfunden, sagt S. Bei Demonstrationen habe dieser die Order zum Losfahren gegeben, Brandt habe Eindruck gemacht, weil er ständig das Handy am Ohr gehabt habe. 

Hinter seinem Rücken hätten die rechtsextremen Mitstreiter hingegen weniger Respekt gehabt und getuschelt, Brandt sei "schwul oder bi".  Aus heutiger Sicht betrachte er ihn als "eigentlich arm", sagt S. Auch bezweifle er, dass sich der THS-Gründer tatsächlich mit der Ideologie identifiziert habe, weil er seinen Freunden lieber Pornos vorführte, statt die rechtsextreme Propaganda voranzutreiben.

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Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

"...dachten wirklich, sie würden Deutschland etwas politisch

Gutes tun..."
Ach WIRKLICH?
Welchem DEUTSCHLAND denn und WELCHEN Deutschen?
Mit welcher "GUTEN" Absicht denn?
Ist man jetzt hier schon wieder so weit, vor der Bühne der "NSU" öffentlich den "originalen" National"sozialismus" zu bagatellisieren, seine "Vorzüge" zu loben, Menschenverachtung, Herrenmenschentum, Rassismus, Xenophobie, Euthanasie, Kriegsverherrlichung, Todeskult und Holocaust als bloße Zufälle vom Nationalsozialismus zu trennen, obwohl es doch originäre und untrennbare Bestandteile dieser totalitären Ideologie von Beginn an waren und auch bei den Neonational"sozialisten" sind?
Welches "Gute" denn, und wo soll da der Unterschied sein zwischen Original und "Neo..."?