NSU-Prozess : Der Mann, der die Waffe besorgt hat

Im NSU-Prozess hat der erste Angeklagte ausgesagt: Carsten S. schilderte, wie er in die rechte Szene kam – und wie er die Mordwaffe anschaffte.

Weit über 13 Jahre ist es her, dass sie sich so nahe waren. Keine zwei Meter sitzt Carsten S. von der Hauptangeklagten Beate Zschäpe entfernt. Er und seine Verteidiger sind eine Bank nach vorn gerückt. In Richtung der Richter und eben auch in Richtung der früheren Komplizen. S. sitzt jetzt am selben Tisch wie Ralf Wohlleben, der ihn zum Laufburschen für die Jenaer Naziszene gemacht hatte. Damals.

Seine Vergangenheit in der rechten Szene liegt so weit zurück, dass Carsten S. sie innerlich wohl schon zu den Akten gelegt hatte, bis im November 2011 der NSU aufflog und der Verdacht aufkam, S. habe dem Trio eine Schusswaffe besorgt. Da entschied er sich, nichts zu verschweigen. Jetzt wartet die Öffentlichkeit gespannt auf die Aussage des Angeklagten, denn sie ist der erste direkte Einblick in die Geschichte des NSU. Zschäpe, Wohlleben und der ebenfalls angeklagte André E. wollen zu den Anklagevorwürfen schweigen, neben S. hat nur Holger G. eine Aussage angekündigt.

S. selbst hat ebenso lange auf den Tag gewartet, an dem er Rechenschaft ablegen kann – auch wenn es ihm schwerfällt: Als er zu Beginn des fünften Prozesstags in den Raum kommt, wirkt er missmutig und abgeschlagen. Er setzt sich zwischen seine Anwälte Jacob Hösl und Johannes Pausch, schält sich mühselig aus der blauen Kapuzenjacke. Die schwarzen Haare hängen ihm ins Gesicht, es fällt auf, wie mager er geworden ist im Vergleich zu früheren Fotos von ihm. Natürlich belastet ihn der Prozess. Mit der Aussage will S. sich Erleichterung verschaffen.

Die ist ihm nicht sofort vergönnt. In zwei Wochen Prozesspause hatten Verteidigung und Nebenkläger reichlich Zeit, neue Anträge auszuarbeiten. Zschäpes Anwältin Anja Sturm fordert, das Verfahren einzustellen, wegen der angeblichen Vorverurteilung ihrer Mandantin in der Öffentlichkeit, dem undurchsichtigen Netz an V-Leuten bei den Verfassungsschutzämtern und den Aktenvernichtungen. Mehrere Anwälte der Nebenklage wollen mit Richter Manfred Götzl klären, ob sich Mitarbeiter von BKA, Landeskriminalämtern oder dem Verfassungsschutz unter den Zuschauern befinden – sie befürchten, dass das Wissen um deren Anwesenheit die Zeugen beeinflusst. Schließlich könnten sie detaillierte Berichte erstellen und Informationen an verdächtige V-Männer weitergeben. "Dann geht die Frage an die Zuschauer, ob jemand im behördlichen Auftrag da ist", sagt Götzl. Auf der Zuschauertribüne bricht Lachen aus. Kein Behördenspitzel meldet sich freiwillig.

S. nennt zahlreiche Namen

Dann, um 15.45 Uhr, ist Carsten S. doch noch dran. Seine Stimme ist fest, doch er stockt. "Erzähl‘ einfach", raunt ihm Anwalt Hösl zu. Dann spannt er den Bogen von seiner Geburt 1980 im indischen Neu-Delhi, wo sein Vater als Vertreter des Jenaer Unternehmens Carl Zeiss unterwegs war, zu seiner schwierigen Jugend. In seiner Aussage verwebt er die Geschichte seines Coming-Outs, seines Ein- und Ausstiegs in die rechte Szene von Jena und der Tat, wegen der er angeklagt ist: die Lieferung einer Ceska 83 an den NSU. Die Waffe, mit der neun Migranten erschossen wurden.

Mit 13 habe er gemerkt, "dass etwas nicht stimmt", als er merkte, dass er sich zu Männern hingezogen fühlte. Nach der Wende ließ er die Mutter gebrauchte Markenklamotten für ihn kaufen, denn er wollte dazugehören – also versteckte er auch seine Homosexualität.

Nach einer abgebrochenen Konditorlehre fing er eine Ausbildung als Kfz-Lackierer an. In der Berufsschule in Eisenach lernte er einen jungen kennen. Einen Nazi. Daraufhin zog es ihn langsam in den braunen Freundeskreis, er kaufte Kleidung und CDs im Jenaer Laden "Medley". Zudem machte er schnell Karriere in der NPD und deren Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten.

S. nennt zahlreiche Namen. Den von André K. etwa, eines ebenfalls als sehr eifrig geltenden mutmaßlichen NSU-Helfers, gegen den die Behörden ermitteln. Zudem den von K.s Bruder Christian, mit dem er einst im Mathe-Nachhilfeunterricht saß und den er 1997 auf einer NPD-Demonstration in München traf. Wann er Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe zum ersten Mal getroffen habe, will er nicht mehr genau wissen. Einer der Uwes habe sie mal zu einer Demonstration gefahren. Ralf Wohlleben habe zeitweise gegenüber von seinem Elternhaus gewohnt.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Bitte Infos

2."Was soll das bitte sein? Das ist ja die Sprache aus einem billigen Groschenroman oder so etwas. Es tut wirklich weh, das zu lesen. Langsam wird es wirklich absurd."

dem kann ich nur beistimmen!
gleichzeitig suche ich bisherr vergeblich die Berichte über die Gerichtsverhandlungen der Lee Rugby-Mörder,da gäbe es einiges zu berichten von den Gerichtsanhörungen.Bitte an zeit online um Infos.