ZEIT ONLINE: Herr Saß, Gustl Mollath muss weiter in der Psychiatrie bleiben. Warum kann jemand gegen seinen Willen dort untergebracht werden?

Henning Saß: Herr Mollath befindet sich nicht in einem "normalen" psychiatrischen Krankenhaus sondern in einem Maßregelvollzugskrankenhaus. Für die Unterbringung gibt es drei Vorraussetzungen im Gesetz: Der Betroffene hat eine Straftat begangen, er ist psychisch krank und es gibt die Prognose, dass er auch in Zukunft gefährliche Straftaten verüben könnte. Die Strafvollstreckungskammer in Bayreuth hat im Fall Mollath jetzt offenbar entschieden, dass diese Voraussetzungen weiter vorliegen. Wichtig: Über die Unterbringung im Maßregelvollzug entscheiden die Gerichte und nicht Psychiater.

ZEIT ONLINE: Aber die Psychiater legen dem Richter ein Gutachten vor. Sie sagen, ob sie jemanden für gefährlich halten.

Saß: Der Psychiater beschreibt für das Gericht in der Regel den psychischen Befund des Probanden, stellt eine Diagnose und versucht, eine Prognose abzugeben, wie dieser sich künftig verhalten wird. Das Gericht beurteilt, ob es das Verhalten gefährlich findet. Im Gesetz heißt es, eine Unterbringung im Maßregelvollzug ist dann notwendig, wenn die Gefahr besteht, dass ein Mensch Taten begeht, die "für die Allgemeinheit gefährlich" sind. Die Auslegung im Einzelfall ist Ermessenssache des Gerichts. So ist es auch im Fall Mollath.

ZEIT ONLINE: Sie sind Gerichtspsychiater und haben schon viele Angeklagte auf ihren Geisteszustand hin begutachtet. Wie stellt man fest, ob und wie sehr jemand psychisch erkrankt ist?

Saß: Durch Gespräche mit dem Betroffenen im Rahmen einer ausführlichen psychiatrischen Untersuchung, durch ihr Verhalten während des Prozesses, durch Ermittlungsakten, Schilderungen von Angehörigen, Zeugen und so weiter.

ZEIT ONLINE: Oft sprechen Angeklagte aber nicht mit den Psychiatern. Auch Mollath verweigert eine Begutachtung sowie Medikamente.

Saß: Das ist das Recht der Betroffenen und das muss man akzeptieren. Aber für uns ist das natürlich sehr bedauerlich, denn so ist die Beurteilungsgrundlage geschmälert. Wir greifen dann auf Informationen aus der Biografie der Person zurück, auf Angaben von Zeugen, Ermittlungsakten und Arztberichte.

ZEIT ONLINE: Vermeintliche Zeugen, die diffamierend über einen Menschen reden, wird man immer finden, oder?

Saß: Das ist genau die Herausforderung unserer Arbeit. Sie können sich darauf verlassen, dass Psychiater immer das Gesamtbild berücksichtigen und sich nicht nur auf eine Quelle verlassen. Je mehr Informationen vorliegen, desto dichter wird das Bild. Nicht alle psychiatrischen Gutachten kommen übrigens zu einem absoluten Schluss. Wenn wir Zweifel haben, ob jemand wirklich krank ist, dann schreiben wir das auch rein.

ZEIT ONLINE: Mollath wird vorgeworfen, seine Frau geschlagen und gewürgt zu haben. Er soll außerdem Autoreifen aufgestochen und die Hypovereinsbank sowie öffentliche Stellen in Bayern mit Briefen bombardiert haben. Reicht das wirklich für den Vorwurf der Gemeingefährlichkeit?

Saß: Ich habe Herrn Mollath nicht untersucht, daher kann ich über den Einzelfall nichts sagen. Seine Unterbringung wird jedes Jahr erneut gerichtlich geprüft. Offenbar liegen Anhaltspunkte dafür vor, dass er weiter gefährlich ist, jedenfalls scheint die Strafvollstreckungskammer das so zu sehen.