Karlsruher UrteilEin kleiner Sieg für die Ehe

Konservative bekämpfen die steuerliche Gleichstellung von Homo-Ehen. Dabei sollten sie sich freuen, wenn Homosexuelle gleichberechtigt heiraten können, meint L. Greven. von 

Das Bundesverfassungsgericht hat an diesem Donnerstag die Institution der Ehe gestärkt, nicht geschwächt. Dass homosexuelle Lebenspartnerschaften heterosexuellen nun auch steuerlich gleichgestellt werden, sollte Anhänger der Ehe eigentlich erfreuen. Denn es unterstreicht nur, dass auch Schwule und Lesben sich in einer konservativen Weise binden möchten, allerdings dann auch mit den gleichen Rechten (und Pflichten).

Das Erstaunliche ist jedoch, dass viele Ehe-Verfechter die Homo-Ehe als Angriff auf diese "letzte Bastion" einer – wie sie es sehen – untergehenden bürgerlichen Gesellschaft und Moral betrachten. Im Vorfeld der absehbaren Karlsruher Entscheidung ist darum ein regelrechter Kulturkampf entbrannt, ähnlich wie in anderen Ländern, zum Beispiel wie in Frankreich

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Die Homo-Ehe dient dabei im Grunde aber nur als Chiffre. Es geht – neben einer immer noch verbreiteten Homophobie –  um das Gefühl, dass die intimste und zugleich öffentlich-rechtliche Form, in der Menschen zusammenleben, zunehmend bedroht ist: die Ehe und Familie als gerne beschworene "Keimzelle der Gesellschaft".

40 Prozent aller Ehen werden heute geschieden. Paare, ob getraut oder nicht, ob hetero- oder homosexuell, gehen auseinander, obwohl sie sich einst Liebe und Treue geschworen hatten für immer und ewig. Sie scheitern an Unverträglichkeit oder allmählicher Entfremdung der Partner, an äußeren Umständen oder Belastungen durch beruflichen Stress, Krankheiten, Kinder oder finanzielle Probleme. Manche Paare bleiben dennoch zusammen, der Kinder, Verwandten oder des guten Rufs wegen, aus steuerlichen und finanziellen Gründen, oder weil sie sich weiter füreinander verantwortlich fühlen. Aber sie müssen es heute nicht mehr. Sie stehen nicht mehr moralisch oder gesellschaftlich unter Druck, in einer Zwangsgemeinschaft namens Ehe zu bleiben.    

Nicht die Homo-Ehe bedroht die Ehe

Viele entscheiden sich deshalb heute dafür, gar nicht erst zu heiraten und einfach so einen Bund fürs Leben oder eine Partnerschaft aus Zeit einzugehen. Sie pfeifen auf die steuerlichen und sonstigen Privilegien, die Ehepaare genießen, weil sie sich nicht in ein Korsett zwängen möchten, weil sie die Ehe schlicht für überholt halten oder weil sie die rechtlichen und sozialen Versorgungslasten fürchten, die damit verbunden sind. 

Beide Trends, das Zerbrechen vieler Ehen wie der Verzicht einer wachsenden Zahl von Menschen auf das amtliche Treue- und Beistandsgelöbnis, stellt diese gesellschaftliche Institution infrage. Nicht die wenigen Tausend Schwule und Lesben, die sich trauen, sich trauen lassen zu wollen.

Der Kampf gegen die Homo-Ehe steht so gesehen für etwas ganz anderes: Die Angst, dass die Pluralisierung und Liberalisierung der Lebensformen genauso wie die rasante Globalisierung und Ökonomisierung des Lebens die tradierten sozialen und moralischen Fundamente der Gesellschaft völlig untergraben. Und dass am Ende jeder für sich selbst steht und alleine dem Wirbelsturm des Lebens ausgesetzt ist, ohne Schutz einer Ehe, Partnerschaft oder Familie.

Davor kann man wirklich Angst bekommen. Aber nicht davor, dass auch Homosexuelle den vermeintlich sicheren Hafen der Ehe ansteuern möchten.

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Leserkommentare
  1. ...fühlen sich grundsätzlich von allen Menschen bedroht, die nicht genau so leben und denken wie sie selbst. Und die Tatsache, dass es da draußen noch andere Menschen mit anderen Meinungen gibt, könnte ja bedeuten, dass die eigene Sichtweise nicht die einzige Wahrheit ist.
    Meiner Meinung nach liegt das an einem Minderwertigkeitskomplex. Wer sich einer Sache wirklich sicher ist, hat auch kein Problem damit, auch anderen Meinungen zuzulassen.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf krude und unsachliche Äußerungen. Die Redaktion/mak

    ... für das Thema. Die Homosexuellen-Bewegung ist keine Ideologie; die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz ist ein grundsätzliches Prinzip unseres Grundgesetzes, in dessem Sinne das Bundesverfassungsgericht ja auch entschieden hat. Homosexualität als Variante menschlicher Sexualität ist auch keine Ideologie, sondern ein Phänomen. Sie ist daher so wenig totalitär wie das Wetter.

    Und es mag Ihnen noch nicht aufgefallen sein, aber Schwule und Lesben arbeiten wie andere Menschen auch; sie schaffen Werte, heilen Menschen, unterrichten Kinder oder wahren die öffentliche Ordnung. Dies sind alles Beiträge zu einer funktionierenden Gesellschaft und einer Zukunft.

    die passen so richtig in Ihr Karrikaturenbild von Konservativen.
    Gott sei Dank sind es aber nur manche.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/sam

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    • plutoo
    • 06. Juni 2013 19:14 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/sam

    • Fdgo1
    • 06. Juni 2013 19:20 Uhr

    @2
    die Oma ihr Einkommen und Vermögenmit keinem anderen Menschen gesetzlich zwingend hälftig teilen muss. Deshalb brauchen wir zwingend das Splitting.
    Man muss sich einfach mal informieren. Empfehlung Wikipedia Stichwörter: Steuersplitting I bis III und Ehegattensplitting.

    Es ist doch überhaupt nicht einzusehen, warum bei der verfassungsgemäßer Ausgestaltung der Ehe als Wirtschaftsgemeinschaft mit innerer Gestaltungsfreiheit ein Alleinverdiener mehr Steuer zahlen müsste als ein Ehepaar, das sich die gleiche Arbeitsstelle hälftig teilt. Völlig absurd.

    Die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft ist aber vom Gesetzgeber nahezu ehegleich ausgestaltet und nur deshalb ist sie nicht "bloße, lose Lebensgemeinschaft" gegenüber der die Ehe besser gestellt werden muss.

    Insofern stärkt das Urteil nicht nur die Ehe - wie es im Artikel heißt - sondern auch das Ehegattensplitting.

    Selbstverständlich werden die ersten "Wegredner" kommen. Den Steuerexperten der Parteien wird die Erkenntnis aber kaum entgehen. Nur müssen sie es endlich ihren Parteifreunden beibringen und die ideologischen Scheuklappen ablegen.

    "40 % der Ehe scheitern" Gibt es eine Statistik in wie vielen Fällen mehrfach gescheiterte Beziehungen erfasst sind?
    Wenn weitgehend Bindungsunfähige mehrfach heiraten, sollte beachtet werden, dass damit mehr als 60 bis 70 % der Ehen das ganze Leben halten und 91 % der Ehen Kinder haben.

    § 1353 BGB: "(1) Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen ..."

    • plutoo
    • 06. Juni 2013 19:14 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/sam

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
  3. Leider wird nie auf ein Gruncproblem hingewiesen. Der Vermischung der "religiösen Ehecshließung" mit dem staatlichen Rechstinstitut. Wenn man das komplett trennen würde, gäbe es deutlich weniger Stress.
    Allerdings auch weniger Staatseinfluß auf die kirchliche Ehe

    3 Leserempfehlungen
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    jedoch ist die positive Seite: weniger kirchlicher Einfluß auf die staatliche Ehe.

    Ich träume von einen säkularen Staat.....

    Dafür müßte man allerdings C-Parteien abschaffen....und mehr...

    • _bla_
    • 06. Juni 2013 19:27 Uhr

    <em>Der Vermischung der "religiösen Ehecshließung" mit dem staatlichen Rechstinstitut. Wenn man das komplett trennen würde, gäbe es deutlich weniger Stress.</em>

    Die Konsequenz davon wäre dann aber wohl, das der Staat die staatlichen Ehen abschaffen müsste. Es könnte dann staatliche Verpartnerungen für alle geben, aber die Ehe bleibt ein Ritual welches von religiösen und weltanschaulichen Gruppen durchgeführt wird aber ohne rechtliche Bedeutung ist. So wie es etwa auch keine "staatliche Konfirmation" oder "staatliche Jugendweihe" bei uns gibt.

    <em>„Leider wird nie auf ein Gruncproblem hingewiesen. Der Vermischung der "religiösen Ehecshließung" mit dem staatlichen Rechstinstitut. Wenn man das komplett trennen würde, gäbe es deutlich weniger Stress.“</em>

    Ich glaube, da hinken Sie etwas hinterher: Diese komplette Trennung wurde nämlich mit dem Personenstandsrechtsreformgesetz schon vor Jahren vorgenommen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Personenstandsrechtsreformgesetz

    <em>Allerdings auch weniger Staatseinfluß auf die kirchliche Ehe“</em>

    Nicht nur weniger, sondern gar keinen. Das bis 2009 geltende Verbot der kirchlichen „Voraustrauung“ bedeutete nämlich eigentlich eine Aufwertung der kirchlichen Trauung – denn nur, was von Bedeutung ist, muss man verbieten. Objektiv betrachtet gehen den Staat kirchliche Trauungsrituale aber so wenig an wie Tauf-, Firm- oder Beerdigungsrituale.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Verbot_der_religi%C3%B6sen_Voraustrauung

  4. ...sehr gut auf den Punkt gebracht (der Artikel von Herrn Greven).
    Habe heute die Artikel einiger großer Zeitungen im Netz, vielmehr die Kommentarbereiche, zu diesem Thema verfolgt:
    unglaublich, wie viele Konservative sich und die Gesellschaft ("Ihre" Gesellschaft) durch den Urteilsspruch bedroht fühlen.

    Aber auch wieder nicht unglaublich: Konservative wollen konservieren, jeder gesellschaftliche Wandel ist ihnen suspekt, sie fühlen sich in Ihrem Konservierungsbestreben bedroht.

    Nun, das ist ihr Recht.
    Lassen wir sie.
    Hinter uns.

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    Link entfernt. Bitte beachten Sie, dass wir auf diese Seite nicht verlinken möchten. Die Redaktion/au

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf krude und unsachliche Äußerungen. Die Redaktion/mak

  5. jedoch ist die positive Seite: weniger kirchlicher Einfluß auf die staatliche Ehe.

    Ich träume von einen säkularen Staat.....

    Dafür müßte man allerdings C-Parteien abschaffen....und mehr...

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Super - überfällig "
    • Fdgo1
    • 06. Juni 2013 19:20 Uhr

    @2
    die Oma ihr Einkommen und Vermögenmit keinem anderen Menschen gesetzlich zwingend hälftig teilen muss. Deshalb brauchen wir zwingend das Splitting.
    Man muss sich einfach mal informieren. Empfehlung Wikipedia Stichwörter: Steuersplitting I bis III und Ehegattensplitting.

    Es ist doch überhaupt nicht einzusehen, warum bei der verfassungsgemäßer Ausgestaltung der Ehe als Wirtschaftsgemeinschaft mit innerer Gestaltungsfreiheit ein Alleinverdiener mehr Steuer zahlen müsste als ein Ehepaar, das sich die gleiche Arbeitsstelle hälftig teilt. Völlig absurd.

    Die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft ist aber vom Gesetzgeber nahezu ehegleich ausgestaltet und nur deshalb ist sie nicht "bloße, lose Lebensgemeinschaft" gegenüber der die Ehe besser gestellt werden muss.

    Insofern stärkt das Urteil nicht nur die Ehe - wie es im Artikel heißt - sondern auch das Ehegattensplitting.

    Selbstverständlich werden die ersten "Wegredner" kommen. Den Steuerexperten der Parteien wird die Erkenntnis aber kaum entgehen. Nur müssen sie es endlich ihren Parteifreunden beibringen und die ideologischen Scheuklappen ablegen.

    "40 % der Ehe scheitern" Gibt es eine Statistik in wie vielen Fällen mehrfach gescheiterte Beziehungen erfasst sind?
    Wenn weitgehend Bindungsunfähige mehrfach heiraten, sollte beachtet werden, dass damit mehr als 60 bis 70 % der Ehen das ganze Leben halten und 91 % der Ehen Kinder haben.

    § 1353 BGB: "(1) Die Ehe wird auf Lebenszeit geschlossen ..."

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
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    Ihrem Kommentar ist entgegenzuhalten, dass der statistische Wert auch die Ehen der geburtenstärksten Jahrgänge um 1941 erfasst, also dort wo traditionelles "Aushalten" am wahrscheinlichsten zu verorten ist.

    Schaut man sich in Generation ihrer Kinder also der heute +/- 40jährigen um dürfte die Quote wesentlich höher liegen, in meinem Umfeld um die 70%. Auch mehrere Kinder halten nicht von Trennungen ab.

    Und die die es trotzdem miteinander aushalten, tun es oft quasi "zweckentfremdet" oder weil ihnen z.B. wirtschaftlich nichts anderes übrig bleibt. Wer halbwegs lebenstüchtig ist, zwingt sich nicht mehr zu einer leergelaufenen Ehe/Beziehung. Die heile Welt von Ehe und Familie ist tendenziell eher Wunschdenken.

    Wenn Menschen wie wir hier und jetzt in Dt. grundversorgt sind - und das sind wir alle (!) - rutscht die Bedüfnis-Skala eben eine Etage nach oben und es geht um individuelle Bedürfnisse und deren Realisierung.

    • _bla_
    • 06. Juni 2013 19:22 Uhr

    Bei der Ablehnung der Homo-Ehe geht es eher darum, gegen die Aufweichung des traditionellen Ehebegriffs, nachdem die Ehe immer auch als Fortpflanzungsgemeinschaft verstanden wurde, zu protestieren. Und während man schlecht gegen kinderlose Hetero-Ehen protestieren kann, kann man gegen die Homoehe durchaus protestieren. Sie ist das Symbol schlechthin für die Aufweichung des traditionellen Ehebegriffs.

    Besonders deutlich zeigt sich das in Frankreich, wo es keine großen Widersprüche gegen ein weiterreichendes Lebenspartnerschaftsgesetz gab, wohl aber gegen die Öffnung der normalen Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.

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    Wenn es nur um die Begriffe "Ehe" vs. "eingetragene Lebenspartnerschaft" geht, wäre es vielleich einfacher, die (beim Standesamt) "eingetragene Lebenspartnerschaft" auch für verschiedengeschlechtliche Paare zu öffnen...

    Man könnte den Begriff "Ehe" dann ja als Abkürzung für "eingetragene heterosexuelle Einheit" redefinieren...

    Dann müßte es auch verboten sein, daß Frauen mit über 50 heiraten, weil sie ja das gebärfähige Alter hinter sich haben.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Ehe | Bundesverfassungsgericht | Familie | Homo-Ehe | Partnerschaft | Karlsruhe
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