Ein Musterbogen mit dem Logo des Zensus 2011 © dpa/picture alliance

Mehr als zwei Jahre liegt der Stichtag des Zensus 2011 bereits zurück, dessen erste Ergebnisse am Freitag veröffentlicht wurden. Dennoch werden die eigentlich nicht mehr ganz so aktuellen Daten Deutschland noch einige Zeit beschäftigen. Denn die erste Vollerhebung der deutschen Bevölkerung seit 20 Jahren hat einige Auswirkungen – besonders, wenn es um die Verteilung öffentlicher Gelder geht. Bereits kurz nach der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse brachten sich daher Kommunen, Länder, Verbände und wissenschaftliche Institute in Position.

Besonders bei der Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer lagen die Statistiker daneben – und das ist aus vielerlei Gründen bemerkenswert. Nahezu 1,1 Millionen weniger Menschen mit fremdem Pass als geschätzt lebten 2011 in Deutschland. Das sind 15,9 Prozent weniger als angenommen. Die fehlenden Ausländer machen den überwiegenden Teil des nun errechneten Bevölkerungsverlusts aus. 

Schon vor Veröffentlichung der Zahlen haben Forscher ein Umdenken der Bundesrepublik bei der Einwanderung gefordert. Diese Forderungen werden durch die Ergebnisse des Zensus unterstrichen. So hatte etwa eine Studie der Bertelsmann-Stiftung vor einer Woche darauf hingewiesen, dass der Sozialstaat von Einwanderung nicht belastet wird, sondern davon profitiert. Je mehr qualifizierte Einwanderer nach Deutschland kämen, umso stärker würden die Sozialsysteme profitieren.

Ohne ein Mehr an Zuwanderung werde das Potenzial an Erwerbstätigen bis 2050 von heute 45 auf dann 27 Millionen Menschen sinken, hat Herbert Brückner, Forschungsbereichsleiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in der Studie vorgerechnet. Aktuell kommen immer mehr qualifizierte Einwanderer ins Land: 2009 etwa hatten bereits 43 Prozent der Neuzuwanderer einen Hochschul-, Meister- oder Technikerabschluss. Damit hatte sich diese Quote seit dem Jahr 2000 annähernd verdoppelt. "Die Struktur der Einwanderung nach Deutschland hat sich verändert", sagt Brücker.

Forscher fordern gezielte Steuerung von Zuwanderung

Noch profitiert Deutschland davon, dass sich die wirtschaftliche Situation in anderen Ländern verschlechtert hat – zuletzt etwa in den südeuropäischen Staaten. Doch nur mit einer gezielten Steuerung der Einwanderung, etwa mit gestuften Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen für Hochqualifizierte, Fachkräfte in Mangelberufen, Bildungszuwanderer und temporäre Fachkräfte, sei dieser positive Trend zu halten, glauben die Arbeitsmarktforscher.

Zudem fordern die Wissenschaftler ein Gesamtpaket aus Lebensqualität, Sicherheit, Infrastruktur und Perspektiven für Angehörige. "Die erste Aufgabe ist, gut qualifizierte Einwanderer zu gewinnen – die zweite Aufgabe lautet, sie zu halten", sagte Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, bei der Vorstellung der Studie.

Auch das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln zog in einer ersten Reaktion auf die Zensus-Zahlen ähnliche Schlüsse: "Um die Zahl der Einwohner hierzulande zu stabilisieren, ist es wichtig, Deutschland für Zuwanderer attraktiv zu machen", teilte IW mit.

Mehr Zuwanderung lohnt sich volkswirtschaftlich, davon sind die Forscher überzeugt: Untersuchungen hätten gezeigt, dass mehr Menschen mehr Wirtschaftswachstum mit sich brächten. Eine Zunahme der jährlichen Nettozuwanderung um 100.000 Menschen erhöhe die jährliche Wachstumsrate des Bundesinlandsproduktes langfristig um 0,2 Prozentpunkte, sagt das IW.