Die US-amerikanische Gesellschaft lebt eine Kultur der Angst, und das nicht erst seit 9/11. Vom exzessiv gepflegten Recht auf Waffenbesitz bis hin zur Sorge, nicht schlank oder kommerziell erfolgreich genug zu sein: Angst bestimmt den Alltag. In der New Yorker U-Bahn sieht man Werbung für Feuermelder mit dem Foto eines verbrannten Mädchengesichts, dazu der Slogan: "Sie kennt das schlimmste Geräusch, das ein Feuermelder machen kann – Stille!" Selbst das Mietshaus in Philadelphia, in dem ich seit ein paar Jahren mit meiner Frau Marie lebe, ist in Waschküche und Fitnessstudio videoüberwacht.

Marie ist Amerikanerin, ich bin Deutscher. Bevor ich mit ihr zusammenzog, hatte ich mir in New York ein Apartment mit einem Paar geteilt, dessen weibliche Hälfte, Melissa, meistens auf der Couch vor dem Fernseher saß und Gras rauchte. Einmal unterhielten wir uns über meine Gründe, aus Deutschland wegzugehen und was mich dort störte. Sie sagte nur: "Du wirst noch lernen, Amerika genauso zu hassen." In der Rückschau erscheint sie mir wie ein bekifftes Orakel.

Für mich ist es selbstverständlich, täglich die politischen Entwicklungen zu verfolgen. Marie aber reagiert wie viele US-Bürger, die ich kenne: Sie sucht die Abkehr von Konflikten, will nach 9/11, Afghanistan- und Irakkrieg nur zurück in die Seifenblase einer heilen amerikanischen Welt.

Marie ist Lehrerin, jeden Morgen spricht sie mit ihren Schülern den Flaggeneid. Sie raucht nicht und trinkt weder Alkohol noch Kaffee. Sie hat Obama gewählt, ist für Homosexuellenrechte, gegen Waffen und auch nicht sonderlich religiös. Marie sieht sich selbst als liberal. An der Ostküste gehört es zum guten Ton, liberal zu sein.

Hinter dieser politisch korrekten, liberalen Fassade verbergen sich auch konservative Werte: Wer böse ist, gehört ins Gefängnis. Wer sehr böse ist, auf den elektrischen Stuhl. Sexualstraftäter? Dürfen selbstverständlich im Internet mit Foto und Wohnsitz identifiziert und an den öffentlichen Pranger gestellt werden. Der Attentäter von Boston? Erst foltern, dann töten!

In der Seifenblase einer heilen Welt

Oft bemühe ich mich bei diesen Themen um eine Diskussion. Ich argumentiere, dass auch Verbrecher Menschenrechte hätten, dass man durch das rigide Wegsperren der halben Bevölkerung nicht die Ursachen bekämpft, sondern nur die Symptome, dass es keine absolute Sicherheit gibt und der Überwachungsstaat die Freiheit zerstören wird. Darauf reagiert Marie mit Flucht in die schützende Seifenblase. Die Debatte endet mit dem Satz: "I don’t wanna talk about it anymore!" 

Wenn wir bei Freunden zu Gast sind, zum Beispiel bei der Familie Horrocks, habe ich politisches Sprechverbot. Miriam Horrocks ist die Witwe des Co-Piloten, dessen Flugzeug am 11. September den zweiten Turm traf. Heute ist sie wieder verheiratet, ihr Mann Paul ist überzeugter Republikaner.

Marie und ich sitzen beim Essen mit der Familie, ihren vier Kindern, es wird gebetet. Die älteste Tochter Christa erzählt vom Buch Schnee, der auf Zedern fällt und sagt, dass sie die Probleme von Minderheiten in den USA verstehen kann. Ihr Stiefvater ignoriert dies. Dann kommt die Rede auf den Amoklauf von Fort Hood. Miriam ist sofort klar, dass Al-Kaida dahinter steckt, Paul sagt, man müsste sie alle wegsperren und sich selbst überlassen. Marie schweigt, weil sie der Mehrheitsmeinung folgt. Ich schweige, weil ich nicht auf der Couch schlafen will.

Angst vor Terror, Angst vor Außerirdischen

Viele Amerikaner, die ich kenne, sind voller Angst. Vielleicht hat in den USA schon immer eine Angstkultur geherrscht, und zwar so ausgeprägt, dass sie irrationale Folgen hat. Als zum Beispiel 1938 das auf Science-Fiction basierende Hörspiel Krieg der Welten im Radio übertragen wurde, löste es eine Massenhysterie aus – weil zwei von sechs Millionen amerikanischer Zuhörer den Angriff von Außerirdischen für real hielten.

Es gibt keinen ultimativen Schutz. Vor Außerirdischen ebenso wenig wie vor realen Gefahren. Im Versuch, das Ideal einer unangreifbaren Gesellschaft zu errichten, zerstören die USA alles, was ihre Gesellschaft lebenswert macht. Die Demokraten haben meine Hoffnung auf eine politische Alternative zerstört, indem sie das Erbe der Bush-Zeit übernahmen und legitimierten. Barack Obama mag den Krieg gegen den Terror offiziell für beendet erklärt haben. Der NSA-Staat im Staate aber wird bleiben. Und die USA bleiben eine Weltmacht mit Verfolgungswahn.