Leserartikel

USAVerfolgungswahn im Land der Freiheit

Aus Angst akzeptieren US-Amerikaner Überwachung eher als Deutsche. Leser Christian Sauerborn erlebt es jeden Tag: Er ist mit einer Amerikanerin verheiratet. von 

Überwachungskamera vor dem One World Trade Center in New York

Überwachungskamera vor dem One World Trade Center in New York  |  ©Mario Tama/Getty Images

Die US-amerikanische Gesellschaft lebt eine Kultur der Angst, und das nicht erst seit 9/11. Vom exzessiv gepflegten Recht auf Waffenbesitz bis hin zur Sorge, nicht schlank oder kommerziell erfolgreich genug zu sein: Angst bestimmt den Alltag. In der New Yorker U-Bahn sieht man Werbung für Feuermelder mit dem Foto eines verbrannten Mädchengesichts, dazu der Slogan: "Sie kennt das schlimmste Geräusch, das ein Feuermelder machen kann – Stille!" Selbst das Mietshaus in Philadelphia, in dem ich seit ein paar Jahren mit meiner Frau Marie lebe, ist in Waschküche und Fitnessstudio videoüberwacht.

Marie ist Amerikanerin, ich bin Deutscher. Bevor ich mit ihr zusammenzog, hatte ich mir in New York ein Apartment mit einem Paar geteilt, dessen weibliche Hälfte, Melissa, meistens auf der Couch vor dem Fernseher saß und Gras rauchte. Einmal unterhielten wir uns über meine Gründe, aus Deutschland wegzugehen und was mich dort störte. Sie sagte nur: "Du wirst noch lernen, Amerika genauso zu hassen." In der Rückschau erscheint sie mir wie ein bekifftes Orakel.

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Für mich ist es selbstverständlich, täglich die politischen Entwicklungen zu verfolgen. Marie aber reagiert wie viele US-Bürger, die ich kenne: Sie sucht die Abkehr von Konflikten, will nach 9/11, Afghanistan- und Irakkrieg nur zurück in die Seifenblase einer heilen amerikanischen Welt.

Marie ist Lehrerin, jeden Morgen spricht sie mit ihren Schülern den Flaggeneid. Sie raucht nicht und trinkt weder Alkohol noch Kaffee. Sie hat Obama gewählt, ist für Homosexuellenrechte, gegen Waffen und auch nicht sonderlich religiös. Marie sieht sich selbst als liberal. An der Ostküste gehört es zum guten Ton, liberal zu sein.

Hinter dieser politisch korrekten, liberalen Fassade verbergen sich auch konservative Werte: Wer böse ist, gehört ins Gefängnis. Wer sehr böse ist, auf den elektrischen Stuhl. Sexualstraftäter? Dürfen selbstverständlich im Internet mit Foto und Wohnsitz identifiziert und an den öffentlichen Pranger gestellt werden. Der Attentäter von Boston? Erst foltern, dann töten!

In der Seifenblase einer heilen Welt

Oft bemühe ich mich bei diesen Themen um eine Diskussion. Ich argumentiere, dass auch Verbrecher Menschenrechte hätten, dass man durch das rigide Wegsperren der halben Bevölkerung nicht die Ursachen bekämpft, sondern nur die Symptome, dass es keine absolute Sicherheit gibt und der Überwachungsstaat die Freiheit zerstören wird. Darauf reagiert Marie mit Flucht in die schützende Seifenblase. Die Debatte endet mit dem Satz: "I don’t wanna talk about it anymore!" 

Wenn wir bei Freunden zu Gast sind, zum Beispiel bei der Familie Horrocks, habe ich politisches Sprechverbot. Miriam Horrocks ist die Witwe des Co-Piloten, dessen Flugzeug am 11. September den zweiten Turm traf. Heute ist sie wieder verheiratet, ihr Mann Paul ist überzeugter Republikaner.

Marie und ich sitzen beim Essen mit der Familie, ihren vier Kindern, es wird gebetet. Die älteste Tochter Christa erzählt vom Buch Schnee, der auf Zedern fällt und sagt, dass sie die Probleme von Minderheiten in den USA verstehen kann. Ihr Stiefvater ignoriert dies. Dann kommt die Rede auf den Amoklauf von Fort Hood. Miriam ist sofort klar, dass Al-Kaida dahinter steckt, Paul sagt, man müsste sie alle wegsperren und sich selbst überlassen. Marie schweigt, weil sie der Mehrheitsmeinung folgt. Ich schweige, weil ich nicht auf der Couch schlafen will.

Angst vor Terror, Angst vor Außerirdischen

Viele Amerikaner, die ich kenne, sind voller Angst. Vielleicht hat in den USA schon immer eine Angstkultur geherrscht, und zwar so ausgeprägt, dass sie irrationale Folgen hat. Als zum Beispiel 1938 das auf Science-Fiction basierende Hörspiel Krieg der Welten im Radio übertragen wurde, löste es eine Massenhysterie aus – weil zwei von sechs Millionen amerikanischer Zuhörer den Angriff von Außerirdischen für real hielten.

Es gibt keinen ultimativen Schutz. Vor Außerirdischen ebenso wenig wie vor realen Gefahren. Im Versuch, das Ideal einer unangreifbaren Gesellschaft zu errichten, zerstören die USA alles, was ihre Gesellschaft lebenswert macht. Die Demokraten haben meine Hoffnung auf eine politische Alternative zerstört, indem sie das Erbe der Bush-Zeit übernahmen und legitimierten. Barack Obama mag den Krieg gegen den Terror offiziell für beendet erklärt haben. Der NSA-Staat im Staate aber wird bleiben. Und die USA bleiben eine Weltmacht mit Verfolgungswahn.

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Leserkommentare
    • DDave
    • 23. Juli 2013 17:37 Uhr

    Wie war das nochmal mit der German Angst?

    Obwohl die Amerikaner(sorry für die Pauschalisierung) ihr Recht auf Waffen massiv verteidigen und ein Misstrauen gegenüber dem Staat haben.
    (Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung, Hartz4, ist für den Großteil der Amerikaner nichts anderes als Sozialismus.)
    Wünschen Sie sich vom Staat Sicherheit, die mit der totalen Überwachung der US-Amerikaner und der ganzen Welt einhergeht.
    Aber Sicherheit wird es dadurch nicht geben.
    "Die USA bleiben eine Weltmacht mit Verfolgungswahn." Dieser Satz trifft den Nagel auf den Kopf.

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    "Die USA bleiben eine Weltmacht mit Verfolgungswahn." Dieser Satz trifft den Nagel auf den Kopf."
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    Dass wir den Amerikanern seit Jahrzenhten folgen, sollte ebenfalls erwähnt werden. Hier wird über den Überwachungsstaat berichtet, den wir in 10 Jahren haben werden. Zumindest wenn SPD oder CDU weiter die Majorität stellen.
    Aber für Grün-Gelb-Orange sind die Menschen noch nicht reif, fürchte ich

    Entfernt. Bitte diskutieren Sie den konkreten Artikelinhalt. Danke, die Redaktion/jp

    Moin,

    wer die American Angst sarkastisch persifliert sehen will:
    https://www.youtube.com/w...

    CU

    Die Amis hatten doch als "Weltpolizist" noch nie eine heile Welt. Wie soll das erst mal werden, wenn China noch stärker werden sollte als heute? Und es wird stärker werden.

    Aber sie sorgen vor, falls jemand vorbei kommt, den sie nicht mögen, das kann im Ernstfall auch ankel säm persönlich sein und darum haben sie meist eine oder mehrere Kugelspritzen im Haus. Sie gehen damit ziemlich sorgsam um.

  1. Dem Ganzen ist nichts weiter anzuführen. Eine solche einfache, eindringliche und reele Analyse zur Lage in den USA hätte man sich auch schon eher von den vielen Korrespondenten gewünscht.

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  2. Ich befürchte allerdings, Deutschland entwickelt sich in eine ähnliche Richtung. Auch hier nimmt die Akzeptanz gegenüber dauerhafter, anlassloser und permanenter staatlicher Kontrolle und Überwachung zu. Vielleicht ist es auch bloß Resignation.

    Die Erfahrung von 2 Diktaturen innerhalb von 80 Jahren mag das Pflänzchen des Misstrauens hierzulande noch etwas stärker sprießen lassen, aber je mehr diese durch den zeitlichen Abstand in Vergessenheit geraten, desto geringer auch die Furcht vor den Folgen.

    Das Sicherheitsdenken der Menschen wird immer ausgeprägter, was sich in Diskussionen um Zwangsverordnungen wie bei der Helmpflicht für Fahrradfahrer oder beim Rauchverbot in privatwirtschaftliche betriebener Gastronomie zeigt. Immer mit dem Argument, was für ein Mehr an Sicherheit und bessere Gesundheit sorge, könne doch wohl nicht falsch sein. Und wenn es denjenigen, die dem ablehnend gegenüber stehen an Einsicht mangele, nun, dann muss man sie eben zwingen.

    Dies alles gekoppelt mit einem nach 30 Jahren Dauerbeschallung tief ins Bewusstsein der Bevölkerung eingesickerten Menschenbild, das nur das perfekt funktionale und wirtschaftlich nützlichem Individuum als wirklich vollwertig anerkennt. Ein Mensch, der nicht auf sich achtet, schadet nicht nur sich, sondern auch der Gesellschaft. Von Volkswirtschaft zu Volksschädling ist es da nur noch ein kleiner Schritt.

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  3. I "Bowling for Columbine" polemisch auf den Punkt gebracht:

    http://www.youtube.com/wa...

    4 Leserempfehlungen
    • udo37
    • 23. Juli 2013 17:51 Uhr

    ...das deckt sich mit allen Gesprächen, die ich bisher mit Amerikanern geführt habe. Vor allem den Satz: "I don´t wann talk about it anymore!" Habe ich oft gehört. Allerdings kann man Einzelgespräche nicht auf die Allgemeinheit übertragen - weiß man ja.

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    • Tubus
    • 23. Juli 2013 19:35 Uhr

    "I don´t wann talk about it anymore!"

    Ja, dieser Satz kommt häufiger vor. In der Regel ein Satz, der Hilflosigkeit bedeutet. Und tatsächlich ist der Durchschnittswesteuropäer John Doe intellektuell überlegen. Wie viele US-Amerikaner waren jemals im Ausland? Man vergleiche das unterirdische Informationsangebot dort mit unserer sicher mangelhaften Medienlandschaft. Man weiß aber dort, weil man es von klein auf hört, die USA haben den längsten, dicksten und größten. Die USA vielleicht, aber nicht John Doe. Man fragt sich, warum sind die alle gegen uns? Die Antwort ist einfach. Weil Russen und Chinesen Kommunisten sind und der Rest Moslems, jedenfalls keine guten Christen. Die USA sind gut, böse sind einzelne Menschen. Dass Schusswaffendelikte häufiger sind als in Anatolien oder das mehr Menschen in Gefängnissen sitzen als anderswo will man nicht wahrhaben. Dass die USA bei der sozialen Mobilität hinten sind, passt nicht zum Bild von den unbegrenzten Möglichkeiten und das die Gefängnisse voller sind als sonstwo, nicht zum Bild des "land of the free". Man ist tief verunsichert und fühlt sich von außen angegriffen. Was allerdings in Deutschland nach einem Angriff wie 9/11 los wäre, kann man sich nicht ausmalen.

    • vmm
    • 23. Juli 2013 18:11 Uhr

    Es ist doch hervorragend für eine Regierung,jemandem die Freiheitsliebe und die Demokratie auszutreiben, wenn man ihn mit der Illusion der allgegenwärtigen Gefahr in Angst und Schrecken versetzt,ihn auf der anderen Seite seicht unterhält,während man gleichzeitig seine Kinder mit dem unterrichtet,was man als Glauben für die kommenden Wähler für geeignet hält.Man denke nur einmal 70 Jahre zurück,da hat das doch ganz prima funktioniert.Und heute?Da hört man auch,es gäbe zu wenig Kinder,während es gleichzeitig für Familien immer schwieriger wird und die Jugendarbeitslosigkeit immer weiter ansteigt.Erinnern Sie sich noch an"Volk ohne Raum"und das"Mutterverdienstkreuz"?Wir sind so bedroht,daß der Fingerabdruck eines jeden braven Bürgers eingesammelt und aus ein paar Metern auslesbar in seinen Paß muß.In Amerika haben einige paranoide Eltern angefangen,ihre Kinder zu chippen wie ein Rassehaustier.Sie fühlen sich jetzt übergangen?Die Angst wird schon noch genug geschürt,so daß irgendwann jeder die"Sicherheit"des Chips unter der Haut genießen darf,genau,wie wir uns jetzt mit unseren Fingeradrücken im Paß endlich wohlig sicher fühlen.Was hat Snowden noch im Ärmel?Daß auch sämtliche Meldedten und Krankendaten abgesogen wurden(nein, nicht doch)oder vielleicht der Beweis,daß der Auftakt für diese Sicherheitshexenjagd 9/11 bewußt gestellt war,um all diese hübschen neuen Spielzeuge einführen zu können(das ist aber jetzt völlig abwegig!)? ....miiit Roosen bedaaacht, miiiit Nelken beest...

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  4. Der Artikel trifft sicher eine in den USA oft anzutreffende Einstellung. Aber der Schluss von einigen selbst erlebten Erfahrungen auf die Allgemeinheit ist schlicht ein logischer Fehler. Es gibt inzwischen auch in Amerika erheblichen Widerstand gegen den Überwachungsstaat - zum Glück.

    2 Leserempfehlungen
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    Obama ist schon der "linkste" nur mögliche Präsident, nicht zuletzt weil er 2008 als Außenseiter alle in seiner Partei überrumpelt hat. Ihm wird wieder ein Vertreter des klassischen weißen Establishments nachfolgen, vermutlich Hillary Clinton. Dies wird dann als Sieg für die Frauenbewegung gefeiert werden, obwohl es genauso ein Rückschritt wäre wie die Machtübernahme Merkels, da somit vor allem in der Außenpolitik wieder Reagan-mäßige Zustände herrschen würden - Beispiel: http://www.youtube.com/wa...

    Obama hat den Wandel nicht geschafft, also müssen wir davon ausgehen, dass die gegenwärtigen Zustände dauerhaft sein werden.

  5. Ich bin auch mit einer Amerikanerin verheiratet, wohne allerdings an der Westküste. Hier ist das Gefühl ein komplett anderes. Wenn man einkaufen geht muss man sich nicht wie in Bayern dafür entschuldigen wenn man mal nicht ganz genau weiß wie die Schrauben heißen die man kaufen möchte. Stichwort: Hamma Net! Man wird nicht ständig von allen Leuten blöd angeschaut, wenn man anders angezogen, eine andere Sprache spricht... Die Menschen hier sind interessiert an anderem, da selber jeder anders ist. Ich empfinde hier keine Angst, in Deutschland und insbesondere Bayern allerdings schon.

    11 Leserempfehlungen
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    mit dem Artikel zu tun hat , erschließt sich mir nicht. Ebenso wenig die"Angst in Bayern"!!?

    Amerika ist einfach zu groß, als dass man das Lebensgefühl aller kennen und beurteilen sollte. (Allerdings trifft das ja auch auf die gravierenden Unterschiede z.B. zwischen Ostfriesen und Bayern zu .....)

    Trotzdem: Sie vergleich Äpfel mit Birnen. Das äußerliche Auftreten der US-Bürger ist sicherlich anders als der Deutschen, das sagt aber rein gar nichts über ihre Einstellung als solche aus.

    Und, Angst in Deutschland (insbesondere Bayern)? Sehr oft Ekel und Zorn vor unserer "politischen Kaste", das ja. Aber Angst allgemein? Nein! Verstehe ich auch nicht.

    Da kennen Sie aber ein anderes Bayern als ich, "hamma net" ist keine stereotype Floskel - anders als möglicherweise in Berlin, wo das "hamer nich" ja als stereotyp gilt. Wo wir schon dabei sind finde ich es recht seltsam sich an solchen Stereotypen abzuarbeiten, könnte man genauso mit den eigentlich Distanz aufbauenden doppelgesichtigen Phrasen die Amerikaner so lieben, wie "How are you?" - "Oh, I'm fine!/Just Great/.." und all das andere. In den USA fühlte ich mich immer sehr hm einsam, seltsam. Gerade weil ich selbst Amerikaner bin, bin ich mit meiner Wahlhheimat Bayern wesentlich glücklicher. Aber es gibt ja mindestens genauso viele glühende Amerika-Fans in Deutschland wie sog. "Anti-Amerikaner". Ein realistisches Bild scheint man in meinen Augen zumindest selten anzutreffen. Das liegt auch daran, dass es "die USA" ja so nicht gibt. Schon, wenn wir wieder auf Bayern zurück kommen, die Unterschiede zwischen z.B. Bayern, NRW, Brandenburg und Hamburg sind ja jeweils immens. Soziokulturell, landschaftlich, wirtschaftlich. Bei einem flächenmäßig kleinen Land. Da kann sich auch jeder der die USA noch nie bereit hat leicht vorstellen, wo das erst auf der Fläche zwischen Atlantik und Pazifik sein mag. Es gibt "DIE USA" eben einfach nicht, wirklich nicht. Aber eins ist klar, die Westküste ist mit Sicherheit am wenigsten "repräsentativ", im "american heartland" gilt Kalifornien ja eher als "freak state". Die "guten Leute" in Utah oder sind schon ein Menschenschlag für sich...

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte USA | Barack Obama | Amoklauf | Fitnessstudio | Hörspiel | U-Bahn
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