Am 26. Verhandlungstag hat man eine Ahnung davon bekommen, was für eine Herausforderung dieser Prozess auch an die Konzentration aller Beteiligten darstellt. Am Dienstag sah das Programm so aus: Für 9.30 Uhr waren ein Rechtsmediziner und ein Waffentechniker geladen, um im Fall des ermordeten Enver Şimşek, des ersten mutmaßlichen NSU-Opfers aus dem Jahre 2000, dem Gericht ihre jeweiligen Gutachten zu erklären. Von 13.30 an ging es noch einmal um die Vernehmung des Angeklagten Holger G., dessen Aussagen vergangene Woche bereits durch die Vernehmung eines seiner Ermittlungsbeamten in den Prozess eingeführt wurden. Hierzu wurde ein weiterer Kriminalbeamter vernommen. Und am Nachmittag war die Vernehmung eines Polizeibeamten angesetzt, der im Fall des zweiten mutmaßlichen NSU-Opfers Abdurrahim Özüdoğru ermittelte.

Der Reihe nach: Der Rechtsmediziner, der im September 2000 den damals 38-jährigen Enver Şimşek obduzierte, erläuterte die Schussverletzungen des Blumenhändlers aus Nürnberg, und referierte, wo exakt ihn die Kugeln trafen – und welcher Schuss tödlich war. Der Mediziner sagte, dass von den acht Schussverletzungen eine tödlich gewesen sei – die im Kopf nämlich; alle anderen hätten seiner Meinung nach behandelt werden können, wenn Şimşek schnell genug ins Krankenhaus gekommen wäre.

Der zweite Zeuge an diesem Tag, ein Waffentechniker, erklärt im Anschluss, welche "Schusskanalverläufe" die Kugeln hatten; er rekonstruiert, in welcher Körperhaltung Enver Şimşek getroffen wurde, wann er wie zusammengesackt sein muss, und aus welcher Entfernung der oder die Täter (das könne man nicht mit Genauigkeit sagen) geschossen haben müssen (60 bis 80 Zentimeter). Doch das eigentlich bemerkenswerte bei diesem Zeugen ist, dass der Waffentechniker zwei Jahre gebraucht hat, um dieses Gutachten von sieben Seiten zu verfassen. Der Mord passiert im September 2000, das Gutachten stammt aus dem Jahr 2002. Von einer Nebenklägervertreterin gefragt, warum das so lange gedauert habe, sagte der bayrische LKA-Beamte: Es hätte "vordringlichere" Fälle gegeben: "Wir waren personell knapp besetzt." Und: "Ich war in der Zeit gesundheitlich angeschlagen."

Holger G. schweigt

Ein weiterer Punkt rief bei einigen Prozessbeteiligten Fragen und Kopfschütteln hervor: Der Waffentechniker erläuterte, dass er zur Rekonstruktion des Tathergangs einen SEK-Beamten mit Farbpatronen beschoss, um zu sehen, welchen Verlauf sie nahmen. Dabei wurde ein Video gedreht. Ein Nebenklägervertreter fragte, wo sich dieses Video nun befinde. "Ich war quasi der Regisseur", sagte der Beamte – aber er hätte es selbst nie angeschaut und wisse auch nicht, wo es sich heute befinde.

Als dritten Zeugen an diesem 26. Prozesstag hatte das Gericht einen BKA-Beamten geladen, der Holger G. als einer der ersten vernahm. Er erläuterte im Wesentlichen Bekanntes, da ging es wieder darum, wie G. dem Trio mit seinem Führerschein und Reisepass aushalf, und wie er Anerkennung durch die drei bekam; wie er die "beiden Uwes" als "Macher" bewunderte. Zu dem vierten Zeugen an diesem Tag kam das Gericht nicht mehr, gegen 16.20 Uhr war Schluss.

Vier geladene Zeugen, vier Beamte, zwei Mordfälle, ein Angeklagter, unterschiedliche Themen und Interessen. In der vergangenen Prozesswoche sah es ähnlich aus: An einem Tag ging es um die Brandstiftung in Zwickau, die Beate Zschäpe zur Last gelegt wird, dann wieder ging es um die Vernehmung des Beschuldigten Holger G., der zwar nach seiner Festnahme Ende 2011 umfassend ausgesagt hatte, dann aber beschloss, vor Gericht nichts mehr zu den Vorwürfen gegen ihn zu sagen (er machte lediglich Angaben zu seiner Biografie und verlas eine Erklärung).

Es ist bereits viel über die Dimensionen des NSU-Prozesses gesagt worden, beispielsweise in Zahlen: zehn Morde, begangen in einem Zeitraum von sechs Jahren, eine Anklageschrift von 488 Seiten, 1.000 Ordner mit Verfahrensakten, 600 geladene Zeugen, womöglich zwei bis drei Jahre Prozessdauer. Doch die eigentliche Schwierigkeit des Prozesses, wenn man einen Tag wie Dienstag Revue passieren lässt, sind nicht diese ohne Zweifel beeindruckenden Zahlen allein. Die eigentliche Schwierigkeit ist, dass die Tatvorwürfe nicht chronologisch, sondern parallel verhandelt werden. Es geht vor und zurück, zeitlich wie thematisch. Dieses Hin- und Herspringen muss Konzentration und Disziplin herausfordern – nicht nur die von Richter Manfred Götzl. Auch ihm passiert es gelegentlich, dass er Zeugen dieselbe Frage zweimal stellt.