"Costa Concordia"Kapitän Schettino allein auf der Anklagebank

Der Kapitän der verunglückten "Costa Concordia" steht vor Gericht – als einziger Angeklagter. Die Reederei versucht, sich aus der Verantwortung zu stehlen. von 

"Concordia"-Kapitän Francesco Schettino nach einer Anhörung vor Gericht in Grosseto im Oktober 2012

"Concordia"-Kapitän Francesco Schettino nach einer Anhörung vor Gericht in Grosseto im Oktober 2012  |  © Max Rossi/Reuters

32 Menschen starben am 13. Januar 2012, als die Costa Concordia vor der Mittelmeer-Insel Giglio auf einen Felsen fuhr und kenterte. Für das Unglück wird sich der Kapitän Francesco Schettino ab Mittwochmorgen im toskanischen Grosseto verantworten müssen. Nach der einwöchigen Vertagung wegen eines Anwaltstreiks beginnt gegen den 52-Jährigen das Verfahren in dem umfunktionierten Teatro Moderno. Schettino drohen bis zu 20 Jahre Haft wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung, Havarie, Körperverletzung und vorzeitigem Verlassen des Schiffes.

Zum Prozessauftakt wird der Kapitän allein auf der Anklagebank sitzen. Fünf weitere Mitangeklagte – der Steuermann des Schiffes, zwei Crew-Mitglieder und zwei hochrangige Angestellte der Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere – haben dafür plädiert, direkt mit der Staatsanwaltschaft ein Strafmaß auszuhandeln. Das Gericht in Grosseto soll am 20. Juli entscheiden, ob es dieses Vorgehen zulässt.

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Schettinos Verantwortung für den Schiffbruch sei "unermesslich", sagte der Hauptankläger Francesco Verusio. Der Kapitän habe in der Nacht den Befehl gegeben, vom Kurs abzuweichen und vor der Insel Giglio ein gewagtes Verneigungsmanöver zu starten. Als die Costa Concordia gegen die Felsen prallte, soll Schettino lange gezögert haben, bevor er den Notstand ausrufen ließ und die Hafenkommandatur von Livorno benachrichtigte. Vor allem aber soll er kurz nach Mitternacht, als viele Passagiere noch an Bord waren, das Schiff verlassen haben.

Vergeblich versuchte "Kapitän Feigling", wie die internationale Presse Schettino taufte, einige Anschuldigungen zurückzuweisen. Die Behauptung, er sei zufällig vom Schiff direkt in ein Rettungsboot geschleudert worden, wurde als lächerlich abgetan. Ein inkompetenter, feiger Lügner: Schlechter konnte der Kapitän kaum dastehen. Das Urteil gegen ihn schien schon gesprochen zu sein.

Der weit verbreitete Hass auf Schettino kommt den Mitangeklagten gelegen. Sollte das Gericht den Kapitän als einzigen Verantwortlichen für die Katastrophe schuldig sprechen, würde Costa Crociere einige Millionen Entschädigungsgeld sparen. Vermutlich werden sich aber weder die Reederei noch der Krisenstabsleiter Roberto Ferrarini leicht aus der Verantwortung stehlen können. Staatsanwalt Verusio hat bereits betont, dass Ferrarini und der Hoteldirektor der Reederei durch ihre "fahrlässige und verspätete Reaktion" den Notstand deutlich verschlimmert haben.

Aus den Prozessakten geht hervor, dass Schettino etwa eine Viertelstunde gewartet hat, bevor er das erste Mal die Küstenzentrale in Genua anrief. Dreimal soll der Kapitän in der folgenden Stunde mit dem Krisenstabsleiter Ferrarini gesprochen haben. Anfänglich soll Schettino den Schaden verharmlost, nach wenigen Minuten jedoch zugegeben haben, dass er die Situation nicht mehr unter Kontrolle habe. Trotzdem soll ihm Ferrarini empfohlen haben, das Schiff weiter zu manövrieren – angeblich aus Angst vor einem Eklat.

Leserkommentare
  1. Zwar war Schettinos Verhalten unseemännisch - aber man sollte nicht vergessen, dass auch er auf einem Kreuzfahrtschiff nur ein Befehlsempfänger ist: er hat nicht nur das Schiff zu führen, sondern auch dafür zu sorgen, dass es jederzeit wieder ausgebucht ist.

    Die Gewinnmargen im Kreuzfahrtgeschäft sind gering, hinter den Kulissen gibt es in den Vorstandsetagen Reedereien und bei den Reiseveranstaltern schwere Machtkämpfe.
    Schettino ist nichts weiter, als ein Bauernopfer. Ändern wird sich nichts - bis zur nächsten Katastrophe. Niemand weiß nämlich, wie man z.B. im Fall einer schweren Havarie ein Schiff mit 6000 oder sogar 8000 Menschen an Bord evakuiert - z.B. bei Windstärke 12 und damit einhergehender sehr schwerer See.

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    Und dieser muß er auch gerecht werden. Um die Sicherheit der ihm anvertrauten Fahrgäste zu gewährleisten, muß er auch in der Lage sein, sich "Befehlen" zu widersetzen.

    eines Schiffes trägt auf See allein die Verantwortung für sein Schiff und die auf ihm befindlichen Menschen. Schettino scheint weder fachlich und schon gar nicht charakterlich befähigt, ein Schiff zu führen. Für sein verantwortungsloses Handeln gehört er für lange Zeit "hinter Gitter".

    • cs
    • 17. Juli 2013 8:11 Uhr

    "Die Reederei Costa Crociere hat den Familien einiger Todesopfer bereits Entschädigungen im siebenstelligen Bereich gezahlt. Mehr als 800 Passagiere und Mitarbeiter der Costa Concordia haben die Entschädigungsangebote der Reederei – 11.000 Euro plus 3.000 Euro Reisekosten – jedoch abgelehnt."

    Die siebenstellige Zahl ist der Gesamtbetrag. Ein Menschenleben ist aber bloss 11.000 Euro + Reisekosten wert.

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    Die Summe von 11.000 Euro bekamen die Passagiere, die nicht ums Leben kamen zzgl. Reisekosten. Wie man als Opfer (ich rede hier nicht von den Toten) aber auf eine halbe Million klagen kann ist mir rätselhaft. Man will aus dem Unglück halt ein ordentliches Geschäft machen.

  2. Und dieser muß er auch gerecht werden. Um die Sicherheit der ihm anvertrauten Fahrgäste zu gewährleisten, muß er auch in der Lage sein, sich "Befehlen" zu widersetzen.

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    Dazu braucht man allerdings erfahrene Kapitäne. Eigentlich ist es üblich, dass die Führung eines Passagierschiffs dieser Größenordnung in den Händen von Kapitänen liegt, die als verantwortlicher Kapitän über viele Jahre Erfahrung in der Frachtschifffahrt verfügen und danach in der Passagierschifffahrt Erfahrungen als Wachoffizier gesammelt haben.
    Für die Auswahl des Personals ist aber allein die Reederei verantwortlich.

    Was da passiert ist, sind Fehler im System. Aber vermutlich muss erst etwas richtig Schlimmes passieren, bis hier Einsicht einkehrt. Inzwischen gibt es weltweit sehr hohe Sicherheitsstandards in der Seeschifffahrt. Aber jede einzelne Vorschrift ist die Folge schwerer Unfälle. Selbst Alkohol am Ruder war bis vor wenigen Jahren NICHT verboten.
    Und die Frage, wie man ein Schiff, auf dem sich 7000 oder 8000 Menschen befinden, im Orkan auf hoher See evakuiert und wie anschließend die Bergung der in der See treibenden Menschen funktionieren soll - ist immer noch nicht geklärt. Man weiß es nicht, man hat es mit einer Blackbox in diesem Fall zu tun.

    Ich habe die schlimme Befürchtung, dass wir da in den kommenden Jahren bzw. Jahrzehnten noch sehr schlimme Erfahrungen machen müssen. Die Frage ist nämlich nicht ob irgendwann so eine Katastrophe passiert, die Frage ist, wann sie passiert. Und mit ein paar Hubschraubern und einigen in der Nähe befindlichen Frachtschiffen ist es in einem solchen Fall NICHT getan.

  3. Dazu braucht man allerdings erfahrene Kapitäne. Eigentlich ist es üblich, dass die Führung eines Passagierschiffs dieser Größenordnung in den Händen von Kapitänen liegt, die als verantwortlicher Kapitän über viele Jahre Erfahrung in der Frachtschifffahrt verfügen und danach in der Passagierschifffahrt Erfahrungen als Wachoffizier gesammelt haben.
    Für die Auswahl des Personals ist aber allein die Reederei verantwortlich.

    Was da passiert ist, sind Fehler im System. Aber vermutlich muss erst etwas richtig Schlimmes passieren, bis hier Einsicht einkehrt. Inzwischen gibt es weltweit sehr hohe Sicherheitsstandards in der Seeschifffahrt. Aber jede einzelne Vorschrift ist die Folge schwerer Unfälle. Selbst Alkohol am Ruder war bis vor wenigen Jahren NICHT verboten.
    Und die Frage, wie man ein Schiff, auf dem sich 7000 oder 8000 Menschen befinden, im Orkan auf hoher See evakuiert und wie anschließend die Bergung der in der See treibenden Menschen funktionieren soll - ist immer noch nicht geklärt. Man weiß es nicht, man hat es mit einer Blackbox in diesem Fall zu tun.

    Ich habe die schlimme Befürchtung, dass wir da in den kommenden Jahren bzw. Jahrzehnten noch sehr schlimme Erfahrungen machen müssen. Die Frage ist nämlich nicht ob irgendwann so eine Katastrophe passiert, die Frage ist, wann sie passiert. Und mit ein paar Hubschraubern und einigen in der Nähe befindlichen Frachtschiffen ist es in einem solchen Fall NICHT getan.

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  4. kommen da schon fast eine halbe Milliarde Euro zusammen.

    Genug Gründe um alle möglichen Hebel in Bewegung zu setzen, damit das Opferlamm seine Rolle nicht verfehlt. (Auch wenn das Lamm diesmal nicht unschuldig ist)

  5. nur muß man differenzieren. Hier geht es erst mal um die Überlegung wer für diesen speziellen Fall verantwortlich ist. Da gibt es im Seerecht nur eine Antwort...der Kapitän. Er hätte einen anderen Kurs wählen müssen und auch können. Er hätte die Rettungsmaßnahmen besser koordinieren können...hat er aber nicht. Er hat sich nicht so verhalten wie er es gelernt hat. (und ja das hat er gelernt,wirklich...). Die andere frage wie man so ein Schiff? ...eher Containerhotel auf Meer...sinnvoll räumen kann, ist eine gute Frage aber betrifft nicht den hier kommentierten Artikel. Leider wird es wohl ein oder zwei extreme Unfälle auf diesen Pötten benötigen bevor die Behörden aufwachen...

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  6. Die Summe von 11.000 Euro bekamen die Passagiere, die nicht ums Leben kamen zzgl. Reisekosten. Wie man als Opfer (ich rede hier nicht von den Toten) aber auf eine halbe Million klagen kann ist mir rätselhaft. Man will aus dem Unglück halt ein ordentliches Geschäft machen.

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    und eventuelle Lebenslange psychische Schäden??

    Ist dafür wirklich eine halbe Million Euro zu viel??

  7. eines Schiffes trägt auf See allein die Verantwortung für sein Schiff und die auf ihm befindlichen Menschen. Schettino scheint weder fachlich und schon gar nicht charakterlich befähigt, ein Schiff zu führen. Für sein verantwortungsloses Handeln gehört er für lange Zeit "hinter Gitter".

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    Er hatte alle Patente und auch "eigentlich" die nötige Erfahrung mit Kreuzfahrtschiffen.Das macht es ja so schlimm.

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  • Schlagworte Gericht | Schiff | Tourismusbranche
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