Papst in Brasilien : Wie Franziskus die Machtachse der Kirche verschiebt

Franziskus' Brasilien-Reise steht für einen Kurswechsel des Vatikans: Lateinamerika könnte mehr Macht bekommen, konservative Bischöfe sind alarmiert. Von T. Käufer, Rio
Papst Franziskus umarmt auf seiner Brasilien-Reise einen Jungen in Rio de Janeiro. © Evelson de Freitas/dpa

Es geht revolutionär zu in der katholischen Kirche. Das jedenfalls findet Nicolás Cotugno. Der Erzbischof aus Uruguays Hauptstadt Montevideo sieht in den zahlreichen Gesten und Symbolen, die der erste lateinamerikanische Papst beim Weltjugendtag in Brasilien aussendet, eine Revolution nahen. Das sagte er der uruguayischen Tageszeitung El Pais. Franziskus mache das Pontifikat den Menschen wieder zugänglich und er zeige keine Berührungsängste.

Die Brasilien-Reise des ersten Kirchenoberhauptes aus Lateinamerika gleicht bislang einem Triumphzug. Das liegt auch darin begründet, weil sie den gesellschaftlichen Zeitgeist dort trifft. Der Heimatkontinent des Papstes emanzipiert sich nämlich mehr und mehr von den USA und Europa.

Als Franziskus in dieser Woche in der Favela Varginha zu den Menschen sprach, blickte er von der Tribüne auch auf ein riesiges Bild des vor 33 Jahren ermordeten Erzbischofs von San Salvador. Oscar Romero steht für den Teil der lateinamerikanischen Kirche, der es stets schwer hatte, bevor Franziskus auf den Stuhl Petri kam.

Ein solches Bild hätte zu Zeiten von Benedikt XVI. ganz sicher nicht vor den Augen des Papstes gehangen. Der Seligsprechungsprozess Romeros wurde von konservativen europäischen Kräften stets gebremst. Sie befürchteten eine Instrumentalisierung des Kirchenmannes von linksgerichteten Politikern. Viele lateinamerikanische Katholiken empfinden das bis heute als ungerecht. Für sie ist eine Seligsprechung Romeros auch eine Frage des Stellenwertes, den der Vatikan der Kirche des katholischsten aller Kontinente entgegenbringt. Eine Entscheidung von Franziskus für Romero würde in Lateinamerika auch als eine Emanzipierung gewertet werden.

  

Wird Europa entmachtet?

Bislang sind alle wichtigen Entscheidungen der katholischen Kirche von Europäern in Europa gefällt worden. Nun schickt sich ein Lateinamerikaner an, die Machtachse der Kirche zu verschieben. Bereits im September, so vermuten es die Experten, könnte der Posten von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone neu besetzt werden. Vieles deutet darauf hin, dass Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras einer der aussichtsreichsten Kandidaten auf den wichtigsten Posten im Vatikan hinter dem Papst ist. Schon jetzt ist er einer der wichtigsten Berater des Papstes für eine anstehende Reform der Kurie. Es wäre in der Tat eine Revolution, würden die beiden wichtigsten Positionen künftig von Lateinamerikanern besetzt werden.

Die katholische Kirche in Lateinamerika und der Sozialismus, das hat bislang nur selten zusammengepasst. Bis jetzt. Papst Franziskus und seine Ausrichtung hin zu einer "Kirche der Straße" weckt bei den Linksregierungen auf dem Kontinent Begehrlichkeiten. Venezuelas Präsident Nicolas Maduro griff bereits zur Feder und schlug dem argentinischen Papst einen Pakt vor. Die Kirche und der vorwiegend aus sozialistisch regierten Nationen bestehende Staatenbund Alba könnten eine strategische Allianz bilden. Der Nachfolger des verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez hat in Venezuela eine "Regierung der Straße" ausgerufen. Ziel des Pakts mit dem Vatikan, so Maduro, könne die Bekämpfung des Analphabetismus und des Hungers sein.  

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

34 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Es gibt doch noch Leute,

die in der allgemeinen Franziskus-Hysterie einen kühlen Kopf bewahren. Ich kann dieser Bescheidenheits-Show und Bescheidenheits-Rhetorik auch nichts abgewinnen. Und was die Medien treiben, ist noch allemal Personenkult pur.
Bei einer Sache in Ihrem Posting bin ich allerdings ratlos: Nämlich bei Ihrem Hinweis auf den CIC. Ich wollte Ihre Aussage verifizieren, finde aber im Index absolut kein Stichwort, das mich zum entsprechenden Canon führen würde. Könnten sie mir bitte die Nummer des Canons angeben?

Das Phänomen Macht

"Leider scheint die Macht der Kirchen dank staatlicher Unterstützung hierzulande noch zuzunehmen, obwohl die Mitgliederzahlen sinken."

Was ist denn das Phänomen Macht? Das hat nichts mit staatlicher Unterstützung zu tun. Es hat auch nichts mit Repression zu tun.

In der Demokratie hat der Macht, der es schafft, die Meinungen von vielen zu vereinen. Und wie macht man das am besten? Natürlich über die Medien. Und darüber, dass man überhaupt eine Meinung vertritt, der sich Menschen anschliessen können.

Nachdem die Medien und Kommentatoren es den Politikern abgewöhnt haben, eine eigene Meinung kundzutun, springen halt die Kirchen in dieses "Machtvakuum"...
Und Vorsicht: die Kirche ist mehr Kritik gewöhnt als die meisten Politiker... ;-)

Es lebe ausländisches Webradio

Das ist mit einer der Gründe, warum ich fast nur noch ausländische Webradiosender höre. Und sobald das Wort zum Sonntag im TV erscheint, schalte ich so schnell wie möglich weg. Ich würde es mir anschauen, wenn dezidiert offengelegt würde, wieviele Priester strafrechtlich wegen sexueller Übergriffe auf Kinder verurteilt worden sind und wie hoch die Entschädigungszahlungen der Kirche an die Opfer sind. Aber da beides sich im Promillebereich bewegt und wundersamerweise Akten vernichtet worden sind, wird es auch beim Wort zum Sonntag nur die üblichen "Kirche ist toll und finanziert Kindergärten, Krankenhäuser und Altenheime"-Märchen geben.

Aber wer weiß, vielleicht bekommen wir ja in 10 Jahren pro Haushalt einen orwell´schen Teleschirm, der uns zwangsweise mit kirchlichen Botschaften versorgt und nicht abgestellt werden kann. Eine Behörde mit bundesweitem Melderegister für die angeblich so gerechte Haushaltsabgabe gibt es ja schon.