Homosexuelle : Zu viel Fetisch beim CSD

Der Christopher Street Day ist zu einer Fetisch-Parade verkommen, schreibt Leser Christian Kaiser. Wo bleibt die politische Aussage?

Die Welt der Schwulen, Lesben und Transgender wird gern als bunt bezeichnet, weil sie unterschiedliche Lebensweisen toleriert und das Anderssein feiert, statt es zu verstecken. Ich bin froh, dass unsere Gesellschaft diese Vielfalt toleriert und ich meine Orientierung offen leben kann.

Deshalb müsste ich die sogenannten Schwulenparaden wie den Christopher Street Day (CSD) in Berlin oder die Gay Pride Parade in Köln eigentlich gut finden, schließlich wird die Vielfalt sexueller Orientierung nirgends so offen gelebt wie hier. Aber ich sehe diese Paraden kritisch.

Beim CSD geht es nicht mehr darum, politische Positionen zu vertreten, sondern den eigenen Fetisch zur Schau zu stellen. Für die meisten Passanten ist der CSD mehr ein Kuriositätenkabinett als eine Demonstration gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.

Es ist wichtig, um Toleranz für unterschiedliche Lebensweisen zu werben. Aber welche politische Aussage hat es, wenn Männer in String-Tanga und Schweinemaske auf allen vieren kriechende Jungs am Halsband hinter sich herziehen? Stärkt es die Rechte von Lesben und Schwulen, wenn sie ihre sexuellen Vorlieben öffentlich machen?

Das Gegenteil ist der Fall. Eine öffentliche Parade wird auch von Menschen gesehen, in deren Weltbild kein Platz ist für die öffentliche Zurschaustellung von privaten Vorlieben. So wie wir Respekt für unsere Lebensweise erwarten, können auch diese Menschen Respekt für ihre Weltanschauung erwarten. Wenn wir das nicht respektieren, dürfen wir uns nicht wundern, wenn sie sich provoziert fühlen.

Provokation schürt Vorurteile

Aber Provokation ist der falsche Weg, um für seine Rechte zu kämpfen, denn sie lenkt von der Ernsthaftigkeit unseres Anliegens ab. Heterosexuelle demonstrieren ja auch nicht in Tanga und auf Knien rutschend für ihre Belange.

Bei weniger aufgeklärten Menschen tragen solche Auftritte nur zur Vorstellung bei, alle Schwulen hätten einen extremen Fetisch. Als gäbe es keine Schwulen, die man nicht schon aus 100 Meter Entfernung als solche erkennt!

Kein Wunder also, dass manche Menschen in unserer Gesellschaft der Meinung sind, Schwule seien nicht normal. Diese Menschen mögen intolerant und unaufgeklärt sein, aber ist es ihnen zu verdenken, wenn das einzige, was sie von Schwulen zu Gesicht bekommen, eine alljährliche Ansammlung von Exhibitionisten ist?

Wenn der CSD wieder zu einer Veranstaltung wird, bei der es um politische Wirkung und gesellschaftliche Akzeptanz geht, bin ich dabei. Aber in Jeans und T-Shirt. Und mit meiner politischen Botschaft: Ich möchte so akzeptiert werden, wie ich bin.  

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Kommentare

138 Kommentare Seite 1 von 16 Kommentieren

Ähnlich argumentieren ...

die Gesetzgeber in Russland.

Wie sieht es mit "heteroseuxellen" Veranstaltungen bei denen ähnlich viel nackte Haut gezeigt wird. Da würde mir beispielsweise der Karneval einfallen. #

Minderjährige sind durch Freunde/Schule/Internet schon aufgeklärter als einige glauben möchten.

Und in einer meiner Lieblingsserien sagte es jemand so passend:

„Mit dem ersten Glied ist die Kette geschmiedet. Wenn die erste Rede zensiert, der erste Gedanke verboten, die erste Freiheit verweigert wird, dann sind wir alle unwiderruflich gefesselt.“

Hinschleppen?

Ein Kind kann schon mal mit seinen Eltern zufällig in den CSD geraten, der ja nun auch bewusst die gesamte Öffentlichkeit sucht, indem er durch die Innenstadt von Großstädten zieht.
Anders herum betrachtet könnte ein "jugendfreier" CSD ja sogar noch mehr Menschen erreichen... und vielleicht sogar bei vielen unbedarften Zuschauern sympathischer rüberkommen...
"Verbote sind das dämlichste..." Ob Verbot oder nicht, darüber kann man streiten. Jugendschutzgesetze sind meiner Meinung nach kein Allheilmittel (wie kein Gesetz), aber sicher nicht das "Dämlichste"... Wer Kindern Schnaps anbietet, gehört bestraft. Und wer Sex auf offener Straße zeigt, verhält sich nicht viel anders als ein Erwachsener, der XXX-Filme 12jährigen zeigt.
Natürlich ist nicht alles Porno beim CSD, das will ich nicht behaupten. Aber vieles geht doch sehr in die Richtung, und zwar als Provokation auch ganz bewusst.

So einfach ist das nicht

Der CSD findet - wohl auch bewusst - im öffentlichen Raum statt, und zwar nicht irgendwo außerhalb auf der grünen Wiese, sondern mitten in der Stadt. Was im Übrigen auch ok ist, denn ich bin ja nicht gegen den CSD per se. Schwulenrecht und schwules Lebensgefühl müsen sich nicht verstecken.
Aber es ist durchaus möglich, mit Kindern in diese Parade hineinzugeraten, teils, weil man zufällig in der Stadt ist, teils, weil man sie sich etwas anders vorgestellt hatte...

Interessantes Szenario

Ich denke, dass "das schwule Paar, das keine Wohnung bekommt, weil der Vermieter ja vom CSD weiss, was da abgeht. Oder die transsexuelle Frau, die keinen Job findet, weil man im Unternehmen keinen Paradiesvogel braucht. Oder eine lesbische Frau, der man die Mutterqualitäten abspricht, in so einem Ambiente..." da einfach an jemanden geraten ist, der nicht zwischen dem Verhalten auf einer politischen Demonstration (wo man gehört werden und auf etwas aufmerksam machen will) und dem Verhalten im Arbeitsalltag bzw. im privaten Alltag daheim unterscheiden kann. Aber sollte man nach solchen - mit Bitte um Entschuldigung der Wortwahl - Schwachmaten sein Verhalten ausrichten?

und so...

“It doesn't have any effect on your life. What do you care?! People try to talk about it like it's a social issue. Like when you see someone stand up on a talk show and say, "How am I supposed to explain to my children that two men are getting married?... I dunno. It's your shitty kid. You fuckin' tell 'em. Why is that anyone else's problem? Two guys are in LOVE and they can't get married because you don't want to talk to your ugly child for five fuckin' minutes"
Louis C.K.