NSU-ProzessZschäpes Lästereien im Gefängnisbus

Hat das BKA Beate Zschäpe gegen ihren Willen ausgefragt? Ihre Verteidiger versuchen, Gesprächsnotizen von Ermittlern aus dem NSU-Prozess zu verbannen. von 

Beate Zschäpe, Hauptangeklagte im Münchner NSU-Prozess mit ihren Anwälten Wolfgang Heer (l.) und Wolfgang Stahl

Beate Zschäpe, Hauptangeklagte im Münchner NSU-Prozess mit ihren Anwälten Wolfgang Heer (l.) und Wolfgang Stahl  |  © Johannes Simon/Getty Images

Der Mann mit dem Schnurrbart und den grauen Strähnen im Haar kennt Beate Zschäpe gut. Jedenfalls sagt er mehr über sie, als viele, die mal viel mit ihr zu tun hatten, aber nicht reden wollen. Etwa die ebenfalls Angeklagten Ralf Wohlleben und André E.

Weil auch die Hauptangeklagte im NSU-Prozess nichts sagt, müssen andere ran – nämlich die, mit denen Zschäpe wenigstens kurz gesprochen hat. Das Gericht hat drei Polizeiangehörige geladen, die irgendwann während der Ermittlungen mit Zschäpe Kontakt hatten. Zwei hatten bereits am Vortag ausgesagt, nun ist der Erste Kriminalhauptkommissar Rainer B. dran. Er bringt es auf acht Stunden gemeinsame Zeit. Wo sonst fast ausnahmslos geschwiegen wird, ist das durchaus viel.

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B. brachte Zschäpe Ende Juni 2012 vom Untersuchungsgefängnis in Köln nach Gera, wo sie ihre Mutter und ihre Großmutter traf. Jeweils vier Stunden dauerten die Hinfahrt und der Rückweg nach Köln am darauf folgenden Tag. Auch zwei weitere Kolleginnen vom BKA saßen mit in dem VW-Bus. Zschäpe, an Händen und Füßen gefesselt, sei vor der Fahrt zu ihren Verwandten richtig aufgeregt gewesen. Der Kommissar wies sie nach eigener Angabe darauf hin, dass über ihre Äußerungen während der Fahrt ein Vermerk geschrieben würde. Zschäpe antwortete demnach, sie wisse das.

Sie hätten übers Wetter gesprochen. B. habe gefragt, ob sie das Phänomen kenne, dass man am Strand der Ostseeinsel Fehmarn sehen kann, wie es auf dem Festland regnet. "Wer sagt denn, dass ich jemals auf Fehmarn war?", habe die Beschuldigte entgegnet. "Ich dachte, das sei geklärt", habe er geantwortet. Die Ermittler wissen, dass Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt mehrmals mit einem Wohnmobil Urlaub auf der Insel gemacht haben. Auf das Thema sei er jedoch zufällig gekommen.

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Zschäpe sei "ruhig und sachlich" gewesen, über ihre Ideologie sei nicht gesprochen worden, sagt B. Allerdings habe sie sich zu der Andeutung geäußert, die sie bereits einem anderen BKA-Ermittler gemacht hatte: Demnach hätte sie sich gestellt, um irgendwann auszusagen; ihr Anwalt habe ihr später jedoch davon abgeraten. Dabei habe sie eigentlich Angaben machen wollen, als ihre Großmutter sehr krank war, "um sich bei ihr zu entschuldigen". Was sie damit genau meinte, erklärte sie B. zufolge jedoch nicht. Laut dem Vermerk, den seine Kollegin nach der Fahrt schrieb, sagte Zschäpe zudem, sie sei "niemand, der nicht zu seinen Taten steht".

B.s Aussage zufolge hatte Zschäpe während der knapp acht Stunden, die er mit ihr sprach, vor allem ein Lieblingsthema: die angebliche Unfähigkeit ihres Anwalts Wolfgang Heer. Der Kölner war der erste, den die Beschuldigte nach ihrer Verhaftung mit ihrer Verteidigung beauftragt hatte, später kamen noch Wolfgang Stahl und Anja Sturm dazu. "Der macht ja eigentlich sehr wenig", habe sich Zschäpe aufgeregt. Außerdem habe sie ihn verdächtigt, gute Beziehungen zu einer Tageszeitung unterhalten und Akten an Journalisten weitergereicht zu haben. Ihre Aufregung habe in einer Behauptung gegipfelt, wonach Heer Zschäpes Mutter Annerose aufgefordert habe, dem ARD-Magazin Panorama ein Interview zu geben. Dazu kam es letztlich nicht.

Schließlich habe Zschäpe auch noch überlegt, wie sie am besten einen weiteren Verteidiger finden könne. B. gab ihr daraufhin nach eigener Aussage den Tipp, ihre Mutter um die Suche nach einem Anwalt zu bitten.

Leserkommentare
  1. vor, als wäre Sie nun stolz auf Ihre Taten.

    "So einen Fall wie mich hat's doch noch nie gegeben."

    Und richtig unglücklich scheint sie auch nicht zu sein.
    (wenn Sie den Raum betretet),
    Ich kann mich ja irren, aber ich werde das Gefühl nicht los,
    das Sie diese Aufmerksamkeit genießt.

    Die Gesinnung ist immer noch fest verankert, hatte gelesen gehabt die drei Anwälte hätte Sie selber ausgesucht, wer sucht sich bitte schön Sturm, Stahl, Heer an Anwälte aus.

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    • fx66
    • 04. Juli 2013 4:18 Uhr

    Erst informieren, nicht irgendwas vom Hörensagen übernehmen:

    > Die drei sind nicht auf Vermittlung alter Seilschaften zu dem Mandat
    > gekommen, sondern durch die Vermittlung eines Kollegen.
    ...
    Beate Zschäpe holt sich starkes Verteidiger-Team - weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-all...

    • cafbad
    • 04. Juli 2013 8:24 Uhr

    Solange Sie nicht wissen, wie Frau Zschäpe etwas gesagt hat, können Sie die Aussage auch nicht interpretieren.

    Sie können sich das anhand eines einfachen Gedankenexperiments veranschaulichen: Unterlegen Sie dem Satz "So einen Fall wie mich hat's doch noch nie gegeben" einfach eine der folgenden Emotionen: verzweifelt, wütend, erregt, traurig, euphorisch, glücklich ...
    Sie sehen, es kommt jedes Mal eine völlig andere Bedeutung heraus.

    Solange wir nicht wissen, wie jemand etwas gesagt hat (nonverbale Kommunikation), können wir auch nicht wissen, wie das, was gesagt wurde (verbale Kommunikation), gemeint war.

  2. An solchen Diskussionen wird deutlich, wie der Rechtsstaat sich abschafft, indem er sich ad absurdum führt.

    3 Leserempfehlungen
  3. Privatgespräche -nebenbei geführt- sind Hörensagen. Die haben in einem Gerichtsverfahren nichts zu tun. Das ist doch keine unverbindliche Plauderstunde, sondern es geht darum, der Angeklagten die Teilnahme an 10 Morden und anderen Straftaten eindeutig nachzuweisen.

    Das kann man sicherlich nicht mit weiter getratschten Alltagsbemerkungen.

    Eine Leserempfehlung
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    ....wenn ein Beschuldigter der zuvor nach der StPO über seine Rechte belehrt wurde (und selbst wenn das Wochen zuvor war), danach in irgendeiner Form - und wenn auch nur in einem unverfänglichen Gespräch - etwas zur Sache aussagt, dann ist das sehr wohl verwertbar, wenn man denjenigen der das Gesagte bezeugen kann, in den Zeugenstand ruft und vor Gericht aussagen lässt.

    Dieser - älteste aller Ermittlertricks - funkioniert immer wieder wunderbar. Ich arbeite bei der Finanzkontrolle Schwarzarbeit. Sie glauben gar nicht wie viele Beschuldigte nach frisch erfolgter Belehrung - und noch während der Durchsuchung - nach 10 oder 15 Min - ggf. aus dem Drang heraus irgend etwas zur Situation sagen zu müssen - aus dem Nähkästchen plaudern. Man gewöhnt sich an, mindestens einen Beamten während einer Durchsuchung nur dem Beschuldigten zuzuordnen und sich mit diesem "ein wenig unverfänglich zu unterhalten" :-)

    In strafrechtlichen Ermittlungsverfahren, ist es wie sonst auch im Leben, die Schlauen und diejenigen die sich selbst unter Kontrolle (auch wenn das manchmal nicht einfach fällt) haben, haben immer bessere Chancen als die Dummen und Unvorsichtigen.

    Es ist etwas komplizierter.

    http://www.strafverteidig...

  4. ...Sie kennen doch gewiss die Nachnamen des Verteidiger-Teams nicht wahr?

  5. Wenn das amtlich/gerichtlich (kenne den offiziellen Ausdruck leider nicht) bestätigt und verbrieft ist, wird ihr dieser Satz zur "Schießbude der Nation" gereichen.

    Shitstorm ist dann kein Measurement mehr. Diese Dämlichkeit (abgeleitet von "Dame", prust) wird eine Flut von Memes hervorbringen.

    Epic. *händereib*

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    ... es wird wenige interessieren (noch nicht), aber das hat so eine tolle Sprengkraft, was die "besondere Uschi" da verlautbart. Herrlich!

    Zonengabi mochte Bananen.
    Das ging unter.
    Beate hatte schönes Haar.
    Kam aber auch nicht klar.

    Das ist doch eine ganz klar zutreffende Aussage. Oder können Sie einen anderen, ähnlich gelagerten Fall nennen?
    Da niemand weiß, in welchem Tonfall, mit welcher Absicht, worauf bezogen die Angeklagte das gesagt hat (und auch nicht, ob sie es überhaupt gesagt hat, es handelt sich hier ja nur um Gesprächsnotizen eines zufällig mitfahrenden Polizisten), ist es einfach nur hineininterpretiert, wenn hier jemand behauptet, sie habe damit Stolz auf ihre Taten bekundet.
    Genauso wahrscheinlich ist es, daß sie einfach die (wohl realistische) Einschätzung abgegeben hat, daß angesichts der Dimension der Vorwürfe und der unklaren Lage kaum absehbar sein wird, welches Urteil sie erwartet.

  6. 6. Gewiss

    ... es wird wenige interessieren (noch nicht), aber das hat so eine tolle Sprengkraft, was die "besondere Uschi" da verlautbart. Herrlich!

    Zonengabi mochte Bananen.
    Das ging unter.
    Beate hatte schönes Haar.
    Kam aber auch nicht klar.

    • fx66
    • 04. Juli 2013 4:18 Uhr

    Erst informieren, nicht irgendwas vom Hörensagen übernehmen:

    > Die drei sind nicht auf Vermittlung alter Seilschaften zu dem Mandat
    > gekommen, sondern durch die Vermittlung eines Kollegen.
    ...
    Beate Zschäpe holt sich starkes Verteidiger-Team - weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-all...

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Also mir kommt es so"
  7. Das ist doch eine ganz klar zutreffende Aussage. Oder können Sie einen anderen, ähnlich gelagerten Fall nennen?
    Da niemand weiß, in welchem Tonfall, mit welcher Absicht, worauf bezogen die Angeklagte das gesagt hat (und auch nicht, ob sie es überhaupt gesagt hat, es handelt sich hier ja nur um Gesprächsnotizen eines zufällig mitfahrenden Polizisten), ist es einfach nur hineininterpretiert, wenn hier jemand behauptet, sie habe damit Stolz auf ihre Taten bekundet.
    Genauso wahrscheinlich ist es, daß sie einfach die (wohl realistische) Einschätzung abgegeben hat, daß angesichts der Dimension der Vorwürfe und der unklaren Lage kaum absehbar sein wird, welches Urteil sie erwartet.

    5 Leserempfehlungen
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    Dazu passt auch, dass Herr B. ja wohl gesagt hat, dass üblicherweise(!) ein Geständnis honoriert wird. Dann wäre Frau Zschäpes Antwort, der durchaus richtige Hinweis darauf, dass der gegen sie erhobene Tatvorwurf eben kein üblicher Fall ist.

    "Das ist doch eine ganz klar zutreffende Aussage. Oder können Sie einen anderen, ähnlich gelagerten Fall nennen?"

    Den einer gewöhnlichen Brandstifterin, die sich ansonsten in naiver Unschuld der Katzenpflege widmete? Das ist doch die Verteidigungslinie in- und außerhalb des Verfahrens - oder irrt hier der Verfasser?

    Ich sag's ja: das war ein fundamentales Statement. Und es gibt keinen Betrachtungswinkel, bei dem die "auserwählte Helga" gut wegkäme. Ein heftiger Schlag ins Kontor. Kein Wunder, dass die Anwälte schwitzen.

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