Ordner mit der Anklageschrift im NSU-Prozess gegen Beate Zschäpe © Johannes Simon/Getty Images

"Diese Dame." Für Pinar Kiliç ist Beate Zschäpe nur "diese Dame" oder "diese Frau". Kiliç ist im Gericht geladen, um im NSU-Prozess als Zeugin auszusagen. Es geht um ihren Mann – den aus der Türkei eingewanderten Arbeiter Habil Kilic, ermordet am 29. August 2001.

Was er für ein Mensch war und welche Lücke sein Tod hinterlassen hat, das soll die Vernehmung klären. Doch für Kiliç ist es eine Abrechnung. Die Gelegenheit, der Frau in die Augen zu sehen, die mutmaßlich eine Mitschuld am Tod ihres Mannes trägt. Am Vater ihrer Tochter Deniz, die zur Tatzeit zwölf Jahr alt war. Der Umgang mit der Witwe ist nicht einfach. So ist das, wenn fast zwölf Jahre angestaute Wut ausbrechen.

Habil Kiliç starb als viertes Opfer der NSU-Mordserie. Seiner Frau gehörte ein Gemüsegeschäft im Südosten von München, in dem er mithalf, wenn er von seiner Schicht als Arbeiter auf dem Großmarkt zurückkehrte. Am Todestag ihres Mannes war Pinar Kiliç im Urlaub in der Türkei. Habil Kiliç schmiss daheim den Laden, er stand hinter der Theke, als zwischen 10.35 und 10.50 Uhr seine Mörder hereinkamen – nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Wahrscheinlich sah Kiliç nicht einmal die Waffe, aus der ihn zwei Kugeln trafen: Weil keine Patronenhülsen am Tatort gefunden wurden, gehen die Ermittler davon aus, dass die Täter eine Plastiktüte über die Pistole gezogen hatten. Es handelte sich um die Ceska 83, die schon bei den drei Migrantenmorden zuvor und auch bei den fünf folgenden zum Einsatz kam.

Neben der Tat riefen vor allem die Ermittlungen dazu Empörung hervor, nachdem der NSU aufgeflogen war: Die Mordkommission ermittelte im deutsch-türkischen Milieu, es ging um PKK und Graue Wölfe, um Glücksspiel, Drogen, Prostitution. Als sei Habil Kiliç ein Mafioso gewesen, den die Blutrache getroffen habe. Dass er das Opfer von Rechtsextremisten wurde, darauf kamen die Ermittler nicht.

Daher richtet sich Pinar Kiliç‘ Wut auch auf die Polizei. Darüber will sie sprechen, nicht über ihren Lebenslauf. Als Richter Manfred Götzl den mit ihr durchgehen will, wird sie wütend: "Was ist wichtiger – unser Schicksal oder dass sie eine Strafe bekommt, diese Frau?" Wieder schaut sie zu Zschäpe herüber. Götzl gelingt es nicht, ihr den Zweck ihrer Aussage zu vermitteln. Ihre Antworten bleiben knapp, vieles ist schwer zu verstehen.

"Ein sehr guter Mensch", ein "anständiger Mann" sei Habil Kiliç gewesen, erzählt die Witwe. Sie schildert, wie sie ihn kennenlernte, dann, wie er früh morgens in der Münchner Großmarkthalle arbeitete, um ihr später am Tag im Laden zu helfen. Götzl fragt sie, wie ihr Leben nach dem Mord verlaufen sei. Wieder schaut die Witwe zur Hauptangeklagten: "Können Sie das verstehen? Was die Leute über uns reden?" Sie herrscht Zschäpe an: "Können Sie sich das vorstellen? Hm?" Zschäpe blickt nach unten. Ihre Gesichtszüge sind verhärtet. Götzl muss die Zeugin schließlich ermahnen, wem sie die Antworten zu geben habe.

Dann kann Kiliç doch etwas flüssiger erzählen, was ihr nach dem 29. August 2001 geschah: wie die Polizisten ihre Wohnung durchsuchten und die Möbel ruinierten, wie die Ermittler sogar in die Türkei reisten, um Angehörige zu befragen. Kiliç gab den Laden und die alte Wohnung auf, an ihrer neuen Arbeitsstelle sei sie schikaniert worden, erzählt sie. Zudem sei ihre Tochter der Schule verwiesen worden, weil die Schulleiterin gefürchtet habe, die Täter könnten auch hinter dieser her sein und die Schule stürmen. Ein Martyrium.